.


Zur Druckversion

17.08.06

Wilhelm Ruprecht Frieling

Onkel Wumba aus Kalumba

Hurra, ich bin reich! Bald werde ich wahrscheinlich sogar Millionär sein, denn ich habe megastark geerbt! Wie im Märchen vom Sterntaler träume ich in den sommerlichen Abendhimmel, da fällt ein güldener Regen sanft auf mich hernieder. Im gepflegten Kanzleienglisch informiert mich Mister Alfred Bocovo, seines Zeichens Rechtsanwalt im westafrikanischen Benin, in einer persönlichen E-Mail vom Ableben eines Ehepaares mit drei Kindern, die mit mir den Namen teilen. Mich hat der Nachlassverwalter nun dank des Internets ausfindig gemacht; ich bin als Namensvetter der einzige in Frage kommende Begünstigte des erheblichen Vermögens der verunglückten Familie.

Seit fünf langen Jahren versucht der rührige Advokat vergeblich, Nachfahren der bei einem Autounfall im Landesinneren ums Leben gekommenen Familie zu finden. Jetzt hat mich Mister Bocovo endlich entdeckt! Die Namensgleichheit sowie meine aufrichtige Versicherung eines bestehenden Verwandtschaftsverhältnisses reichen aus seiner Sicht aus, um mich in den Besitz einer erheblichen Barschaft zu bringen.

Mein Blutdruck steigt auf hundertachtzig, und mein Körper schwemmt Glückshormone aus. Kaum zu glauben, manchmal ist das Leben göttlich, und Träume werden wahr! Humba, humba, tätärä: Onkel Wumba aus Kalumba tanzt für mich den Rumba! Ich schwofe los und lasse leidenschaftlich meine Lenden kreisen.

Doch die Zeit drängt: Die westafrikanische Continental Bank will das mir zustehende Vermögen fieserweise einziehen, wenn meinerseits kein Anspruch angemeldet wird. Und damit dröhnt der Paukenschlag: Es geht immerhin um 10,5 Millionen US-Dollar (der Anwalt schreibt in Worten: »Ten Million Five Hundred Thousand United States Dollars«). Das ist wesentlich mehr als ein warmer Geldregen, das ist ein Tsunami güldener Peanuts. Freunde, lasst die Korken knallen, jetzt wird geklotzt: morgen kaufen wir von der Knete ein Haus oder gleich besser zwei!

Rechtsanwalt Bocovo erweist sich als überaus redlicher Partner. Er begnügt sich für seine Bemühungen mit sechzig Prozent des Erbes, die restlichen vierzig Prozent sollen mir allein gehören. Das sind überschlägig mehr als vier Millionen Dollar; dabei wäre ich auch mit wesentlich weniger höchst zufrieden. Mister B. will alle erforderlichen Dokumente besorgen, um meinen Anspruch abzusichern. Er erwartet lediglich meine »honest cooperation to enable us seeing this Deal through«. – Aber ich bitte Sie, Exzellenz, aufrichtige Mitarbeit, um den Deal durchzuziehen, ist das Mindeste, was von mir erwartet werden darf. Es ist eine Selbstverständlichkeit!

Seine Prächtigkeit versichert, dass alles legal ablaufen soll und keinesfalls irgendein Gesetz gebrochen wird, solange ich keine Information über das Geschäft weiter gebe. Von wegen Sicherheit und »to avoid eye brow«. Wer weckt schon gern die Aufmerksamkeit von Behörden und anderen Miesepetern! Möglichst umgehend benötigt der Nachlassverwalter meine vollständigen Daten mit Telefon- und Faxnummern, Angaben zum Beruf sowie exakte Kontenverbindungen (der Rubel soll ja schließlich rollen!); dann kann Onkel Wumbas Kohle kommen.

»Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!«, warnt die Stimme meiner verstorbenen Großmutter, die in Schicksalsstunden manchmal aus dem Jenseits zu mir spricht. Na klar, Omi, ich blättere bereits im Telefonbuch von Benin und suche den Absender der Botschaft. Beruhige dich, er ist dort sogar eingetragen. Er residiert als Anwalt im schönen Cotonou im Postfach 3105 und ist telefonisch erreichbar. Dann ruf ihn doch gleich mal an, rät Omi. Bei dem zu erwartenden fetten Batzen scheue ich keine Telefonkosten. Ich greife zum Telefon und werde tatsächlich am anderen Ende im ehemaligen Königreich Dahomey von einer tiefschwarzen Stimme als Millionenerbe wärmstens willkommen geheißen.

Alles, was in dem Brief stehe, sei zutreffend und absolut rechtens, wird aufrichtig versichert. Ich könne jederzeit nach Benin kommen und die Sache vor Ort erledigen, erklärt der Rechtsanwalt. Höchste Regierungsvertreter stünden zu meiner Verfügung, die bei der seriösen Durchführung der Transaktion behilflich seien, versichert mein Gesprächspartner. Er habe hinreichend Erfahrungen bei der Abwicklung von Nachlässen und sehe keinerlei Probleme. Schließlich laute das verpflichtende Motto der 1975 gegründeten Republik Benin »Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Arbeit«. – Das klingt in meinen Ohren einwandfrei!

Was tun? Bevor ich ein Ticket erwerbe, Sonnencreme kaufe, ein buntes Hemd im Afro-Design überstreife und mit einem leeren Geldkoffer gen Afrika düse, sind verschiedene Formalitäten zu erledigen. Alfred, wie ich meinen neuen Vertrauten inzwischen nennen darf, will mir die entsprechenden Unterlagen faxen. Hier und da seien Gebühren und Handgelder zu entrichten, die aber in keinem Verhältnis zum Ergebnis stünden. Er kümmere sich um alles, ich werde hoch zufrieden sein. –

Gebühren? Schmiergelder? Bakschisch? Bestechung? – Nun, lächerliche zehntausend Dollar hier und fünftausend dort für die Bemühungen seiner vertrauenswürdigen Partner in Ämtern und Behörden müssten natürlich fließen. Üblich sei ein Prozent des Nachlasses für Gebühren und Steuern erforderlich, die im Voraus fällig sind. – Mein eingebauter Dagobert Duck jault auf: »Das wären ja hunderttausend Dollar!« – Im breitem Bass der Savanne werde ich beruhigt: »Mein Freund, ich selbst trage selbstverständlich auch einen Teil. Aber im Ergebnis halten Sie vier Millionen Dollar steuerfrei in Händen, was für ein enormer Gewinn!«

Der Mann muss es wissen. Von nichts kommt nichts, und Erben verpflichtet bekanntlich. Im Internet lese ich noch ein wenig über die verbrecherische Nigeria-Connection, aber die ist ja, wie ihr Name schon verdeutlicht, nur im Nachbarland tätig. Dennoch werde ich nach der Lektüre skeptisch, wachsen meiner Gier auch lange Zähne. Nach reiflicher Überlegung meinerseits bin ich deshalb (selbstverständlich ohne Anerkennung einer eventuellen Rechts- oder Garantiepflicht) bereit, meinen Anspruch an die zu erwartende Erbschaft in Millionenhöhe an einen interessierten Investor abzutreten!

Für fünfzigtausend Dukaten verzichte ich unwiderruflich auf meinen Anspruch und gebe den Traum vom großen Geld auf. Voraussetzung ist natürlich Diskretion seitens der Interessenten, denn wir wissen wohl: »to avoid eye brow«. Und unter uns gesagt: Reichtum ist doch keine Schande. – Also: munter zugegriffen; ein solches Angebot wie das vom verstorbenen Onkel Wumba aus Kalumba kommt höchst selten auf den Tisch!



Wie finden Sie die Kolumne » Onkel Wumba aus Kalumba «?

Ihre Bewertung: wahnsinnig gut
sehr gut
gut
nicht gut




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Wilhelm Ruprecht Frieling und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Nutzen Sie dies Formular nicht für vertrauliche Informationen an unsere Autoren. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihrer Zuschriften (auch auszugweise) auf kolumnen.de, in unserem Newsletter oder auf unserer Facebookseite zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Wilhelm Ruprecht Frieling.

Foto: Wilhelm Ruprecht Frieling

Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

Ausgewählte Kolumnen von Wilhelm Ruprecht Frieling

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Wilhelm Ruprecht Frieling