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23.10.06

Wilhelm Ruprecht Frieling

Generation »Tanke«

Im Hintergrund heult hungrig einer der in der Oberlausitz ausgesiedelten Wölfe. Beutegierige Blutsauger flirren im Kunstlicht. Fahle Fledermäuse taumeln durch Schlagschatten. Ein mickriger Marder knabbert am Bremsschlauch eines abgestellten Unfallautos. Neben vielen nachtaktiven Tieren treffen sich bei Anbruch der Dämmerung Jugendliche aus der Umgebung an der weitläufigen Tankstellenanlage am Gesundbrunnen im sächsischen Bautzen. – Versammeln sich hier im Zwielicht Zigarettenhändler, Waffenschieber und Drogendealer?

Zwischen Badebuchten, Staubsaugern und Hochdruckreinigern stehen junge Männer scheinbar planlos um ihre Fahrzeuge herum. Sie warten auf den Mond, paffen, palavern und peilen die Gegend. Mal furzt ein Elch aus einem Handy, mal poppt ein Eichhörnchen oder ein Hamster kräht: »Mach dir keinen Stress, es ist nur eine SMS«. Einige der Leiber sind mit Zeichen tätowiert, andere wirken sportlich gestählt. Daneben lungern aufgemotzte Mädchen im »Miss Sixty«-Outfit mit nacktem Airbag unterm Kühler und ausladenden Fahrwerken. Gemeinsam verbringen sie ihre blauen Stunden unter dem dreidimensionalen Aral-Diamanten und dem Slogan »Alles super«. Die »Tanke« dient ihnen als informeller Treffpunkt.

Es soll keiner behaupten, jungen Leuten würde in Deutschland wenig geboten: Die Tankstelle in der sächsischen Kreisstadt ist einer der neueren Jugendtreffpunkte, die das Land vorzeigen kann. Vor allem die größeren der insgesamt 15.000 Zapfstationen in Deutschland sind zu Freizeiteinrichtungen mutiert. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nach Öl und Benzin riechen und einen letzten Hauch von Schweiß und Handarbeit verströmen. Richtig blühen sie auf, wenn daneben zusätzlich noch ein McDonalds lockt.

Die Drive-In-Zentren der Mineralölindustrie bieten jungen Leuten einen rund um die Uhr geöffneten Treffpunkt. Sie bilden Ersatz für betonierte Flächen, auf denen sich einstmals Menschen im grünen Bereich trafen und Teile einer sozialen Gemeinschaft sein konnten. Beton, Werbeflächen und Klohäuser sind an die Stelle von einladenden Bänken und lebendigen Brunnen getreten. Bruno Biedermann wird in seine Wohnhöhle getrieben und spinnt dort seinen Kokon. Wer unter Menschen will, der muss sie suchen. An der »Tanke« wird er fündig.

Da der öffentliche Raum seiner ursprünglichen Bedeutung als Ort der Begegnung weitgehend beraubt wurde, fehlen Treffpunkte, die zum Verweilen einladen und dem Bürger Sicherheit bieten. Damit schlägt die Sternstunde der Tankstelle, die einem eigenartigen Funktionswandel unterliegt: aus Geldzapfstationen werden Begegnungsstätten mit umfangreichem Supermarktangebot, die Tag und Nacht geöffnet sind und vor allem in ländlichen Regionen enorme Anziehungskraft ausüben. Die Unwirtlichkeit der Städte treibt damit neue bizarre Blüten, Deutschlands neue Freizeittreffs heißen Aral, Esso und Shell.

Vor allem für junge Männer ist die Tankstelle ein Abenteuerspielplatz, denn die Nähe zu starken Motoren, schnellen Autos und schönen Frauen suggeriert das Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Sie haben den Tiger im Tank und halten dies für ein einmaliges Lebensgefühl. Ihr Thema ist die Welt der fahrbaren Untersätze: das neue Moped, der schicke Roller, die aufgemotzte Karre.

An der »Tanke« treffen sich die Boxenstopper, die wie Rennpiloten an Säule Eins bremsen, ihre getunten Karren auffüllen und am liebsten gleich wieder in eine unbekannte Ferne los brausen wollen. Sie lassen sich bewundern und genießen den Neid der Habenichtse. Am Heckspoiler prangen Macho-Sprüche wie »Mein zweites Spielzeug hat Titten«. Oft sind sie einsam und verschuldet. Daheim starren sie der leere Kühlschrank und eine kalte Bettenburg an. Lieber springen sie in ihre schnellen Schlitten und drehen die Stereoanlage bei weit geöffneten Fenstern voll auf. Jeden Cent investieren die Piloten in ihre einzige wahre Liebe: bullige Boliden. Da deren Motoren saufen wie Kamele nach einem Wüstenritt stehen ihre Fahrzeuge mehr in den Boxen als auf der Piste.

Es rollen die Träumer ein, die beim Befüllen ihres fahrbaren Untersatzes bereits überlegen, welche Schokoriegel und Softdrinks sie an der Kasse kaufen wollen. Ihnen bietet die Tankstelle einen Ausflug in eine Warenwelt, die sie sonst kaum betreten würden, weil Mutti oder andere dienstbare Geister für sie einkaufen gehen. Die Träumer machen einen Ausflug zur Tankstelle, weil sie Altersgenossen treffen wollen und darauf hoffen, etwas zu erleben, bevor die Hähne krähen.

Abenteurer fahren vor. Sie glauben ihr Fahrzeug ganz genau zu kennen und tanken erst auf den letzten Tropfen. Der Sprit strömt nicht in den Tank, bis es schäumt. Sie tanken für einen vorgegebenen Betrag, den sie zuvor an der Tanksäule exakt eingestellt haben. Bei ihnen ist alles haarscharf kalkuliert, sie riskieren, unterwegs stehen zu bleiben und empfinden eben diesen Kitzel als Abenteuer. »No risk, no fun«, lautet ihre Losung.

Schließlich sind die Schrauber zugegen, deren Freundinnen behaupten, sie lägen häufiger unter ihren Karren als auf ihnen. Sie fummeln und flicken an ihren Fahrzeugen, dass die Funken fliegen. Ihr gesamtes Selbstwertgefühl steckt in den fahrbaren Untersätzen, die mangels eigener Wohnung oft auch der einzige Platz unter dem Firmament sind, an dem sie sich heimisch fühlen. Der Himmel ihres Autos ist ihr Horizont.

Zapfstationen sind in erster Linie für Männer gebaut. An kaum einer anderen Stelle im öffentlichen Raum wird die mangelhafte Gleichberechtigung so deutlich wie an der Tankstelle. Frauen hassen Tanken im Dämmerlicht, weil sie fürchten, sich vor der im Hintergrund gaffenden Meute zu blamieren. Sie tanken lieber bei Tageslicht. Abends bleiben sie in ihren Wagen sitzen und lassen ihre männlichen Begleiter aussteigen, um die Drecksarbeit zu erledigen. Selbst abweisende Charaktere lassen sich gern helfen. Das nötigt manchen der versammelten Zaungäste ein Schmunzeln ab. Aber sie erkennen auch an, wenn eine Frau an der richtigen Seite der Zapfsäule vorfährt, und der Schlauch nicht um das halbe Fahrzeug herum gezogen werden muss.

Die Filialen der Mineralölkonzerne sind zu Treffpunkten geworden, die unterschiedlichste Typen anziehen und sammeln. Meist an Ausfallstraßen gelegen, bedienen sie den Traum von Ferne, den vor ihrer Umgestaltung in Shopping-Center die Bahnhöfe einnahmen. Alternativen bilden in kleinen Dörfern, in denen Tankstellen wegrationalisiert wurden, vielleicht noch die Bushaltestellen. Auch Großparkplätze vor Kaufhallen und Discountern erfreuen sich nach Ladenschluss besonderer Beliebtheit. Doch sie können den 24 Stunden lang geöffneten Kettenläden mit »Reisebedarf« kaum das Wasser reichen, wo man stundenlang trinken, essen und sich die Zeit vertreiben kann.

Die »Generation Tanke« sucht Abenteuer ohne Limit und Ladenschluss, und derartige Freizeitangebote sind rar.



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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