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07.11.04

Guido Grigat

Die große Koalation

Koalas schlafen gerne und viel, und das hatten sie uns in den vergangenen zwei Wochen voraus, falls wir zu später Stunde noch so dumm waren, RTL einzuschalten, um mal wieder im australischen Dschungel nach dem Rechten (nämlich dem aus der Lindenstraße) und seinen Kollegen zu sehen. Wer es komplett verschlafen hat, Glückwunsch! (Allerdings geht dieser Text davon aus, dass das kaum möglich war.) Heute abend gibt es nochmal eine »große Abrechnung«, danach ist Ruhe im Karton, bis zur DVD, dem Computerspiel, dem Allstarstrallala und der »Die größten RTL-Erfolge des Jahres«-Gala. Für dieses Jahr ist jedenfalls keine weitere Staffel zu erwarten. Obwohl ich das zu Beginn des Jahres auch dachte.

Dieser Text sollte eigentlich »The Lion Sleeps in the Brandstwiete« heißen, auch wenn Ihnen jeder Dschungelexperte (und Dirk Bach) weißmachen wird, dass es im Dschungel, zumal im australischen, überhaupt keine Löwen gibt. Aber schließlich wurden die »Stars« doch auch von afrikanischen Straußen gepiesakt und nicht von australischen Emus. Also geht auch Löwe. Nein, geht doch nicht. Da beziehe ich mich auf ein Zitat von Franziska Augstein, bemerken sogleich aufmerksame Leser. Nein, um Rudolf Augstein geht es hier gar nicht, meine Güte, man muss ja wirklich auf der Hut sein, was man sagt. Tut mir Leid, aber das Zitat war mir nicht bekannt.

So lesen Sie nun den leicht schwachsinnigen Titel »Die große Koalation«, weil »Bärendienste für Koalas« zwar die schönere Überschrift gewesen wäre, aber nur einen Teilaspekt dessen berührt, was zu diesem Thema noch gesagt werden kann.

Aber es ist schon so, ich habe den Koalas vermutlich einen Bärendienst erwiesen, wenn ich mir die Rausholstars angeschaut habe – die Umgebung des Camps wurde, wie die Bild-Zeitung anlässlich der zweiten Staffel nun nochmals herausfinden durfte, großräumig »gesäubert«. Je mehr Zuschauer ergo Erfolg die Sendung hatte, umso weniger wird die Natur also ihre Ruhe vor dem Trubel auf diesem kleinsten kameraüberwachten Campingplatz der Welt haben. Gerne würde ich ja nun wenigstens lesen, dass ein Teil der anzunehmend immensen Einnahmen über die Telefon-Gewinnspiele z.B. für das Aufforsten von Eukalyptuswäldern oder anders für den Schutz bedrohter Tiere eingesetzt werde, aber das Geld findet wohl doch nur für den Schutz bedrohter Fernsehsender Verwendung.

Das ist zwar irgendwie ehrlich von RTL, aber ehrlich gesagt auch genauso daneben wie die Miniserie selbst, schließlich stellen Tiere einen nicht zu übersehenden Teil des Sendungskonzepts dar, wenn auch nicht zum Süßfinden, sondern zum Anekeln, Gebissenwerden und Aufessen. Apropos: Als ich zusammen mit der RTL-Sendeleitung mehr oder weniger machtlos zusah, wie ein Haufen mehr oder minder hochzivilisierter und bezahlter Freizeitsurviver einen Flusskrebs namens Paul (vom Team selbst so getauft) in einem Kessel mit kaltem Wasser langsam kochte, hatte ich wenigstens mit einem kleinen Aufschrei von Tierschützern gerechnet. Aber Schreie waren nur im Camp selbst zu hören. Ich glaube, von Paul.

Es gibt natürlich Schlimmeres. Und auf dem Kessel war ein Deckel. Vielleicht war ja alles nur ein Zaubertrick. Anderenfalls hätte ich ohnehin nichts ausrichten können. Es war ja eine Aufzeichnung. Ich hätte doch etwas tun können? Ich hätte einfach abschalten sollen?

Solch ahnungslose Einwände kommen von denen, die noch nicht süchtig nach dem Medienabfall sind. »Car Crash TV«, also in etwa »Fernsehen wie ein Verkehrsunfall«, nennen Medienbeobachter (also wir alle) neuerdings jene Sendungen, die so grauenvoll sind, dass man eigentlich wegsehen müsste – bei denen man sich aber einfach nicht abwenden kann. Immer wieder ärgere ich mich über unnötige Staus auf Autobahnen, bei denen ich nach stundenlanger Wartezeit im Kriechtempo feststellen muss, dass ich nur deswegen viel zu spät kommen werde, weil es wieder leider viele Gaffer vor mir gibt, die im Trödeltempo (wohlgemerkt in sicherer Entfernung) an (bereits abgesperrten) Unfallstellen vorbeischnarchen, um einen möglichst lang andauernden Blick auf das vermeintliche oder wirkliche Schreckensszenario erheischen zu können. Nicht ganz so ärgere ich mich über mich selbst, weil ich mir schon wieder ein paar Abende mit »Ich bin ein Star – holt mich hier raus!« angetan habe.

Zum Kotzen.

Es ist genau dieses Verhalten, das uns auch die hohen Einschaltquoten von Sendungen erklärt, denen ich allenfalls den Charme des ungewollt Komischen zubilligen kann. Immer wieder die gleichen Formate, die aber in zuvor nie dagewesener Manier deutlich machen, dass die privaten Programme von Konzernen ausgestrahlt werden, die ihre Finger auch in allen anderen Bereichen der Unterhaltungsindustrie haben. Das war früher auch schon so, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen, aber ich fand es nicht so schlimm, weil es erstens noch nicht so offensichtlich geschah und es mir auch ganz egal war, wer da wo welche Hebel bewegt. Zum anderen war das Programm früher (nein, noch früher, viel früher!) zwar auch nicht besser, aber eben auch nicht schlechter. Das bedeutet aber bei einer Vervielfachung des Angebots, dass absolut betrachtet deutlich mehr Dreck über die Glotze in unser Wohnzimmer rieselt als früher: Auf allen »großen« Kanälen Chartshows und Revival-Galas und Casting-Events und eine Selbstbeweihräucherung, die so dermaßen zum Himmel stinkt, dass ich mich wirklich dafür bedanken möchte, dass sich das Geruchsfernsehen nie durchgesetzt hat. Besonders raffiniert in Szene gesetzt bei den Privaten in sogenannten Nachrichtensendungen, die vor allem über die hauseigene Prominenz berichten, damit diese nicht in Vergessenheit gerät. Das letzte Mal, das ich wirklich gerne fernsah? CNN am Morgen nach der US-Wahl. Das war sehr amüsant. Und davor? Muss ich mal überlegen ...

Egal, es hilft alles nichts. Die Begeisterung der ersten Stunden/Staffel ist dahin, dahin.

Wie gesagt, ich selbst konnte ja trotzdem auch diesmal wieder ein ums andere Mal nicht weggucken. Dabei war es doch eigentlich auch nicht schlimmer als die ganz »normale« Fernsehunterhaltung. Zum Kotzen eben. Immerhin, Dirk Bach hatte seine guten Momente, und alles in allem war es ein recht drollig anzusehender Kindergarten, in dem die Promis da miteinander und mit ihren »Prüfungen« umgegangen sind. Am späten Abend, vorm Zubettgehen, war das oft recht unterhaltsam! Danke, Harry. Danke, Jimmy.

Aber es war anders als beim ersten Mal, und aus Gründen der Dramaturgie möchte ich fortan diese Serie wieder als Müll betrachten. Wenn ich diesmal nicht zusah, hatte ich überhaupt nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. So ist das eben bei Fortsetzungen von Serien. Oder wissen Sie, ob »big brother« noch läuft? Da gucke ich dann doch lieber »West World«. Die schönen alten Spielfilme, sie laufen nicht mehr so oft, beziehungsweise nur noch in enger Auswahl. Einige Filme habe ich seit 20 Jahren nicht mehr im Fernsehen entdecken können, dafür werden mir andere zu Ostern, zu Weihnachten und am Namenstag des Intendanten wiederholt. Ich kann es nicht mehr sehen.

Ich werde schließlich auch älter. Und ich sollte mir meine schönen Erinnerungen ans Fernsehen früher nicht versauen. Trotzdem: könnten die Verantwortlichen nicht einfach die 70er und 80er Jahre der vier Kanäle, die es damals anfangs gab, als Bezahlstreams ins Netz stellen? Mein Geld wäre ihnen leider auf lange Sicht sicher ...

Wer Computerspiele spielt, entferne sich oft gefährlich weit aus seiner »wirklichen Realität«, lese ich in einer Ausgabe der GEE. Aber welche Realität? Die Buchstabenkolonnen auf dem Bildschirm im Büro? Oder ist das Lachen gemeint, das ich mir verkneife, wenn Frollein Nick sich ihre Tränchen rausdrückt, kurz vor der Krönungszeremonie? Zurecht empfinden manche etwas, wenn Dirk Bach den Costa-Schrein aus dem Baumhaus schmeißt, irgendetwas, sei es Verwunderung über soviel Ehrlichkeit bei RTL, sei es Schadenfreude, sei es Verwunderung darüber, dass einem das ein Gefühl entlocken kann. Aber so ist es nun mal, nicht nur bei Zuschauern, die unter die Altersgrenze der Zielgruppe fallen. Das ist eben unser Leben. wenn wir es zulassen. Dieser Schrott. Das Abtauchen in Fantasien macht aber natürlich keinen Sinn mehr, wenn das noch langweiliger ist als selbst der graueste Alltag. Das haben viele Medienmacher noch nicht verstanden, soll heißen: sie trauen sich noch nicht, das zuzugeben. Denn das würde bedeuten, sich mal wieder richtig was einfallen zu lassen. Bis es soweit ist, vertraue ich erstmal weiter auf jene Talkshows, die viele Jahrzehnte überstehen konnten. Nicht ohne Grund.

Dazu passt, dass ich vor wenigen Tagen in einem Geschäft für Unterhaltungselektronik hören konnte, wie jemand (trotz aller lautstarken Begeisterung für die Technik) seine Begleitung fragte, wozu es diese neuen, geilen DVD-Rekorder mit Festplatten eigentlich gäbe? Das sei ja ganz toll, aber was sollte man damit eigentlich aufnehmen? Es gibt kaum noch etwas, was sich nicht zu verpassen lohnen würde. Nun ja, das stimmt nicht ganz, denn natürlich laufen die guten Sachen immer gleichzeitig auf verschiedenen Kanälen, das mag ein Aufzeichnungsgerät auch heute noch rechtfertigen. Zu schweigen vom Suchtfaktor, den diese furchtbaren, billig produzierten Dauerserien haben. Und das gilt womöglich auch für Sportübertragungen. Aber dafür reicht auch jeder olle Videorekorder.

Schon vier Absätze ist es her, dass ich »Zum Kotzen« schrieb. Dabei trifft das so wunderbar nicht nur auf die merkwürdigen Gewohnheiten des gemeinen Zuschauers zu, sondern auch auf gut 85% aller Sendungen, die uns mündigen Zuschauern zugemutet werden, aber Geschmäcker sind eben – siehe die merkwürdigen Gewohnheiten des gemeinen Zuschauers – nun mal verschieden. Aber wieso haben immer die den schlechtesten Geschmack, die die Entscheidungen treffen? Und wieso verlassen sich ausgerechnet die Wenigen, die meinen guten Geschmack teilen, auf ihre Berater mit dem allerschlimmsten Geschmack? Es ist wirklich zum Heulen. Eine berechtigte Frage ist an dieser Stelle nur, ob Jammern weiterhilft? Oder Ignorieren? In der Dschungelshow selbst, um die es hier ja zumindest als Aufhänger für prinzipielle Fragen geht, konnte das Moderatoren-Prinzenpaar bereits feststellen, dass Jammern nicht hilft. Sondern Lästern. Und damit herzlich willkommen in der Parallelwelt der Medienberichterstattung.

Es scheint, als wollten die Medien, die über das »Car Crash TV« berichten, dem Leser genau das antun, was den Protagonisten im Fernsehen zugefügt wird. Die Nick lästert über ihre Mitinsassen, Bach und Zietlow über die Nick, und alle über RTL.

Alle? Nein, eben nicht. Viele haben sich diesmal zurückgehalten. Das war durchaus angenehm. So angenehmn, dass die taz sich vorgestern ärgerte, dass dies nicht allen gelang: »Nick & Co finden trotz hoher Zuschauerzahlen in keinem Medium mehr statt – außer in Bild und SPIEGEL-Gruppe«, lese ich. Mag sein. Und nur die taz berichtet, wenngleich weniger ausführlich, darüber, wie ausführlich andere ihre bunten Seiten mit »Alltagskultur« füllen, na und? Nur kolumnen.de berichtet übrigens darüber, wie die taz darüber berichtet ... aber lassen wir das. Liebe taz, können wir denn nicht einfach froh darüber sein, dass Bild-Zeitung und SPIEGEL nicht auch noch in alter Rechtschreibung berichteten?

Die »tageszeitung« hat ja recht. Augen zu und durch – oftmals Motto der Sternchen beim Sammeln ihrer Sterne – und keiner hätte was gemerkt. Wäre sehr angenehm gewesen. Aber die, die da berichtet haben, haben leider auch Recht gehabt, denn Äußerungen zur RTL-Show wurden gelesen wie geschnitten Brot. »Augen zu und durch« galt – bei hohen Einschaltquoten – bei den Lesern wohl nur für die Ausstrahlung der Serie, aber nachlesen, ob man was verpasst hatte, wollten sie trotzdem. Diejenigen, die schauten und die Artikel lasen, mochten sich zwar hier und dort ob falscher Zitate oder verdrehter Szenen fragen, ob nicht auch die Verfasser jener Artikel selbst einige Folgen aus dem Dschungel nicht gesehen hatten, aber wer würde es ihnen ernsthaft verübeln wollen? Gelesen wurde jedenfalls, wie es aussieht auch von taz-Redakteuren, angenommenermaßen eifrig. Nun kann man themengerecht anfangen zu jammern und zu lästern, wie viel also bei SPIEGEL ONLINE geschrieben, aber wie wenig dort gejammert und gelästert wurde. Man könnte ebenso sagen: Es ging nur um die Auflage. Es gibt Schlimmeres. Das gilt für RTL genau wie für SPIEGEL, Bild-Zeitung und taz. Die Berichterstattung aus dem Camp war in diesem Fall erkennbar keine investigative.

Angeblich wurde zu enthusiastisch berichtet. Enthusiasmus? Äh, wo? Alles, was gegen das Format an sich zu sagen gewesen war, war bereits gesagt, und über die Teilnehmer konnte man auch nicht recht in Fahrt kommen, zu unbekannt, zu unbedarft, einfach alles zu un.

Dann lieber die Klappe halten? Das würde bedeuten: Null-Auflage. Deswegen berichtet SPIEGEL TV direkt nach der Show heute abend auch über eben diese Show. Und SPIEGEL ONLINE hat seine Rolle in der Parallelwelt der Medienberichterstattung unterschwellig zum Abschluss der Serie im weitaus besten Teil seiner Berichterstattung auf den Punkt gebracht: »Wir haben eine Menge gemeinsam, die abgehalfterten Möchtegern-Stars im Camp und wir auf der anderen Seite der Mattscheibe. Aus völlig unerfindlichen Gründen setzen wir uns einem kindischen, inhaltleeren wie ekligen Programm aus.« Also ehrlich, wer das liest, der wird wohl wissen, warum, falls er zuvor wochenlang die Berichterstattung verfolgt hat, oder?

Mehr Sinn als reinen Selbstzweck brauchten die Artikel nicht zu erfüllen. Man war ebenso wenig gezwungen, sie zu lesen, wie man die Show zu sehen gezwungen war. Mehr war nicht nötig. Die Artikel waren zugegebenermaßen überflüssig, aber sich über sie aufzuregen, ist ebenso überflüssig. So überflüssig wie der Satz vor diesem. Und vor diesem.

Wie es sich mit der Berichterstattung der Bild-Zeitung verhält, kann ich nicht mutmaßen. Ich lese das nicht.

Zu viel Berichte über jeden Scheiß vermüllen den Äther, klar. Danke für den Hinweis. Trotzdem: allein schon für die Medienforschung kommender Generationen muss festgehalten werden, was wir uns wider besseres Wissen antun. So gesehen war es ein Dienst an der Menschheit, wenn SPIEGEL ONLINE täglich aus dem Dschungel, oder zumindest aus dem Ticker, berichtete, als wenn ich dabeigewesen wäre, aber ohne, dass ich dabei sein musste. Wieder wird die Parallelwelt der Berichterstatter deutlich: Hier wird das Format, über das berichtet wird, eins zu eins übertragen: bei RTL müssen die Zuschauer nicht im Dschungel sitzen, das tun andere für sie. Dank SPIEGEL ONLINE brauchten sich die Leser nicht mal mehr vor die Glotze zu hauen. Geil.

In einer großen Koalition der Fernsehzuschauer mit jenen liebenswerten Bewohnern des Dschungels fordern wir daher, auch wenn alles nur halb so schlimm ist, sofortiges Fernsehverbot. Das kann nicht schaden. Außerdem werden damit wohl auch alle Berichte über Fernsehsendungen stark zurückgedrängt. Obwohl es um einige sehr schade wäre.

Fazit: Abschalten sofort!

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Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

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