Was ist schwarz und klebt ausgelutscht am Stuhl? Richtig.
Dass Christian Wulff den Ansprüchen an das höchste Amt im Staat nie gerecht werden würde, war vielen schlauen Köpfen schon vor der inszenierten Wahl glasklar. Seinem nicht unumstrittenen, aber insgeheim zurückgesehnten Vorgänger im Amt mag man längst nur noch den Rücktritt verübeln, der Wulffs Amtsmisshandlungen erst ermöglichte. Der zehnte Bundespräsident repräsentiert in erster Linie sich selbst, niemals das Land, kaum dessen Einwohner. Weniger Kopf als mehr ein schlapper Hut Deutschlands ist er und kann und sollte abgelegt werden.
Aber ausgerechnet, dass Bundespräsident Wulff wutentbrannt bei der Bild-Zeitung und beim Springer-Verlag angerufen hat, um eine Berichterstattung zu verhindern, soll ihn jetzt zum Rücktritt zwingen?
Nein.
Gerade so ein Einsatz für alle von der Springer-Presse Verleumdeten würde doch der jüngst immer wieder lauthals herbeigewünschten Vorbildfunktion eines Politikers in höchstem Maße gerecht werden und alle Ehren machen! Was für grandiose Zeiten sind das, in denen der erste Mann im Staat höchstselbst zum Telefonhörer greift und den Meinungsmachtinhabern Flötentöne beibringt. Dürfen wir Utopie erleben, in der die Weisheit »Man legt sich niemals mit »Bild« an« Lügen gestraft wird?
Ein wermutstropfendes »leider« folgt. Leider fernsprach Wulff nicht im Namen des Volkes, sondern nur für sich allein.
Da bin ich mehr her- als hingerissen.
Stolperte Wulff tatsächlich gerade über diese Posse, und nicht etwa einfach über seine fehlende Staatsmannhaftigkeit oder verdient über seinen allzu plumpen salamitaktierenden Umgang mit den eigenen Halbwahrheiten rund um seine eben nicht nur privaten Finanzen. Es wäre eine traurige Schande, die nur belegte, wie hierzulande immer noch bloß Springer die Meinung bildet – und mehr. Dem frühen SPIEGEL-Titel über den »falschen Präsidenten« zum Trotz.
Und die Stimmen der im Dorf verbleibenden Kirchgänger versiegen ja auch keineswegs. Gar von Staatskrise ist die drohende Rede, sollte ein Staatsoberhaupt der Deutschen schon wieder das Zepter abgeben – schon gar nicht aufgrund solch verzeihbarer Lässlichkeiten! So wird die Posse schnell zur Katastrophe. Mutiert in den Medien eine Mücke zum trompetenden Elefanten? Lärm um nicht viel?
Einerseits ja. Insgesamt scheint die Presse heutzutage schneller Schaum zu schlagen als noch vor Guttenplag-Zeiten – auch immer mehr gehetzt von der angenommenen Meinung weniger Multiplikatoren im Internet. #Occupy @Politikerbashing. Da scheint schon etwas dran zu sein. Die deutsche Presse traut sich inzwischen eher, Aufregungen auch über vermeintliche Kleinigkeiten höher aufzuhängen – und legt damit die Messlatte unüberwindbar hoch. Wer taugt denn überhaupt noch für welches Amt, wenn niemand mehr perfekt ist? Auch nicht die Medien selbst übrigens. Und wie schon geschrieben – pardon, die Bild-Zeitung? Also ehrlich nicht.
Einerseits. Und andererseits: Recht so! Hauptsache Entoberhauptung, weswegen auch immer. Wir reden hier schließlich nicht von einem minderjährigen Castingopfer, sondern von einer groben Fehlbesetzung der Bundesrepräsentative. Im Gegensatz zu Privatpersonen und Fernsehsternchen darf für den Bundespräsidenten in den Medien eben nicht gelten, dass doch alles irgendwie nur halb so schlimm und sowieso eigentlich ganz egal ist. Beim Staatspräsidenten sollte immer auch eine Rolle spielen, was er an sich nimmt und von sich gibt.
Man kann nun freilich davon reden, dass verzweifelt nach einem Nagel gesucht wird, mit dem Christian Wulff ans Kreuz gehängt werden kann. Man kann sich aber auch fragen, warum das so ist. Wer, wenn nicht die Presse, hat nicht nur alles Recht, sondern auch die Pflicht, den Volksvertretern auf die Finger nicht zu nur schauen, sondern auch zu klopfen? Auch im Kleinen, soweit nicht rein privat im Intimen. Und erst recht Volksoberhaupt Wulff. Und sollte das die politische Kaste nicht aushalten müssen?
Wenn nun ausgerechnet die Bild-Zeitung an Präsident Wulff einen Narren erst gefressen und dann wieder ausgekotzt hat, kann man sie sich einander als perfektes Paar eigentlich nur wünschen und sich auf einen unwürdigen Schlagabtausch auf Augenhöhe freuen. Obwohl das widerlich würde. Nein, die Vorstellung genügt – in Wahrheit will man das nicht sehen.
Also ein Vorschlag zur Güte: Christian Wulff gibt von sich aus mit sofortiger Wirkung seinen Missbrauch der bundesrepublikanischen Präsidentschaft auf und auch die damit einhergehenden reichen Vergütungen – unverzichtbar, wenn seine Kanzlerin ihr schmollendes Gesicht wahren will. Dafür verzichtet die Bild-Zeitung künftig auf jegliche Berichterstattung über egal wen.
Eine Win-Win-Situation.