.


Zur Druckversion

18.09.05

Wilhelm Ruprecht Frieling

Superman rettet Schrödi

17:42 Uhr. Gnadenlos klingelt der Wecker. Superman schält sich mühsam aus den Superkissen, in denen er gerade von Supergirl geträumt hat. Er gähnt, kratzt sich am schlaffen Hintern und fährt durch seine verstrubbelten Haare. Gleich sechs! Da ist noch eine Kleinigkeit, die es heute zu erledigen gilt! Die ganze lange Vollmondnacht saß Catwoman auf seinem Balkon und heulte den roten Mond an. Erst gegen Mittag konnte er einschlafen, und jetzt soll er schon wieder zu einem gefährlichen Einsatz. Mit arthritisch schmerzenden Knien schlurft der Retter der Welt ins Superbad.

17:43 Uhr. Retten, retten, ewig soll er die Welt retten! Hunderte Ganoven hat er gejagt, Schurken zitterten, wenn er nahte, und kurz vor der Rente jagten ihn obskure Auftraggeber sogar in afghanische Erdhöhlen, um bärtige Männer zu verfolgen, die als Terroristen bezeichnet wurden. Längst schon hatte er es satt, immer wieder den Retter zu spielen, den Mann, der in letzter Sekunde das Steuer herumreißt, um alles zum Guten zu wenden. Auch ein Superman hat ein Recht auf Ruhestand!

17:44 Uhr. Warum hatte er diesen letzten, beschissenen Auftrag überhaupt angenommen? Einen Mann zu retten, der sich selbst ins Abseits manövriert hatte und der von einer blassen Dame in Apricot verfolgt wurde! Das war keinesfalls ein Auftrag, der seiner würdig war. Doch verschiedene Freunde hatten ihn bekniet, einzugreifen, denn sonst ginge bald alles endgültig baden.

17:45 Uhr. Am Superbadspiegel klebt ein Ausriss aus der »Wirtschaftswoche«, die Superman im Rahmen eines Werbeabonnements einige Wochen kostenlos zugestellt wurde. Der Chefredakteur des Blattes beschwört dort die Gefahren, die dem Land drohen: »Auf dem Spiel steht diesmal nichts weniger als die Zukunft des Landes, es geht um die Frage, ob wir in dieser Welt künftig überhaupt noch eine Rolle spielen, es geht um unseren Wohlstand und den unserer Nachkommen, unsere Freiheit, unsere Würde als Menschen und Ehre als Deutschen. Kurz: Es geht um unser Schicksal.«

17:46 Uhr. Also doch ein Anlass, Superman aus dem verdienten Schlaf zu klingeln und ihn um Hilfe zu bitten. Er soll sich als altes Radaddel noch einmal aufschwingen und wieder alles ins Lot bringen.

17:47 Uhr. Das rote Cape, das Superman aus dem Schrank fischt, ist ungebügelt und fleckig. So knackig wie in jungen Jahren ist der Held schon lange nicht mehr. Aber das Kostüm gehört dazu. Seine blaue Latexhose bildet dort Röllchen ab, wo in jungen Jahren Muskeln und Samenstränge spielten. Unter dem T-Shirt mit dem gewaltigen gelben »S« auf rotem Grund zeichnen sich deutlich Altherrenbrüstchen ab.

17:48 Uhr. Gestiefelt und gespornt verlässt Superman sein Heim. Schwerfällig steigt er in die Lüfte, dreht eine kleine Runde und landet wenige hundert Meter weiter direkt vor einem Gemeindezentrum, das sich mit einem Schild als »Wahllokal« zu erkennen gibt. »Wow, Superman kommt!«, ruft ein blonder Junge. Leute winken ihm zu.

17:49 Uhr. Superman betritt das Wahllokal. »Superman ist gekommen«, jubeln die Anwesenden, »jetzt wird alles gut!« Er wendet sich an eine Wahlhelferin. »Meinen Wahlzettel habe ich leider vergessen. Aber hier ist mein Superausweis.« Tatsächlich hatte er den Wahlschein sofort in den Papierkorb gefeuert, als die Einladung kam. Warum sollte er wählen gehen? Zwischen Typhus, Cholera oder Fleckfieber zu entscheiden, schien ihm keine echte Wahl.

17:50 Uhr. »Sie sind hier leider falsch, Superman. Dies ist das falsche Wahllokal. Sie müssen rechts um die Ecke und dann die Treppe hinauf.« – »Aber ich habe hier doch schon vor Jahren einmal gewählt,« antwortet der ergraute Retter der Welt und schüttelt verwirrt den Kopf. Immer diese Neuerungen.

17:51 Uhr. Superman stiefelt in das um die Ecke gelegene Wahllokal. Warum gibt es denn diesmal zwei Wahlräume?

17:52 Uhr. Im Erdgeschoss erschallt aus einem Raum die Stimme einer Sängerin, die Schuberts »Winterreise« intoniert. Vor ihm schnauft eine ältere Dame die Treppe hinauf. Superman ist Gentleman, er lässt ihr den Vortritt.

17:53 Uhr. Der Mann mit dem roten Umhang präsentiert seinen geheimen Superausweis. Zwei Wahlhelferinnen blättern aufgeregt in Unterlagen. Sie händigen ihm einen Zettel aus. »Schöne Musik hören Sie hier«, meint Superman. »Sie können ja versuchen, die Dame abzuschalten«, antwortet die eine Wahldame hoffnungsvoll. Noch ein Fall für Superman?

17:54 Uhr. Hinter einer provisorischen Kabine, die gefährlich schwankt, als Superman heran tritt, zückt er seinen Superduperkugelschreiber mit dem eingebauten Laser. Da ihn keiner sieht, zieht er ein Vergrößerungsglas aus seinem Cape, um den Zettel lesen zu können. Seine Augen sind auch nicht mehr in bester Verfassung. Dann macht er die alles entscheidenden zwei Kreuze, um die ihn die Welt gebeten hat. Leider zerschneidet der Laserstrahl seines Superduperkulis die Tischplatte. »Hey, Superman, du musst den Laser abschalten, wenn Du schreibst!« ruft eine der Wahlhelferinnen. Superscheiße!

17:55 Uhr. Superman verlässt seine Kabine und will den Stimmzettel in eine Urne stecken. »Moment!« Ein weiterer Helfer bremst seinen Elan. Erneut wird sein Superausweis kontrolliert. Wieder wird in Papieren geblättert. Tatsächlich, sein Name ist verzeichnet. Der Chef der Wahltruppe hakt ihn ab. Alles scheint in Ordnung.

17:56 Uhr. »Jetzt kann ich ja kein zweites Mal vorbei kommen« versucht Superman einen seiner bekannten Superscherze. – »Wohl kaum« knurrt der Kontrolleur, der sich über die verbrannte Tischplatte ärgert.

17:57 Uhr. Ein Deckel wird vom Schlitz der Urne gezogen. Superman schiebt seinen Wahlschein hinein.

17:58 Uhr. Ein letztes Mal hat er seinen Auftrag erfüllt.

17:59 Uhr. Wieder einmal ist die Welt gerettet.

18:00 Uhr. Die Wahllokale schließen.

18:01 Uhr. Superman legt sich erneut aufs Ohr und träumt von Supergirl und einer besseren Welt.

Seitenanfang



Wie finden Sie die Kolumne » Superman rettet Schrödi «?

Ihre Bewertung: wahnsinnig gut
sehr gut
gut
nicht gut




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Wilhelm Ruprecht Frieling und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Nutzen Sie dies Formular nicht für vertrauliche Informationen an unsere Autoren. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihrer Zuschriften (auch auszugweise) auf kolumnen.de, in unserem Newsletter oder auf unserer Facebookseite zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Wilhelm Ruprecht Frieling.

Foto: Wilhelm Ruprecht Frieling

Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

Ausgewählte Kolumnen von Wilhelm Ruprecht Frieling

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Wilhelm Ruprecht Frieling