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18.05.06

Wilhelm Ruprecht Frieling

Wenn der Melkmann heftig klingelt ...

Hat schon jemand seinen Stinkefinger durch deine Hirnrinde gebohrt und dabei hinterfotzig gefragt: »Schon GEZahlt?« – Wenn ja, dann war es bestimmt die meist gehasste deutsche Einrichtung mit drei Buchstaben, die Gebühreneinzugszentrale GEZ!

6,85 Milliarden Euro Gebühreneinnahmen pro Jahr scheinen den nimmersatten Kölner Kassenwarten nicht zu genügen. Nun schreibt die Zentrale sogar erstmals seit sieben Jahren ihren Werbeetat aus, um noch wuchtigere Keulenschläge gegen die Schattenarmee der Schwarzseher und Schwarzhörer auszuteilen. An allen Fronten verpulvert die Gebühreneinzugszentrale der öffentlich rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten Werbemillionen. Zugleich schickt sie eine im Häuserkampf trainierte Armada GEbührenZocker durch unsere Galaxie. Deren Ziel lautet, auch die letzte Oma ohne Fahrschein aufzustöbern und zur Kasse zu bitten.

Zur Abendstunde stört brachiales Klingeln den Frieden meines Feierabendheims. Ein Männlein im mehlgrauen Anzug baut sich auf und wedelt mit einer bunten Ausweiskarte. Als wolle er die Wohnung beschlagnahmen, kräht er: »Gebühreneinzugszentrale!« – Willkommen, herzlich willkommen! Welch seltene Freude, einen Abgesandten der berüchtigtsten Wegelagerer im öffentlichen-rechtlichen Raum persönlich kennen lernen zu dürfen! Ave, GEZ, wir Lebenslangen grüßen dich! – Will mir die Organisation einen Rabatt aufgrund dreißigjähriger Mitgliedschaft einräumen? Bekomme ich die goldene Treuenadel am Bande? Werde ich befragt, ob sich Air Berlin, Kärnten, McDonalds oder Haribo, pardon: Johannes B. Kerner, Carmen Nebel oder Thomas Gottschalk werbend in mein Herz geschlichen haben? – Fehlanzeige! Der nächste Spruch des ungebetenen Besuchers friert die Stimmung des herzlichen Willkommens ein.

»Sie sind nicht angemeldet!«, zischt der Fahnder schlangengleich und dabei zucken seine tief hängenden Tränensäcke, als schmerze ihn seine eigene Behauptung. Der Herr Gesandte kommt, so klingt es, in friedloser Absicht. Wie der Irrwisch aus den Annoncen seines Vereins zeigt er mit dem Finger auf mich und imitiert meckernd die hauseigene Werbung: »Du hast nicht GEZahlt!« – Daher also pfeift der Wind: Es ist der Melkmann von der medialen Milchstrasse, und er will an mein Bares!

Augenblicklich verwandele ich mich in einen Rottweiler und knurre den Inkassokuli an: »Ich wurde schon vor Jahrzehnten in Euren Verein gezwungen und zahle die Haftabgabe. Macht Euch bitte erst einmal sachkundig, bevor Ihr mir neben dem Geld auch noch die Zeit stehlt!«. Wie ein wütender Sturzbach bricht aus mir heraus, dass die GEZ für mich ein rotes Tuch sei. Jahrelang wurde ich unter drei Dutzend verschiedenen Vornamen mit Gift spritzenden Mahnschreiben zur Zahlung genötigt; mein vor Jahrzehnten verstorbener Vater sollte unlängst verklagt werden, endlich sein Fernsehgerät anzumelden; lediglich mein altersblinder Hund blieb bislang verschont. Ich kenne keine Institution in deutschen Landen, die sich mit größerer Vehemenz auf jeden Klingelknopf stürzt, um ihn zu melken.

Ergeben lässt der GEbührenZocker meinen Wortschwall im Treppenhaus über sich ergehen und schnappt nach Luft. Er tritt von einem Bein aufs andere und raschelt mit einem Computerausdruck: »Nach unseren Unterlagen sind Sie nicht angemeldet. Ergo sind Sie auch kein Gebührenzahler!«. Mit anklagender Stimme erklärt er, als wolle er mir meine letzten Rechte vor dem Genickschuss verlesen: »Sie sind vom Gesetzgeber her auskunftspflichtig, und ich kann sogar die Polizei holen!« – Die Polizei??? – Jetzt schlägt es aber dreizehn! – Die Polizei holen kann ich selber. Ich kann aber auch einen starken Stecken greifen und dem Kerl ordentlich den Hintern versohlen. Ich fauche zurück: »Sie wollen mich nötigen? Bringen Sie erstmal Ihre Unterlagen in Ordnung, bevor Sie fremde Leute beschuldigen! Ich bin Mitglied im Club und damit Ende der Diskussion!«.

Der Vertreter mit dem meist gehassten Beruf im deutschen Medienbereich möchte das Haus unversehrt verlassen. Aufgrund meiner Angriffslust tritt er vorsichtig zwei Treppenstufen zurück und geht in Käferhaltung. Angelockt durch den Lärm eilt meine Frau herbei. Als aus einem Turban von Lockenwicklern ihr wild entschlossener Blick den kleinen Fahnder wie ein Nudelholz trifft, schaltet er auf Rückzug: »Ich kann die Sache prüfen«, schlägt er beflissen vor und greift zu einem babyrosa Handy, um Rat und Hilfe herbei zu telefonieren: »wir können alles klären. Ich persönlich glaube Ihnen doch!«. Aufgeregt tuschelt er mit dem Chef seiner Kolonne, doch der bleibt aufgrund seiner Unterlagen dabei, ich sei ein notorischer Schwarzseher!

Ich bin also ein Schwarzseher? – Na, dass hätte ich wohl gewusst! – Bitteschön, dann werde ich meine Mitgliedschaft nachweisen und dazu die Teilnehmernummer suchen! Dem Melker bedeute ich, es sich im Treppenhaus bequem zu machen, während ich die Unterlagen suche. Das missfällt dem Mann in Mausgrau. »So viel Zeit habe ich nicht, ich verdiene nur, wenn ich jemanden erwische. Sie können mir die Teilnehmernummer doch telefonisch durchgeben.« – Der Kopfgeldjäger will entkommen, und später muss ich wieder hundertundeinen Serienbrief seiner Behörde lesen und abarbeiten. Nicht mit mir!

Für ein Entlohnungssystem nach Fangprämien bin ich unzuständig. Ihre Hoheit, die GEZ, macht einen Rechtsanspruch auf Auskunft geltend, und ich werde diesem Anspruch gerecht. Von der Geschwindigkeit, mit der ich die gewünschte Auskunft zu erteilen habe, war keine Rede. Ich wende mich an den Eintreiber. »Sie warten hier, bis ich die Papiere gefunden habe!« Er sinkt zusammen und erwartet auf den Stufen zur Freiheit sein bevorstehendes Ende. Meine Frau bewacht ihn, damit er brav am Platz bleibt. Dem Fahnder schwant: wer sich mit stählernen Lockenwicklern die Schädeldecke pierct, mit der ist kaum zu spaßen. Ihr Blick nagelt ihn auf den Stufen fest.

In meiner Wohnhöhle durchforste ich Aktenordner: Kabelfernsehen, Müllabfuhr, Wasser, Strom, Gas, alles ist ordentlich abgelegt – nur die GEZ dümpelt im Nirwana. Wo finde ich einen Hinweis auf die vermaledeite Zwangsmitgliedschaft? Meine schlechte Laune steigt hörbar. Der Fahnder schwitzt inzwischen und möchte gern unbeschadet entkommen: »Geben Sie mir die Nummer doch durch; ich muss jetzt wirklich weiter!«. Auch sein Leitwolf am Handy bläst zum Rückzug. »Wir von der GEZ glauben Ihnen. Unsere Unterlagen sind manchmal ein wenig veraltet. Wir klären den Fall telefonisch.« – Das wünscht sich der Grottenolm wohl! – Nichts da, die Nummer wird gesucht und sollte es bis zum Morgengrauen dauern. Schließlich muss ich einem Rechtsanspruch genügen! Weiter wandere ich durch die Weiten meines Aktenwaldes. – Da kommt die rettende Idee: die Meldenummer der Räuberbande müsste in den Kontoauszügen zu finden sein! Ich blättere in mit Staub und Spinnweben verzierten Ordnern und werde dabei schließlich fündig. – Bitteschön, hier steht meine Häftlingsnummer!

Erleichtert notiert der Drücker die Nummer. Um das Rätsel zuverlässig zu lösen, telefoniert er erneut mit seinem Kapo. Hallelujah, dessen Verzeichnis kennt die genannte Nummer! Und, oh himmlisch jauchzender Jubel: sie gehört zu mir wie mein Name an der Tür! Zumindest passt sie zu einer Adresse, die ich vor einem Jahrhundert bewohnte. Damit scheint die arme Seele Frieden und die Geschichte ein unblutiges Ende zu finden. Der Melkmann zückt ein Formular und notiert die Sachlage. Auf meinen Hinweis, es gäbe bereits wütende Korrespondenz mit seinem Verein unter meiner aktuellen Adresse, schweigt er. Als ich noch die Frage äußere, ob ich denn jetzt erst einmal eine Weile Ruhe vor den anderen Melkern der Einzugszentrale habe, schaut er mich zweifelnd an. Sein Blick sagt mehr als tausend Worte.

Zum Abschied reichen wir uns die Hände, das arme Schwein erledigt halt einen jämmerlichen Job in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Ich spende ihm Trost und muntere ihn auf, er habe heute echt Glück gehabt: der letzte Geldeintreiber läge ausgeweidet und sorgfältig filetiert in unserer Kühltruhe und warte darauf, verzehrt zu werden. Da stolpert er mit einem gehetzten Blick auf meine Frau aus dem Haus und flieht in einem von Steinwürfen anderer dankbarer GEZ-Teilnehmer arg verbeulten Kleinwagen in sein Drückerheim.

Diese Kolumne finden Sie auch in Wilhelm Ruprecht Frielings Buch »Angriff der Killerkekse«.

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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