In einer Zeitung, deren Name mir schon wieder entfallen ist, finde ich jene surreale Szene skizziert, in der ein Meisterelektriker oder Elektrikermeister von seiner Arbeit im Kanzleramt aus dem Nähkästchen plaudert.
Der Kanzler zusammen mit einigen seiner intimsten Berater hätte irgendwann wohl einfach vergessen, dass er, der Elektrikermeister, mit im Raum und im Hintergrund mit der Montage einiger neuer Lampen beschäftigt gewesen sei. Er habe aber jedes der vertraulichen Worte hören können, die gewechselt wurden.
Einer aus dem Gefolge des Kanzlers habe von seinem Traum berichtet, in dem die USA vierzig Atombomben auf Berlin warfen. Der Elektrikermeister habe sich noch über die ungewöhnliche Zahl gewundert. Nach seiner Bemerkung sei besagter Kanzlerintimus, dessen Name die Zeitung natürlich schuldig blieb, in polterndes Gelächter ausgebrochen, das aber rasiermesserscharf durch eine spürbar berührte Stille der anderen Anwesenden abgeschnitten wurde.
»Nur kleine Bomben. Ist nicht viel passiert. Und nicht auf bewohnte Gegenden. Am nächsten Morgen trafen wir uns alle wie gewohnt zur Tagesplanung. Uns allen ging es den Umständen entsprechend gut.« Kurze Pause, danach noch: »Wir wussten natürlich, dass es aus ist. Aber wir mussten doch weiter unsere Arbeit machen. Solange es geht.«
Der Kanzler habe da nur mit den Augen gerollt und das Thema gewechselt. Es sei dann über die »Juckreiz verursachenden Absonderungen der Medien« lamentiert worden, die unbehaglichen Reaktionen auf das kleine Wörtchen »nein«.
Tatsächlich lese ich etwa auf Deutschlands führender Nachrichten-Internetseite vom »stolzen Friedensfürsten« Schröder, in einem Ton, der mir die H-Milch im Glas sauer werden lässt. Auf welcher Seite stehen die eigentlich? Natürlich auf ihrer eigenen.
Gezeichnet wird dort das Bild eines Mannes, der mit dem Rücken an der Wand steht und nur deshalb keinen Millimeter weichen mag. Unbestritten hat Schröder mit dem fortwährenden Dauerbrennen seines – vermeintlichen – Wahlsiegthemas »Kein Krieg gegen den Irak« eine saftige Arschbombe in mannshohe Scheiße hingelegt, in die ihm kein Strohhalm mehr gereicht wird. Wie die letzten Landtagswahlergebnisse zu beweisen scheinen. Aber nicht die Wähler sind Schuld an der Möglichkeit dieser Beweisführung. Die Nichtwähler sind es, die hier in der Tat deutlich mehr zu verantworten haben als das Ausscheiden Gracias aus dem DSDS-Olymp. Aber lassen wir doch den Hessen und Niedersachsen ihr fades Vergnügen an der Abrechnung. Wahrscheinlich geben sie Schröder für seinen Sprung in die Wählergunstjauche schon beim nächsten T-Vote wieder gute Haltungsnoten.
Wobei in der Tat nicht nachvollziehbar ist, wieso der Schröder nicht begreift, dass das Dosenpfand und die hohe Arbeitslosenquote den ottonormalen RTL-Glotzer mehr nerven als ein möglicher dritter Golf-Krieg.
Aber wenn Schröder sich tatsächlich für einen – wo habe ich das gelesen? – Vorkämpfer einer weltweiten Friedensbewegung hielte, was wäre daran verkehrt, was daran zu missbilligen? Was ficht es mich an, wenn »Fans« des »Volkskanzlers« diesen für den Friedensnobelpreis vorschlagen? Warum bleiben wir nicht sachlich? Oder, warum sollen wir sachlich bleiben, warum fragen wir uns nicht lieber, ob Frau Merkel noch alle Untertassen im Schrank hat, wenn sie Schröder, wie ich gestern im Deutschlandfunk hören durfte, als »eine Gefahr für Deutschland« bezeichnet?
Wenn Schröder nur aus reiner Egomanie das Richtige tut – soll er doch, seit wann sind die Beweggründe für das Handeln unserer Volksvertreter hoch und hehr? Deutschland sucht den Superblender – aber in Schröder wird es ihn nicht finden, solange dieser nicht doch noch den Wendehals in den Wind streckt und denen, die einen Angriffskrieg gegen den Irak nicht für die ultima ratio halten, die Zunge heraus. Dann, allerdings, soll doch die Bild-Zeitung den Kanzler abwählen und ihn zusammen mit seinem Lieblingsphaeton auf einer abgelegenen Pazifikinsel aussetzen. Wir kippen derweil einen Rotkäppchen auf sechzehn Jahre Roland Koch als Kanzler Pinocchio. Prosit!
Bis es soweit ist, mögen die Hardliner der päpstlicher als der Papst sich gebärdenden christlichen Union bei einem kühlen Blonden in einer Verschnaufpause von ihrem – der Sonnenköniglichkeit des Kanzlers im Ausmaß der Unsäglichkeit in nichts nachstehenden – Feixtanz sich vielleicht erinnern an den Krieg im Kosovo, in dem die junge sozialdemogrüne Regierung einfach das tat, von dem sie annahm, es sei notwendig. Ohne dabei großartig mit dem amerikanischen Präsidenten und seinen Názguls fingerhakeln zu müssen, denn der Kosovo war nur ein kleines tibetanisches Dorf auf dem Globus, in dem kein Glanz zu holen war für das Land, das sich für die letzte Großmacht dieser Erde hält.
Es ist nicht der Hauch eines Schimmers an Anti-Amerikanismus aus der wenig mutigen These zu destilieren, nicht jede Regierung dieser Welt müsse sich nach schrillem Kreischen der Trillerpfeife des selbstaufgestellten Schiedsrichters vom Platze trollen und den Ball denen überlassen, die damit weiter auf ein leeres Tor zu schießen gedenken. Aber das Bild eines Fußballers wird den Vereinigten Staaten nicht gerecht. »Der Amerikaner an sich ist ja ein Feuerwehrmann«, hörte ich gestern in der Kantine jemanden verzwiebelte grüne Bohnen kauen. Dahin also hat sich mit dem 11. September 2001 das Bild gewandelt. Vom Deputy zur Feuerwache.
Die jüngeren Älteren unter den Lesern erinnern sich an dieser Stelle mit mir gemeinsam an den kleinen Zeichentrickdrachen Grisu, der so gerne Feuerwehrmann werden möchte und dann doch mit seinem eigenen Atem Unheil entfacht. Unversehens allerdings. Der Zeichentrickdrache an sich ist eben ein Opfer seines großen Herzens und viel zu großen Helms.
Ich darf noch einen Absatz lang bei dem Bild des Feuerkämpfers verweilen: Es ist nicht nur gutes Recht, sondern gar Pflicht eines jeden Feuerwehrmannes, Brände nicht nur zu bekämpfen, sondern bereits bei dünnsten Rauchschwaden am Horizont unverzüglich einzugreifen und den Ausbruch einer Feuersbrunst zu verhindern. Und Rauchen und Zündeln an allen möglichen und unmöglichen Plätzen durch das Aufstellen englischsprachiger Warnschilder und einhundertfünfzig Jahre alter Gesetze zu verbieten. Aber die legitime Furcht vor der Flammenhölle darf nicht Anlass sein, jenen, die mit dem Feuer spielen, mit dem Flammenwerfer Mores zu lehren. Auch dann nicht wenn es sich um einen stadtbekannten Brandstifter handelt? Solange in der Sache Unbeteiligte dabei zu Schaden kommen können, nein. Nicht, so pathetisch es auch klingen mag, solange das Streichholz in der Hand des Brandstifters nicht entzündet ist.
Aber wenden wir uns, um das Bild schleunigst wieder zu verlassen, wieder dem Geschehen im Kanzleramt zu, wo ein argloser Elektrikermeister noch immer Zeuge großer Worte ist:
»Welche Waffe haben wir dann gegen die Verbrecher an der Menschheit?«
»Keine friedliche, das ist gewiss. Aber jede schlimmstmögliche, wenn Beweise für ihre Verbrechen vorliegen. Und dass Saddam Hussein kein Unschuldshammel ist, ist bewiesen.«
»Aber haben zwei Golfkriege Saddam Hussein stürzen können?«
»Nein.«
»Wird ein Sturz Saddams das Resultat eines dritten Krieges mit Abertausenden von Verwundeten und Toten sein?«
Es darf zu recht daran gezweifelt werden. Rechtfertigt Frieden Krieg? Wer ernsthaft nach Bomben auf Bagdad schreit, ist ein Schwein sondergleichen. Und jeder entwickelte Staat, der nichts gegen das mörderische Gebahren terroristischer Regimes unternimmt, ist wahrlich unterentwickelt und eine Seuche der menschlichen Evolution.
Deutschland besteht zur Zeit noch seine Mutprobe beim Wiedereinstieg in die Welt des souveränen Säbelrasseln mit Bravour. Und obwohl wir davon ausgehen können, dass die Großmächte und Großmächtigen sich in Wahrheit einen schimmligen Kericht darum scheren, was für Anschläge Hausmeister Schröder in den Treppenflur der Geschichte hängt, ist es schon eine gesalzene Farce, dem Kanzler zu unterstellen, er mache mit seiner Haltung »den Krieg wahrscheinlicher«, weil das dem Irak zeige, dass nicht jeder auf dessen Nase tanzen möge.
Es stimmt dabei, dass Schröders Schwäche vor allem im Mangel an Alternativen liegt, wie der Mittlere Osten befriedet werden könne. Daraus allerdings zu schließen, es gäbe keine Alternativen, ist perfide.
Die irakische Führung dürfte nicht den Deut eines Zweifels daran haben, dass die stärkste Militärmacht der Welt im Zweifel im Alleingang gegen sie vorgehen wird. Was sie auf keinen Fall muss, da weit mehr als nur eine Handvoll weiterer Militärmächte überlaut verkündet haben, was sie über die Angelegenheit denken. Die Zahl der Gefährten wird spätestens ansteigen, wenn die bezaubernde Condoleezza Rice mit neuen Filmaufnahmen an die Weltöffentlichkeit tritt, auf denen Bin Laden und Saddam Hussein zusammen »Heute wollen wir marschieren, einen neuen Marsch probieren« pfeifen.
Bush wird im Anschluss vor die Mikrofone treten und mit der Stimme seines Vaters Sequenzen aus dem »Krieg der Sterne« vortragen.
Sie können sich jetzt aber selbst irgendwelche Passagen raussuchen.
Solange der Krieg, der nun geführt werden soll, ein gnadenloser ist, muss die Antwort auf die Frage nach ihm lauthals heißen: »Niemals!«
Wenn der deutsche Bundeskanzler diese Platte nun wie in einer Endlosrille gefangen krakeelt, mag weghören, wer kann. Und wer hinhört, mag das unbeholfen, besoffen oder weltfremd finden.
Aber es ist das Einzige, was in diesen Zeiten zu tun bleibt.
Der Elektrikermeister vom Anfang dieser Kolumne plauderte nicht alles aus. Er habe »ja seine Arbeit« machen müssen, gerade in so schlechten Zeiten wie diesen. Da sei man schnell weg vom Fenster. Und irgendwie habe er tatsächlich ein »mulmiges Gefühl« gehabt, als er nach einer halben Stunde wieder von der Leiter gestiegen kam.
Als er den Lichtschalter anknipste, um sein Tageswerk zu begutachten, wurde es dunkler.