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14.10.06

Guido Grigat

Vermöbelt

Eine Szene ein bisschen wie vom Weltraumbahnsteig. Nee, anders. Mehr wie der Blick auf eine Minitrixlandschaft. Oder noch mal anders: Eine Erscheinung wie eine Telefonzelle am Rande von Nirgendwo. Was machen die da? Worauf warten die Menschen vor diesen gigantischen Haltestellen mitten auf diesem abseitigen Parkplatzgelände am Ufer der Elbe? Ich nähere mich busbahnhofsteiggroßen Bereichen, die aus dem unebenen Asphalt an manchen Stellen kniehohe Plane bilden. Die waren vor ein paar Wochen noch nicht hier. Was verkehrt an diesen Buchten? Naht ein Schiff? Fahren hier Sonderbusse? Wenn ja, wohin soll die Reise gehen?

Ein Anblick, absurd genug, dass ich einige Zeit und Nähe brauche, um abstrahieren zu können, was das soll. Drei Plattformen wurden in Reih und Glied aufgeschüttet, viele Wartehäuschen und Unterstände reihen sich hier aneinander, Menschen setzen sich, stehen auf, huschen hin und her, flanieren zwischen Kiosken, Plakatwänden, Infoständen und Toilettenhäuschen.

Ich komme der Sache näher und begreife erst kurz bevor ich den ersten Steig erreiche, dass ich in eine Stadtmöbelausstellung geraten bin. So etwas habe ich noch nie gesehen. In Kinderzimmern gibt es natürlich spielerisch, im winzigen Maßstab, sinnlose Anhäufungen des in der Realität stadtweit verteilten Inventars. Aber 1:1 in artgerechter Umgebung? Welch ein Spuk.

Drei Firmen zeigen hier geballt, was sie in Sachen Pissoir, Blumenverkaufskleinststand und Cityradstellfläche drauf haben. Hier wartet niemand wirklich auf einen Bus, hier tut man nur so, als ob. Personal verhindert durch bloße Anwesenheit, wenn auch dezent im Hintergrund, dass die Betrachter die Kioske leerräumen, deren Auslagen naturgetreu bestückt sind – es ist alles da, es fehlen nur die Verkäufer in den winzigen Presseartikelcontainern.

Dass der Mensch nur probt, nur beobachtet, aber irgendwie nicht wirklich anwesend ist, ist spürbar. Alles ist echt, und doch unecht, weil nur Simulation. Hier tummeln sich durchaus viele Dutzend Menschen, und doch wirkt das Ensemble leer, leblos, verlassen. Wäre nicht alles auch noch so verflucht unecht spiegelblank, ja wie frisch aus dem Ei gepellt, dann wäre das ein idealer Drehort für einen Film der Marke »Die Zombies warten an Gleis Drei«. Fehlt nur das Gleis.

Mittlerweile erinnere ich mich auch. Da stand vor kurzem was in der Zeitung. Die Stadt schreibt ihr Mobiliar neu aus. Die Firma, die den Zuschlag erhält, kümmert sich in den nächsten Jahren um den Unterhalt besagter Häuschen und Flächen, und kassiert dafür die Gewinne aus der Werbung, die auf jedem einzelnen der Schaustücke natürlich großzügig untergebracht werden kann.

Aber vom Hocker reißen einen die Straßenmöbel leider nicht. Alle drei Firmen beschäftigen augenscheinlich nur Zweimetermänner als Entscheider. Wie anders wäre zu erklären, dass ich zukünftig mein Altglas in Kopfhöhe in den Contentainer einwerfen soll? Abstrus. Wer entwirft so einen Aparillo, wer baut den dann auch noch? Und wie kann es sein, dass mehrere Firmen auf so eine Schnapsidee kommen? Und das in Zeiten, in denen man doch davon ausgehen können sollte, dass der öffentliche Raum, zumal von der Stadt selbst bestellt, bitteschön selbstredenderweise behindertengerecht mindestens im Sinne von Rollstuhlfahrergerecht sein sollten!

Und worin liegt der Witz, wenn bei einem Haltestellen-Unterstand tatsächlich nur Stehplätze angeboten werden? Fast ausnahmslos nahm bei den präsentierten Haltestellenhäuschchen die Sitzmöglichkeit maximal ein Drittel der Breite in Anspruch. Ein einziger Anbieter hat eine Bank an der Rückwand integriert, die über die gesamte Breite reicht und nicht nur maximal drei Personen Platz schenkt. Sich setzen zu können wird immer größerer Luxus, überall. Das entsprechende Modell war wohl auch deshalb nur im Marmor-Look zu finden, das vermutlich aus Kostengründen von vornherein nicht in die nähere Auswahl kommen wird. Dabei bietet ausgerechnet diese Bank zudem völlig freie Sitzmöglichkeiten ohne Mulden und Trenner in einer angenehmen mittleren Höhe.

Gerade in den überfüllten Einkaufsstraßen, deren Konsumtempel nicht auch nur einen Fatz an Platz zum Luftholen bieten, wäre ein großzügigeres Angebot Anlass zu heller Freude, aber natürlich ebenso auch weiter ab vom Schuss, und gerne auch im Grünen. Aber nein, überall gilt: »Bitte weitergehen! Bitte nicht auf Tokio treten! Bitte nicht setzen! Bitte nicht während des Einkaufs reden!«. Und wenn doch einmal Platz genommen werden darf, dann bitte nur vereinzelt. Der öffentliche Raum wird immer mehr seiner ursprünglichen Bedeutung als Ort der Begegnung beraubt.

Das gleiche – das Fehlen nämlich – gilt im Übrigen für Mülleimer, die ich jedoch nicht auf den künstlichen Straßeninseln entdecken konnte. Warum eigentlich nicht? Inwiefern sind eine Informations-Notruf-Säule und ein Scheißhaus Stadteinrichtung, ein Mülleimer aber nicht? Vermutlich bieten sie, so wie bloße Sitzbänke auch, nicht genug Werbefläche. Egal, ich sollte einfach froh sein, dass bei den im Stadtbild derzeit verwendeten Abfallbehältern noch kein Einwurf in mindestens Halshöhe nötig ist.

Der – besonders natürlich der rein zufällige – Besuch dieser grotesken Szenerie lohnt sich jedenfalls. Allein schon wegen des Gefühls, das einem hier realistisch weil vollkommen alltagsfremd davon vermittelt wird, wie modelleisenbahnhaft und ameisenwuselig unser Stadtleben mittlerweile doch längst ist.

Übrigens klage ich schon seit Jahren über den erwähnten Mangel an geeigneten Sitzgelegenheiten im Öffentlichen Raum. Es gibt wirklich viel Schlimmeres, klar. Und es gibt schließlich Sitzmöglichkeiten. So ist es ja nun auch wieder nicht. Aber muss man denn wirklich ausgerechnet an Klolitfasssäulen noch eine Außenbank schrauben? Da will ich bitte ausnahmsweise meine Ruhe, auch wenn ich geografisch betrachtet mitten in die Fußgängerzone kacke!

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

Anfang der Neunziger einige Bissen [..]

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