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21.05.05

Wilhelm Ruprecht Frieling

Schloß Petzow, ostalgisch

»Die Ruine«, postulierte Schinkel, »ist der Höhepunkt der Landschaftsarchitektur«. Also kommentierte Preußens bester Baumeister den von ihm gern selbst inszenierten Verfall. Meister Schinkel wob bewußt sichtbaren Untergang in seine architektonischen Kompositionen ein und setzte damit im jungen neunzehnten Jahrhundert die Ruinenmode des Mittelalters fort. Ruinenkulissen in Gärten und Parks waren wieder Kult. Der morbide Charme des Vergänglichen hielt der Gegenwart den Spiegel vor und zeugte auch in der Landschaftsarchitektur von der Kurzlebigkeit allen Seins.

Als Ruinenfan Schinkel 1825 den Auftrag erhielt, im brandenburgischen Dorf Petzow am Schwielowsee ein Herrenhaus zu errichten, ging es indes um einen repräsentativen Zweckbau. Von einem bewußt inszenierten ruinösen Erscheinungsbild war keine Rede. Der wohlhabendste Mann des Ortes, Gutsbesitzer und Amtsrat Carl Friedrich August Kaehne, erteilte dem Baumeister vielmehr den Auftrag, ihm einen angemessenen, funktionalen Herrensitz zu errichten. Und Schinkel schuf Schloß Petzow, ein pittoreskes Bauwerk in einem bunten Mix von maurischem Kastell- und englischem Tudorstil. Ein protziges Gebäude für einen potenten Auftraggeber und dessen repräsentative Neigungen entstand und ist bis heute weithin sichtbar.

Der frisch gebackene Schloßherr Kaene schaute mit Wohlgefallen auf sein Eigenheim und dehnte seine Wünsche auf den Garten aus. Zum eigenen Nutzen engagierte er einen weiteren Superstar jener Zeit, Peter Joseph Lenné. Dem schon durch Park Sansoussi hervorgetretenen Landschaftsplaner wurde der Auftrag erteilt, dem frisch begründeten Herrensitz einen ausladenden Landschaftspark hinzuzufügen.

Lenné plante und schuf zu Füßen des Schlosses 1838 den fünfzehn Hektar großen Schloßpark Petzow im englischen Stil. Das grüne Idyll umspielt einen eigenen Haussee und bietet überraschende Aussichten auf den weiten Schwielowsee und die sanfte Hügellandschaft. Der Park verführt zum ausladenden Picknick, lädt zum erquickenden Bad im See und lenkt den Wanderer zum Schloß. Ein einzigartiges Gesamtkunstwerk von Architektur und Landschaft entstand im Rahmen des Lennéschen »Verschönerungsplan der Umgebung von Potsdam«.

Zeit ging ins Land. Das deutsche Reich entstand, der Kaiser floh, zwei Weltkriege legten Europa in Schutt und Asche. Die Ahnen derer von Kaene und ihr Clan schmissiger Landjunker wurden mit dem Untergang des Dritten Reiches aus Schloß und Park hinausgespült. Nach Pickelhauben und braunen Hemden erlebte das Anwesen das Regiment der roten Fahnen. Auf Hurra-Geschrei und Sieg Heil folgte Rot Front. Nun nutzten Rote Armee und bald darauf die junge DDR den Bau. Dem natürlichen Alterungsprozeß des Schlosses wurde dabei kaum Einhalt geboten, und mit dem Zusammenbruch des Sozialismus präsentierte sich das Ensemble als vor sich hin bröselnder hinfälliger Gebäudekomplex.

Die »Wende« brachte für Schloß Petzow wenig Gutes. Viele gegensätzliche Regimes hatte Schinkels Schöpfung schon erlebt und überstanden. Anno 2004, vierzehn Jahre nach der Verwandlung des Landes zur Bananenrepublik wirkt der Schinkel-Bau immer noch auf seltsame Weise unberührt.

Zwar platzt der Putz in großen Brocken von der Fassade, und Gilb und Grau bestimmen das Bild. Doch damit wird Schloß Petzow lediglich zum ruinösen Höhepunkt der malerischen Landschaft. Und so repräsentiert es einzigartig die Tradition der Schinkel-Idee von der Funktion der Ruine als Höhepunkt gestalteter Landschaft. Vergleichbares ist im Lande Brandenburg kaum auszumachen.

Der morbide Charme von Schloß Petzow fasziniert viele Besucher. Während an jedem historischen Bau, an jeder Geschichte atmenden Stätte in Ostgermanien ein Maler Klecksel seine Version von blühenden Landschaften hinterließ, blieb Schloß Petzow weitgehend verschont. Kein Investor vermochte in dreizehn langen Nach-Wende-Jahren, eine Schneise von Verwüstung und Restauration in das Gebäude zu schlagen. Dabei versuchten es einige durchaus. Sie bissen sich jedoch mangels Masse, sprich: wegen Ebbe im Säckel die Goldkronen aus.

Natürlich wurden auch ins Havelland scheinbar betuchte Wessis per Helicopter eingeflogen, ließen sich von den eingeborenen Stammesfürsten und ihrem Fußvolk huldigen und verteilten dafür Lebensweisheiten und Südfrüchte. Doch Schloß Petzow, und nur so läßt sich die jahrelange Unversehrtheit des Ortes erklären, blieb vom Sternschnuppenregen der Golddukaten unbenetzt. Und das gereicht der Athmosphäre durchaus zum Vorteil.

Denn in und um Schloß Petzow ist die untergegangene DDR mit dem Abhängen der Vorsitzenden-Porträts von den Wänden der Gaststube im Schloß-Restaurant wie eine alte Standuhr stehen geblieben. Heute noch ist die Tapete an den Stellen hell und sauber, wo gestern noch die alten Herren im schmalen Rahmen prangten. Der museal wirkende Ort bietet auch weiterhin das Life-Ambiente einer gepflegten und ambitionierten HO-Gaststätte.

Petzow wird damit zur optimalen Bühne für große Ostalgie-Feten. Das 30-Zimmer-Hotel mit Etagenklo und fließend kaltem Wasser stellt eine originelle Kulisse für Hochzeiten und andere Events. Filmleute auf der Suche nach entsprechender Location müßten sich eigentlich um Drehgenehmigungen reißen. Hier dürfte künftighin nur noch investiert werden, um den verblichenen Charme zu konservieren und entsprechend zu umwerben.

Zum großen Glück für den privaten Entdecker des Kleinods zu Petzow sind auch Küche und Service noch außerhalb von Zeit und Raum orientiert. Zwar vermißt das ostalgisch verklärte Auge das einladende »Sie werden plaziert«-Schild. Dafür verhalten sich Küche und Service so als wachten die Porträts von Staats- und Parteiführung auch weiterhin im Schankraum. Beim einem Besuch wartet eine deutsch-niederländische Landpartie nach herrlicher Wanderung durch den malerischen Schloßpark sehnsüchtig auf den von der Schloßgastronomie annoncierten Wildbraten, der bereits von einigen Nachbartischen kräftig duftet und die Magensäfte steigen läßt. Nach geschlagenen zwei Stunden, in denen Hungerphantasien sie zu potentiellen Mördern an zufrieden mampfenden Gästen werden lassen, wagen die Besucher, die überfordert wirkende Bedienung anzusprechen. Die rückt nach Rücksprache mit Küche und Kontor mit der Erklärung heraus, die Portionen seien »aus«, und deshalb sei die Erledigung der Bestellung vorerst ausgesetzt worden. Würden die Gäste jedoch auf ein anderes Gericht ausweichen, erscheine dies sofort und wie von Geisterhand.

Gastro-Service wie zu verflossen real-sozialistischen Zeiten? Auf der Terrasse weist an einem anderen Sommertag eine Serviererin im zweiten Ausbildungsjahr auf den von einem rüstigen Westfalen bestellten Apfelkuchen. Hierauf sei versehentlich Sahne gekleckert, jedoch anschließend wieder abgekratzt worden, erläuterte sie beim Kredenzen der bestellten Leckerei. Das Teilchen sei deshalb ein wenig mit Schlagrahm beschmiert. Vorsichtig fragt der Gast, warum ihm denn die Sahne nicht gelassen wurde, so sie schon auf seinem Kuchen gelandet sei. Dem entgegnet die Schloß-Hostess bestimmt und ohne den Hauch eines Zweifels: dann hätte er die Sahne ja auch bezahlen müssen!

Schloß Petzow soll bleiben wie und was es ist: ein sichtbarer Beweis für die Vergänglichkeit allen Seins, ein liebenswertes Fossil aus versunkener Zeit, ein Museum für das, was gestern galt. Welch frommer Wunsch! Denn schon betritt ein weiterer Spekulatius die Bühne.

Diesmal legt ein Wendehals aus der »Ehemaligen«, ein Vertreter früherer Seilschaften und einstiger Devisenbeschaffer des DDR-Staatsapparates, im Verein mit Bauunternehmern und Kreditbankern Hand an. Und diesmal darf befürchtet werden, dass Schloß Petzow wirklich zu einer zeitgeistig glitzernden Vier-Sterne-Luxusherberge mit Business-Center, Wellness-Pagode, Jachthafen und nahem Golfplatz umgebaut wird.

»Ein bißchen Karibik«, tönt es auf blitzendem Hochglanzpapier, soll auf märkischem Sand entstehen, und ein »Hafenrestaurant Ernest« soll so wirken, »als habe es Hemingway gerade erst verlassen«. Der alte Mann war zwar nie vor Ort, doch wen stört das schon. Im besten Fall ruinieren, um im Bild vom Verfall zu bleiben, die neuen großdenkenden Herren sich und ihre Goldesel, und die rottende Kulisse bleibt Petzow erhalten.

Der Alterungs- und Zerfallsprozeß und damit die Ruinosität als ästhetische Erscheinung bildet integren Bestandteil jedes kreativen und künstlerischen Prozesses. In Petzow wird das auf wunderbare Weise sichtbar. Vor Ort erfährt die Aussage Baumeister Schinkels über die Ruine als Höhepunkt der Landschaftsarchitektur noch ihre eigene, wenngleich späte prophetische Entsprechung in einem musealen Zeugnis von Untergang und Aufstieg alter und neuer Reiche.

Es wäre bedauerlich, verdränge kaltes Herz alten Charme. Vom eigentlichen Schinkel bliebe dann nur ein später Rest. Mehr als anderthalb Jahrhunderte nach seiner Errichtung ist der heute zur Stadt Werder zählende Ort Petzow mit Lenné-Schloßpark und Schinkel-Schloß deshalb nur noch kurze Zeit ein Geheimtip für den, der das Unverfälschte und Unvermeidliche mag.

Schade um Schloß Petzow.

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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