.


Zur Druckversion

27.01.09

Wilhelm Ruprecht Frieling

Der neue Laptop

Der neue Laptop beim Discounter mit dem großen blauen »A« lockt verführerisch in perlschwarz. Er bietet alles, was des Users Herz begehrt und wohl noch vieles mehr. Um die vielen Extras zu betonen, hat der Anbieter einen bunten Werbeprospekt in doppelter Größe auflegen lassen und den Einfallsreichtum ausgesuchter Texter bemüht. Im Mittelpunkt der Promotion leuchtet das gewisse Extra des Rechners: ein Fingerabdruck-Scanner als Schlüssel für den Zugang!

»Sichere Sache. Da komme ich nur noch ganz allein rein«, frohlockt Heinrich Himpel, den diese technische Neuerung spontan begeistert. Seit Jahren plant er die Anschaffung eines neuen PC, nachdem sein betagter Weggefährte erst die Festplatte und dann auch noch den Bildschirm zum Teufel jagte. Gepiesackt von Familie und Freunden, wann er denn endlich mit seiner Entscheidung »zu Potte kommen« wolle, steht sein Entschluss fest: dieser hochmoderne Schlepptop soll sein Freund und Begleiter beim Erkunden der virtuellen Welt werden! Zur Absicherung wird als letzte Instanz noch der EDV-Mann im Betrieb befragt. Als dessen Augen ebenfalls leuchten, eilt Heini zum genannten Termin früh um acht zum nächsten Verkaufstempel und schwenkt den Prospekt. Er wirft ein Bündel Geldscheine auf die Theke und schleppt stolz wie Oskar die schimmernde Beute heim.

Das Wunderbare an Computern der neuen Zeit ist, dass sie bereits vollständig aufgerüstet und eingerichtet sind. Betriebssystem und Programme wurden von kundigen Heinzelmännlein vorab installiert. Das Gerät kann damit gleich in Betrieb genommen werden: ein Segen für jeden, dem das Computern unheimlich ist. Himpel klappt den Deckel seines neuen schwarzen Schätzchens auf. Der Kasten summt und brummt fröhlich, und der Geist der Maschine begrüßt nach wenigen Augenblicken seinen neuen Herrn und Meister. Der strahlt über beide Backen und freut sich über das Willkommen eines freundlichen Assistenten, der ihn bei seinen ersten Schritten begleiten möchte. Gleich wird Heini um das Wichtigste gebeten, das ist sein individueller Fingerabdruck.

Galt früher ein Fingerabdruck als erster Schritt in die Verbrecherkartei, erschließt er heute zugleich den Zugang zum Paradies. Der Assistent verlangt, einen Finger auszuwählen und über den Scanner zu streichen. Heini wählt einen besonders fleischigen Finger aus, damit die Kapillaren besonders gut erkennbar sind und erledigt diesen Job gleich mehrmals. Dann tippt er wunschgemäß verschiedene Namen und Passworte ein, weil der freundliche Helfer ihn darum bittet. Dabei wählt er eine Buchstaben-Ziffern-Kombination, damit keiner, der vielleicht die Fingerabdrucksperre überwindet, an seine geheimen Daten kommt. Heinrich Himpel schaut gelegentlich fern, er hört im Auto Radio, und er ist seit Jahrzehnten Abonnent einer Lokalzeitung. Ihm macht so schnell keiner was vor. Deshalb variiert er die erwünschten Passworte auf raffinierte Weise, mal kombiniert er Namen und Geburtstag der Tochter, mal wählt er die Adresse der Eltern und verarbeitetet sie zu einem Geheimcode. Der Assistent akzeptiert und dankt, dann verabschiedet er sich. Alles scheint in bester Ordnung. Himpel triumphiert: er hat sein neues Spielzeug ganz für sich allein, und niemand kann ohne seinen Fingerzeig darüber verfügen.

Am Weihnachtsabend stellt Heini das neue Familienmitglied vor. Der stolze Vater fährt den Rechner hoch. Gattin, Tochter und Schwiegersohn schweigen erwartungsvoll. Himpel streicht mit dem Finger über den Scanner. »Too fast« meldet eine Anzeige. »Zu schnell« übersetzt das Töchterlein. Erneut zieht Heini einen Finger über den Sensor. Ein großes rotes Kreuz verweigert den Zugang. Erfolglos versucht er es ein weiteres Mal. »Bist du sicher, dass es der richtige Finger ist«, fragt ihn seine Frau, die ihren Mann wie kein anderer kennt. Der sinkt einige Millimeter in sich zusammen, knurrt unwillig und ratscht wieder über die Leseleiste. Drei Mal bleibt er erfolglos. Dafür öffnet sich ein neues Fenster, ein »PBA« wird erfragt. Erleichtert atmen alle auf. Der Schwiegersohn stand von Anbeginn dem Fingerabdruck skeptisch gegenüber und empfahl, diese Abfrage auszulassen. »Jetzt musst du nur dein Generalpasswort eingeben, dann akzeptiert er dich«, muntert er den Schwiegervater auf.

Himpel macht ein Gesicht, als wolle er den Gesang der Wale entschlüsseln und tippt diverse Zeichen ein. Der Rechner schüttelt ablehnend den Kopf. »Hast du dir etwa schon wieder das Passwort nicht aufgeschrieben«, funkelt ihn die Gattin an. Stumm und mit eingezogenem Kopf tippt der Göttergatte weitere Buchstabenkombinationen in das Abfragefeld. Nach diversen Versuchen schaltet der Computer auf stur. Ohne Neustart ist nichts mehr zu bewegen. Wieder fährt der Rechner hoch, drei Mal wird der Finger von oben, von unten, mal langsam, mal schnell über die Lesezone gezogen. Heini bleibt erfolglos und meldet nach dem mehrfachen Versuch, erneut das richtige Passwort einzugeben, Bankrott an. Hektisch steht er auf und wühlt in einem Zettelhaufen. Stolz zieht er einen Papierfetzen hervor und hält ihn den anderen hin. Da ist das Passwort! »Vati, das ist dein Handy-Passwort, das kennen wir schon«, schüttelt die Tochter ungnädig den Kopf. Erneut wühlt Heini in seinen Unterlagen. Weil er nichts findet, probiert er noch ein paar Mal alle erdenklichen Passwörter in Groß- und Kleinschreibung. Schließlich ist der ehemals stolze Besitzer des neuen Rechners derart konfus, dass er den Deckel seines neuen Besitztums zuklappt. Der Abend nimmt seinen Lauf.

Am nächsten Tag wird die Versuchsreihe erneut gestartet. Leider erinnert sich der Computer auch im Wiederholungsfall weder an den Fingerabdruck noch an das Simsalabim zur Öffnung der Schatztruhe. Was tun? Der Schwiegersohn rät zur Neuinstallation des Systems und zum Rücksetzen sämtlicher Kennworte. Eine Rettungs-CD mit dem System wird eingeschoben, und alles wird neu konfiguriert. Passworte, Gerätenamen und Sicherheitsfrage werden eingegeben und unter Argusaugen notiert. Der Einrichtungsassistent für den Fingerabdruck wird übergangen, weil alle Anwesenden laut »Nein« schreien, als Heini wieder den Einrichtungsassistenten bestätigen will. Alles läuft zur Zufriedenheit, der Rechner scheint geheilt. Jetzt kann es endlich richtig losgehen.

Aufgeregt klickt Himpel ein Programm an und öffnet eine Demoversion, die ihn 60 Tage lang unentgeltlich locken möchte. Er tippt, er schaut verlegen, er tippt erneut. »Ich muss mich anmelden, aber es geht nicht«, entfährt es ihm unsicher. Die am Tisch versammelten Blicke irritieren ihn. »Du hast doch überhaupt keinen Internet-Anschluss«, murmelt der Schwiegersohn leicht genervt, »darum wolltest du dich doch schon vor Monaten kümmern«. Himpel schaut, als verstehe er die Welt nicht mehr. Aber wie soll er denn jetzt ins Internet kommen? »Versuchen wir erst einen Neustart, ob jetzt alles in Ordnung ist«, rät ihm der Mann, der ihm die Tochter nahm, »dann sehen wir weiter«. Gesagt, getan.

Der Rechner fährt runter, der Rechner fährt hoch, und wieder wird der Fingerabdruck verlangt. »Mist, wir müssen das Ding vollkommen abschalten«, entfährt es dem Berater, »also wieder alles von vorn«. Er schnappt sich den glänzenden Kasten, installiert erneut das System, überschreibt alle Passworte und erklärt dem Assistenten, der die Vorzüge des Fingerabdruckscans schmackhaft machen will, dass er darauf unbedingt und auf jeden Fall verzichten will. Endlich läuft die Kiste und lässt sich mit Hilfe des notierten Passwortes auch problemfrei nutzen. Der Eigentümer wird ermahnt, auf keinen Fall neue Passworte einzugeben. Sicherheitshalber notieren alle Anwesenden das Generalpasswort. Nur für alle Fälle.



Wie finden Sie die Kolumne » Der neue Laptop «?

Ihre Bewertung: wahnsinnig gut
sehr gut
gut
nicht gut




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Wilhelm Ruprecht Frieling und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Nutzen Sie dies Formular nicht für vertrauliche Informationen an unsere Autoren. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihrer Zuschriften (auch auszugweise) auf kolumnen.de, in unserem Newsletter oder auf unserer Facebookseite zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Wilhelm Ruprecht Frieling.

Foto: Wilhelm Ruprecht Frieling

Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

Ausgewählte Kolumnen von Wilhelm Ruprecht Frieling

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Wilhelm Ruprecht Frieling