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21.06.05

Wilhelm Ruprecht Frieling

Ihr Paket wartet ...

Froh schaue ich aus dem Fenster. Ein großer Gelber mit den fetten Buchstaben DHL steht direkt vor meinem Haus im Sonnenschein. DHL steht großspurig für das, was früher einmal schlicht und klar Post hieß. Wer sich in die ständigen Überraschungen, die uns die Nachfolger der Reichsgeneralpostmeisterei von Thurn und Taxis bescheren, nur langsam hineinfindet, dem sei gesagt: Es handelt sich um die gute alte Paketpost. Hoch auf dem gelben Wagen thronte anno dunnemals ein Postillion, der froh ins Horn stieß, um sein Kommen zu avisieren. Heute hasten Aushilfsneger durch unwirtliche Häuserfluchten und schmuddelige Treppenhäuser.

Meine Türklingel bleibt stumm, der gelbe Wagen rollt weiter. Schade, ich freue mich stets wie ein Kind auf die Sendungen, die mir die Post ins Haus trägt. Pakete zu bekommen ist spannend. Selbst wenn mir der Inhalt bekannt zu sein scheint, weil ich wieder einmal Prospekte, Zeitschriften, Bücher, CDs oder Elektromüll bestellt habe, empfinde ich es doch jedes Mal aufs Neue erregend, die mehr oder weniger professionell verpackte Lieferung aufzureißen und mich über den geheimnisvollen Inhalt herzumachen. Heute gehe ich leider leer aus. Bedauerlich, denn wie oft ist man gerade in dem Augenblick unterwegs, wenn der Bote läutet und seine Fracht loszuwerden versucht.

Einige Stunden später verlasse ich das Haus und finde im Briefkasten eine Benachrichtigungskarte. »Ihr Paket wartet in der Packstation« heißt es auf der grünen Klappkarte. Toll! Es gab also doch ein Überraschungspaket. War der Kerl zu faul, um zu klingeln? Ich war doch daheim! Mit krakeliger Schrift hat er die Benachrichtigung ausgefüllt und mir zum Hohn sogar die Uhrzeit notiert. Ich weiß genau, wann er da war. Ich habe sein Fahrzeug gesehen, ich war zuhause, meine Türklingel funktioniert einwandfrei. Zornig läute ich an meiner eigenen Tür, als wolle ich ihm hinterher schnauzen: Scheiß Post!

Die Benachrichtigung bietet mir zwei Möglichkeiten. Ich kann die zuständige Zustellbasis bitten, einen erneuten Zustellversuch zu unternehmen. Das wäre frühestens drei Werktage nach Absendung der Karte möglich. Immerhin ist eine Adresse vorgedruckt, das hinterläßt einen geordneten Eindruck. Doch dann kommt wahrscheinlich der gleiche Trottel und steckt wieder eine Karte durch den Briefschlitz. Vielleicht erklärt er aber die Sendung auch gleich für unzustellbar, wie er es mit einem Teil meiner Weihnachtspäckchen gemacht hat, obwohl ich seit Jahrzehnten unter der Adresse bekannt und erreichbar bin. Diesmal gehe ich lieber auf Nummer Sicher und selbst auf die Suche. Neugierig bin ich aber vor allem auf die neue Packstation, in der meine Sendung bereits am nächsten Abend abholbereit sein soll. Dabei soll es sich um eine vollautomatische Auslieferungsmaschine handeln. Für innovative Technik bin ich stets offen.

Es klingt gut: in der Packstation kann ich mein Paket unabhängig von Öffnungszeiten 24 Stunden und sieben Tage die Woche am Automaten abholen. Mit der grünen Benachrichtigung lerne ich den Service unverbindlich kennen. Wie das wohl in der Praxis klappt, frage ich mich. EDV macht schließlich vieles möglich. Vielleicht spuckt ein großes gelbes Maul mein Päckchen aus, sobald ich mit der Karte winke?

Gut, dass ich nicht in der gleichen Nacht die Station mit meinem Besuch beehre sondern am belebten Nachmittag. Gut, dass ich ein Auto habe, sonst müßte ich dreimal den Bus wechseln, um die genannte Packstation 133 im Lichterfelder Hindenburgdamm 1 zu erreichen. Ich treffe jedenfalls ein, finde sogar einen Parkplatz, denn es ist Samstag, und streiche um das ehemals gelbe Postgebäude herum.

Es gibt eine Stube mit Geldautomaten, es gibt das Postamt selbst, das zum Wochenende allerdings geschlossen hat. Einen Hinweis auf eine Packstation suche ich vergebens. Die einzige Möglichkeit, ins Innere des verriegelten Gebäudes zu gelangen, ist über die Automatenstube. Für die benötige ich eine Scheckkarte der Postbank. Zwar besitze ich eine farbenfrohe Kollektion nützlicher und unnützer Plastikkarten, doch Kunde der Postbank bin ich nicht. Auf dem Abholschein ist auch kein Hinweis auf das Erfordernis einer Eintrittskarte. Wie komme ich also hinein?

Es naht ein netter junger Mann, der Geld abholen oder Kontoauszüge drucken möchte. Er ist zu meinem großen Glück arglos und hält mir höflich die elektrischen Glastüren auf, weil er meine Hilflosigkeit bemerkt. Offenbar ist er sicher, es mit keinem Straßenräuber zu tun zu haben, der es auf frisches Bargeld abgesehen hat. Und meine Spürnase bewährt sich: im hinteren Teil der automatischen Kontostube steht eine gewaltige gelbe Schrankwand. Das ist, wie die Inschrift informiert, meine gesuchte Packstation. Damit komme ich jetzt schnell und einfach an meine Sendung, verspricht die Benachrichtigung.

Respektvoll grüße ich den Koloss und trete an den in der Mitte eingelassenen Bildschirm. Durch einen Fingerabdruck auf den Bildschirm, postdeutsch heißt das Teil Touch screen öffnet sich ein Menü, auf dem ich das Feld, pardon!: den Button, mit der Aufschrift »Sendung abholen mit Benachrichtigungskarte« wähle. Der elektronische Schalterbeamte verlangt, den Strichcode auf der Rückseite der Karte vor den Scanner zu halten und auf weitere Anweisungen zu warten. Bei diesem Scanner handelt es sich um ein kleines Fenster, aus dem ein roter Lichtstrahl meine Karte abtastet, als ich sie vor das Lesegerät halte. Es funktioniert wie an der Ladenkasse im Supermarkt. Der Rechner im Inneren des Packautomaten schüttelt jedoch den Kopf und behauptet steif und fest: »Hier liegt kein Paket für Sie zur Abholung bereit«.

Schönen Dank, Genosse Computer! Ich besitze eine Abholkarte, ich befinde mich an der darauf genannten Adresse, ich stehe vor der Packstation und habe Touch screen, Button und Scanner weisungsgemäß bedient. Vielleicht habe ich den Strichcode verkehrt herum gehalten? Gern versuche ich es noch einmal. Wieder heißt es, es sei kein Paket für mich gelagert. Mehrmals wiederhole ich den Vorgang, von oben und unten, von links und von rechts, mal schnell, mal langsam schiebe ich den Strichcode an dem Gehäuse vorbei. Die Antwort ist immer gleich lapidar: »Hier liegt kein Paket für Sie zur Abholung bereit«. Das macht mich wütend.

Ich stehe allein im modernen Paketpalast. Servicepersonal ist durch die Technik entbehrlich geworden. Leider befinden sich gerade auch keine Senioren in der Nähe, die mir bestimmt mit jahrzehntelangen Erfahrungen helfen könnten. Doch wie reimte im Frühstücksradio ein Politiker, der eine empfindliche Wahlniederlage seiner Partei vertuschen wollte: »Nur die Harten kommen in den Garten«. Das wäre ein griffiges Motto für die Paketstation statt eine mobilisierende Losung für gebeutelte Parteigenossen. Also, heran an den Feind! Der Touch screen bietet mir die Verbindung zu einer Hotline. Oma, was ist bitte eine Hotline? Ich drücke auf den verschmierten Bildschirm und, Wunder über Wunder, die Maschine schnauft, schnarrt und hustet. Eine gelbe Frauenstimme tönt aus der Station und fragt mich nach meinem Begehr. Ich spreche in ihre Richtung, sie versteht mich nicht. Ich beuge mich zum Scanner und frage, ob es nun besser sei. Es rauscht im Karton. Schließlich meint sie, mich leidlich verstehen zu können. Ich wußte doch, es geht noch menschlich zu bei der guten alten Post.

Genau schildere ich der Stimme aus der gelben Schrankwand, ich stünde weisungsgemäß vor Packstation 133 und würde gern mein Päckchen in Empfang nehmen. Doch leider spiele die Maschine nicht mit. »Lesen Sie den Strichcode vor«, verlangt die Stimme. Wie lese ich einen Strichcode vor, etwa dreimal dünn, zweimal dick, dann ein Leerraum? Bei näherem Hinsehen finde ich Zahlen unter den Strichen. Ein Glück, ich habe geschwiegen und mich um eine Blamage gebracht. Also bitte: »6-0-7-7-0-5-3-0-5-6-3-4«.

Knistern, Husten, Stimmengewirr. Es klingt, als stünde im Hintergrund ein Mann, der meiner Frauenstimme souffliert. Vielleicht ist die gelbe Paketstimme noch in der Probezeit? Schon geht es weiter. Das Orakel aus der Tiefe der Paketmaschine verkündet sein Urteil: »Sie stehen in der falschen Station. Ihre Sendung liegt in Station 134«. – Wie bitte? Adresse und Strichcode sind doch unmißverständlich gedruckt, was kann da falsch sein? Knister, knarrrrrrz. »Der Zusteller hat versehentlich die falsche Karte gegriffen. Ihre Sendung befindet sich in Station 134, Kaiser-Wilhelm-Straße 61. Es tut uns leid.«

Wie wohltuend ist doch das Mitgefühl einer sprechenden Schrankwand im gesetzlich geschützten Postgelb! Nun soll ich das gesamte Procedere noch einmal an anderer Stelle wiederholen! Das ist zum junge Hunde kriegen! Es reizt mich wohl, zu einem Ergebnis zu kommen. Außerdem werde ich langsam neugierig auf mein Paket, das ich mir sauer verdient habe. Auf geht es deshalb zur Kaiser-Wilhelm-Straße, die glücklicherweise kaum zwei Kilometer entfernt liegt. Hier wiederholt sich der mir schon bekannte Abholprozeß.

Natürlich gibt es auch an der neuen Adresse keine Hinweise auf die sagenhafte Packstation. Aber nun weiß ich den Weg, und da ich immer noch keine Postbankkarte mein eigen nenne, springe ich vor, als das automatische Maul des gelben Geldschranks gähnt und einen Kunden ausspeit. Schon bin ich im Inneren der Tag und Nacht geöffneten Station, und wieder nimmt eine wuchtige Paketmaschine ohne menschliche Assistenz die gesamte Wand ein.

Doch jetzt bin ich Profi. Touch screen, Button, Scanner, Code – alles geschieht bereits wie in Trance. Übung macht den Meister, und der bekommt jetzt dafür ein Überraschungsbonbon. Die Maschine reagiert und will mich tatsächlich akzeptieren. Ich soll meinen Namen eingeben. Das kann jeder, der die Benachrichtigung in Händen hält, denn dort ist er sauber in Kugelschreiberschwarz eingemeißelt. Ich tippe auf der Bildschirmtastatur. Blitz, gleich folgt der nächste Schritt. Jetzt soll ich mit dem Finger auf der Mattscheibe unterschreiben. Ich wische zwei feurige Striche über den Fettfilm und grüße tausend Postkunden, die vor mir ihre Bakterien wie Samenspenden auf der Glasplatte deponierten. Die Maschine fragt routiniert, ob dies meine Unterschrift sei. Wie jeder andere in meiner Situation bejahe ich freudig. Ich will schließlich mein Paket. Wunderwelt der Technik: Es macht plötzlich laut Plopppp!

Eine gelbe Klappe schwingt auf und läßt mich in eine Art Schließfach blicken. In diesem dunklen tresorartigen Gelass wartet tatsächlich ein Päckchen. Schon ist es mein. Heureka!, es sind Klaviernoten von meinem Hamburger Buchversand. Die Jagd hat sich gelohnt. Ende gut, alles gut.

Am Ausgang der Paketstation spricht mich eine junge Frau an. Ob sie eine Karte benötige, um wieder aus dem Gebäude heraus zu kommen, falls sie es bis ins Innerste schaffen sollte, will sie vorsichtshalber wissen. Ich halte die automatische Tür für sie geöffnet und muß plötzlich laut lachen.

Vielleicht ist die Packstation der Post AG lediglich ein gewaltiges Computerspiel mit echten Mitwirkenden, die mit einem Päckchen belohnt werden, wenn sie eine Reihe kniffliger Aufgaben lösen und codierte Geheimtüren öffnen. Vielleicht werden diejenigen, die sich an der Maschine versuchen, aber auch von versteckten Kameras gefilmt und bald im Unterschichtenfernsehen belächelt. Der Automation und ihren Auswüchsen sind keine Grenzen gesetzt.

Diese Kolumne finden Sie auch in Wilhelm Ruprecht Frielings Buch »Angriff der Killerkekse«.



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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