»Redefreiheit für den Bundespräsidenten«, fordert SPIEGEL ONLINE heute. Witzig. Wo doch das Amt des Bundespräsidenten immer schon auch bedeutete: Amt des Redners der Nation. Wer wollte dem Staatsoberhaupt ernsthaft das Wort verbieten?
Wenn einige Politiker auf die in den Medien wie üblich messerscharf überpointiert zitierten Äußerungen Köhlers mit »Entsetzen« reagierten, ist das nur verständlich, sonst nichts.
Zum einen, weil jeder Politiker jede Chance, sich in irgendeiner Form zu profilieren, immer nutzen muss. Jeder Journalist, der nur halbwegs bei Bewusstsein ist, wird zu jeder Äußerung eines Politikers reichlich andere finden, die auf Knopfdruck Worte wie »skandalös« und »Eklat« auskotzen.
Zum anderen, weil diejenigen, die fürchten, dass die Ossis am kommenden Wochenende aufgrund der in den Medien plakatierten Zitatschnippsel Köhlers mal wieder Protest, sprich, die Neonazis wählen werden, wohl schlicht Recht behalten werden. Die Wähler im Osten sind zu einem guten Teil enttäuscht durch 15 Jahre voll leerer Versprechungen. Es gibt tatsächlich keinen – schon gar keinen guten – Grund mehr für sie, CDU oder SPD zu wählen. Das unterscheidet sie allerdings nicht von den Wählern in den alten Bundesländern. Auch unterscheidet beide nicht, dass auch davor viele Jahre voll leerer Versprechungen lagen. Der Unterschied mag allerdings der sein, dass es für diejenigen im Osten der Republik, die sich etwas weiter zurück erinnern mögen, außerdem keinen vernünftigen Grund gibt, die PDS zu wählen, wenn man denn gelten lassen mag, dass es sich hierbei tatsächlich um die legitimen SED-Nachfolger handelt, und dass die Wähler tatsächlich enttäuscht sind, und dass tatsächlich die Mehrheit der Deutschen auch von der DDR enttäuscht wurde!
Allerdings erscheint es unter dieser Annahme erst recht vollkommen absurd, jemand könne am kommenden Sonntag ernsthaft rechtsextrem wählen: Wer, wenn nicht in extremer Überhöhung allen voran die Nazis, hat den deutschen Wähler in der Vergangenheit abgrundtief enttäuscht? Das kann doch eigentlich trotz allem »Untergangs«-Revival niemand vergessen haben? Doch, es sieht ganz so aus. Wo steckt dieser Guido Knopp eigentlich, wenn man ihn wirklich braucht?
Leider steht es in der Tat fest. Da Umfragen heutzutage zukünftige Ereignisse laut SPIEGEL sogar schon belegen(!), und tatsächlich Prognosen mittlerweile den eigentlichen Wahlabend nahezu zu ersetzen im Stande sind, steht leider in der Tat fest: die Braunen werden in den Landtagen von Brandenburg und Sachsen sitzen. Ich komme daher zu dem einzig möglichen Schluss, dass die Wählerinnen und Wähler eben nicht ernsthaft wählen.
Woran liegt das? Sind die Leute bösartig oder doof?
An manchen Tagen bin ich für Sekundenbruchteile versucht, mich auf die Seite der Politiker zu schlagen, um sie – igitt – schützend zur Seite zu nehmen. Sieh doch mal her, Volk, das Verzapfte ist gar nicht so dumm, nur der Brei, mit dem die Medien deine hungrigen Mäuler stopfen, mit ihren Schlagzeilen, Titeln, Überschriften, Einblendungen, Textfließbändern – der ist ungenießbar. Trotzdem krächzt Volk weiter und sperrt die Schnäbel auf. Pawlowscher Reflex in Zeiten steter Berieselung.
Wenn nun in den Medien so getan wird, als wollten diverse Akteure der politischen Bühne unser (fast) aller Chef den Mund verbieten, so wollen sie in Wahrheit – wenn sie es bloß wüssten – doch wohl vielmehr den Medien einen Fingerzeig geben, doch bitte nicht ständig Scheiße zu quirlen und unters Volk zu, äh, wie nennt man das, wenn der Trecker die Gülle aufs Feld bringt – schleudern. Bewusst schleudern. Oder bewusstlos.
Nun also behauptet das Staatsoberhaupt aller Deutschen angeblich »unangenehme Wahrheiten«, aber es wird – wie so oft – viel heißer gegessen, als in den Medien hochgekocht wurde.
Keineswegs schließt Köhler mit dem Osten ab.
Keineswegs resigniert Köhler vor einem Osten, der ihn immer nur enttäuschen konnte, vor dem er immer auf der Flucht war, wie man aus seiner Biografie ablesen könnte: Geboren in Polen, »ins Reich heimgeholt« nachdem das Gebiet an die Sowjetunion fiel, Flucht vor der Roten Armee, Flucht vor der Zwangskollektivierung in der DDR, Leben im Flüchtlingslager.
Köhler sagt, wegen oder trotz oder ungeachtet dieses Lebensweges, nicht: »Dann geh doch rüber!«, und empfiehlt auch nicht, die ehemaligen innerdeutschen Grenzen wieder zu befestigen. Ich kann auch nicht erkennen, dass er sich nicht wie jeder normale Mensch wünschen würde, dass kein Unterschied mehr zwischen Ost und West erkennbar wäre. Er redet nicht einmal nur von Ost und West. Sondern auch von Nord und Süd.
Aber ist das eine Schlagzeile, wenn der Präsident davon redet, dass es nicht allen überall gleich gut geht, und dass man das mit Subventionen auch nicht hinkriegen wird? Nein. Und Subventionen sowieso ein falscher Weg seien? Wenn das die Kumpel wüssten! Wenn das die Schiffbauer wüssten! Der Ossi aber, und mit ihm der Wessi, glaubt dies zu wissen, was er aus den Überschriften gelesen hat: dass der Köhler für Ost und West unterschiedliche Lebensstandards ins Grundgesetz geschrieben hat.
Wenn das der Köhler wüsste!
»Köhler führten ein karges, einsames Leben. Durch die ständige Pflicht, den Meiler auf der richtigen Temperatur zu halten, kann davon ausgegangen werden, dass Angstzustände, Schlafmangel und Brandnarben zu diesem Berufsbild gehörten.« (de.wikipedia.org).