Apropos Musikhalle Hamburg. Dort wurde vorigen Donnerstag die Revolution des »Industrial« gegen die Musikindustrie wiederholt angekündigt, und fand dann doch nicht statt. Aber dazu gleich, vorher unvermittelt ins Geschehen:
Keine Atempause. Kein »Ping« ist zu hören. Dann gleiten zehn Schubladen eindrucksvoll geräuschlos im Achtelsekundentakt aus dem Gehäuse, das in einem dieser typischen Transportkoffer untergebracht ist, die bei Konzerten überall herumstehen. Ein Display zwischen zweimal fünf Schubladen zeigt Zahlen. Ein groß gewachsener junger Mann hebt mit gewisser Handfertigkeit fertig gebackene CDs aus den Schubladen, lässt die Scheiben in Pappklappcover sinken und justiert vorbedruckte Rohlinge in den noch offenen Schubladen. Hungrig werden die Schubladen auf Knopfdruck wieder von der Vervielfältigungsmaschine eingesogen. Nach ein paar Minuten wird sich dies Schauspiel mit der Präzision eines isländischen Geysirs wiederholen.
Was doch stark nach dem vielbeschworenen Verderben der New New Economy – der Raubkopiererei – klingen mag, nach Keller, nach Garage, nach heimischem Rechnernetzwerk, nach Dachböden frisch erschlossener Neubaugebiete, ist ganz »langweilig« legal. Die Häscher von Gema, Bertelsmann und Time Warner können uns nichts anhaben. Ich habe mich für dieses Szenario nicht in dubiosen P2P-Musiktauschbörsen eingeloggt, niemand musste leicht zu entschlüsselnde Botschaften in Foren, bei ebay oder im nicht angefragten Mailversand verbreiten. Ich nenne das »spektakulär«. Wir können dabei zusehen, wie Versprechen erfüllt werden, wie Träume wahr werden, wie es voran geht, wie Geschichte gemacht wird. Wir sind Revolution.
Also, wo sind wir? Wir sind Besucher des großartigsten Konzerts dieses Jahres.
Die Vorgruppe, die gar keine Gruppe ist, sondern ein Mann, der hinter einem Kästchen knieend am Bühnenrand eine halbe Stunde lang zirpt, dröhnt, lullt und quietscht, trägt dazu zwar nicht wesentlich bei, ist aber eine prima halbe Unterrichtsstunde über den Unterschied zwischen Langeweile und Atmosphäre. Wer ist das? Die Einschlafenden Neubauten? Auf der Karte steht BOE. Wir vergessen diesen Akt gnädig. Silence is sexier. Wir behalten vom Vorspiel des Abends nur jenen Zuhörer im ersten Rang in Erinnerung, der mehrmals mit eindringlichen Appellen (»Halts Maul!«) versuchte, die Konzentration der Zuschauer auf das Zirpen, Dröhnen, Lullen und Quietschen zu richten.
Nach BOE betreten die »legitimen Erben der Scherben« die Bühne der altehrwürdigen Halle. Da sind sie, die Altvorderen, oder die, die noch übrig sind. Wenn früher Mufti die stärkste Bühnenpräsenz ausstrahlte, steht nun ganz Sänger Blixa Bargeld im Mittelpunkt. Barfuß, mit Anzug und »einer der angenehmsten Stimmen der Welt«. Souverän gibt er den Conférencier und überbrückt mit Ironie die technische Verzögerung zu Beginn: »Wir müssen jetzt noch Programme downloaden. – Das konnte man nicht schon vorher machen.«. Dann erzählt er von alten und uralten Sponti-Zeiten, als die Neubauten ihres erstes Gig in Hamburg gaben. »Wir kamen aus Berlin nach Hamburg in die Markthalle und waren schockiert von den Zuständen, die hier herrschten!«. Bargeld lacht.
»Wie lange haben wir am Deutschen Schauspielhaus denn Andi gespielt? Ein Jahrzehnt?« Bassist Alexander Hacke korrigiert ... »Ja, richtig, wir haben drei Jahre gespielt, aber unten in der Kantine, da waren wir ein Jahrzehnt!«. Blixa amüsiert gekonnt das ganze – halb erwachsene, halb nachgewachsene – Publikum, die Hornbrillenträger, die Punks, die Hippies, die Ravemädchen, jene Zuschauer, die als Eltern der Bandmitglieder durchgehen könnten, und auch uns langweiligen Typen, die so aussehen, als hätten sie sich im Saal, oder vielleicht in der Stadt geirrt. Selbst der Halts-Maul-Mann schweigt.
Es folgen zwei Stunden aus einem kreativen Höhepunkt in der Karriere der Einstürzenden Neubauten. Ich hatte völlig vergessen, eine wieviel bessere Liveband sie im Vergleich zu den Studioaufnahmen sind. Die Musiker dreschen und schlagen auf Tasten, Saiten und die obligatorische metallene Musikmaschinerie ein; dazu bewegt sich Blixa mit seinem herzbrecherischen Singsang irgendwo zwischen Erzengel und Harpyie. Anders als bei den Studioalben hat die Musik hier Atem und Puls, bekommt auf der Bühne Licht und Schatten, Punkt und Komma. Ich verstehe trotz der zeitweise infernalischen Lautstärke selbst die Texte deutlicher. Vor allem hören wir hypnotische, manchmal zusammenstürzende, meist aber fortwährende Rhythmen. Dazu öfter als angenommen auch grandiose Streichersätze, die aus dem Synthesizer wabern. Woher stammen die Samples? Sie klingen nach Andalusien, aber auch nach Brahms.
Von Klischees keine Spur, stattdessen macht es einfach einen Höllenspaß, diesen Meistern ihres Handwerks wieder bei der Arbeit zuzusehen. Mir fehlt natürlich ernsthaft der Vergleich zu den frühen Auftritten. Zuvor sah ich die Einstürzenden Neubauten 1993 live beim Düsseldorfer »Noise Now Festival«, 1994 die Aufführung von Werner Schwabs »Faust:: Mein Brustkorb: Mein Helm« auf Kampnagel – und natürlich ist das hier nicht mehr die selbe Band. Vor allem FM Einheit hinterließ bei seinem Weggang eine noch nicht verheilte Wunde, aber mit Moser und Arbeit ist die Band sogar besser geworden, und ich freue mich, endlich einmal wieder sehen zu können, was es alles zu hören gibt. Die immer wieder tonangebende Stahlfeder gibt es noch, wie damals, und an ihr blitzt kurz auch eine Bohrmaschine auf, aber ein Vorschlaghammer hämmerte auch schon vor elf Jahren nicht mehr, und kein Presslufthammer frisst sich in den Bühnenuntergrund. Keine Relikte. Nur der Halts-Maul-Mann vermisst ein »Instrument«, wie ich später im Forum der Neubauten-Seite erklärt bekomme: »Wo ist der Vogelkäfig?«, rief der. Es gibt keinen Vogelkäfig. Und das Glockenkarusell, das auf der »Interim«-CD abgebildet ist? Das stand da. Aber wurde es auch bedient? Kann mich nicht erinnern. Wohl nicht.
Stattdessen Neues. »Zufällig gefundene Geräusche« spielt Blixa auf der »Transistorradio-Gitarre«. Perfekt. »Tomorrow Never Knows« lässt grüßen. Die eigentlichen »Hauptdarsteller des Abends« waren laut Blixa aber zwei glänzende, gelbe Druckluftkompressoren. »Der Neue ist ein Dezibel leiser als der einen Monat zuvor gekaufte. Das ganze Geld aus dem ersten verkauften Gerät haben die in die Forschung gesteckt, um das Teil leiser zu machen. Das eine Dezibel weniger steht allerdings doppelt so groß auf dem Ding drauf. Was waren wir glücklich, als wir das gesehen haben! Ein ganzes Dezibel leiser! (lach)« Davon ist natürlich nichts zu bemerken. Tatsächlich geht es auch nicht um das Geräusch der Kompressoren, das ohnehin im Hintergrund verschwindet. Mit Druckluftpistolen, die vor Rohren und Schläuchen vorbeigeführt werden, werden unterschiedliche Töne erzeugt, für deren »folkloristische Lautstärke« sich Blixa Bargeld wegen bei einem Stück abgeschalter Mikrofone sogleich entschuldigt.
Ein berauschender, wenngleich tatsächlich sehr, sehr lauter Abend. Und nach dem Konzert sollte die Revolution kommen. Ein letztes Winken der Musikindustrie. Es war den »Supportern« der Band zuvor per E-Mail angekündigt worden, und Blixa ließ zwei Gelegenheiten nicht aus, auf die Sensation hinzuweisen: Am Ende des Konzerts könne dies als Doppel-Live-CD direkt käuflich erworben werden.
Hat diese Band, die ihr letztes Album gegen Entrichtung eines Obulus ausschließlich für eingeschriebene Fans entwickelte und vertrieb, und dann nach eigenen Angaben allein zwecks Finanzierung einer Welttournee noch eine abgewandelte Version des Albums bei »mute« verlegte, den Weg aus dem Molloch Musikindustrie gefunden? Und ganz nebenbei verwirklicht, was im normalen Betrieb des Musikbusiness undenkbar, aber in Eigenregie naheliegend ist?
Endlich welche, die sich dieses einmalige Geschäft nicht entgehen lassen! Das soeben besuchte Konzert ist als ganz offizieller Livemitschnitt nach kurzer Pause erhältlich. Kein Bootleg, kein Gejammer, kein abwendbarer Riesenreibach irgendeines Raubmitschnittvollidioten bei ebay. Sondern sofortige Befriedigung der eben geweckten Lust nach mehr, oder wenigstens nach Wiederholung. Weils so schön war. Play it again. Na endlich! Es gibt schließlich sogar Leute, die im Vergnügungspark das furchtbare Foto aus der Wildwasserbahn kaufen, da werden sich wohl ein paar Fans finden lassen, die sich für 25 Euro die Doppel-Live-CD »gleich zum hier Essen« in die Hand drücken lassen. Legalized, never forget!
Ja, die Fans finden sich. In Scharen.
Was folgt, sind keine CDs. Der groß gewachsene junge Mann zuckt mit den Schultern, winkt ab, macht weiter, allein: »Nee, gibt keine CDs mehr, sind alle weg.«. Die Enttäuschung ist den Umstehenden – nach der großartigen Ankündigung während des Konzerts umso mehr – anzusehen. Was für eine grandiose Idee. Und dann ist irgendwo irgendjemand zu dämlich, die umzusetzen. Leider. War die Theorie einfach zu schön, um wahr zu sein? Wollen die Neubauten vielleicht lieber »online streamen« statt CDs zu verticken? Behindert Blixas Ideal der vom Tonträger losgelösten Musik hier insgeheim den eigenen Erfolg?
In der Praxis jedenfalls lange Gesichter im Wartezimmer. Und inzwischen im Neubauten-Forum – natürlich – erste Anfragen nach (Raub-)kopien. Wie üblich. Nur mit dem Unterschied, dass es diesmal ganz anders hätte sein sollen. Als Supporter sollte ich eine E-Mail schreiben, falls ich einen Tourbesuch plante. Es gäbe wahrscheinlich besondere Angebote. Auch von einer Live-CD war schon vor dem Konzert die Rede. Und natürlich hatte ich sofort eine E-Mail geschrieben, na klar.
Eine CD gab es nun trotzdem nicht. Auch keine Antwort. Ich habe nochmal geschrieben. Irgendwie versteht ja niemand, warum es die CDs dann doch nicht gab. Vielleicht nur eine technische Panne in Hamburg? Die Antworten klingen anders: »We will try to have some of these things available from the website, but not until the whole tour is over. Please check back later! Webmaster«. Na, vielen Dank für die Auskunft. »Possibly the show will be available online, keep your eye on the website. As for the merchandising, I'm not so sure that will be available. Glad you enjoyed the show!!!«. Die Revolution wurde also wieder einmal verschoben. Wir waren so nah dran.
Was bleibt denn dann?
Alles beim alten. Und ein ziemlich guter Abend beim besten Konzert des Jahres. Und Fans, die auch weiterhin teure Bootlegs bei Kopierern kaufen.
»It is not dying, it is not dying.«
PS: Nein, natürlich brauche ich die CDs nicht. Ich war ja da. Kein Mensch braucht die. – Braucht die wirklich niemand? Ist das so? Ich meine, muss das so? Auf einem Post-it an einer Kaffeemaschine las ich vor einigen Jahren den entnervten Wunsch: »Wäre es nicht schön, wenn hier immer frischer Kaffee drin wäre, wenn man ihn braucht?«. Kurze Zeit später hatte jemand eine Antwort geschrieben: »Wäre es schon. Aber ist das Leben immer toll und schön?«