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16.09.06

Guido Grigat

Was ist los mit dieser Stadt?

Das kommt nicht oft vor. Gestern abend aber war es mir peinlich, in Hamburg zu leben.

Nicht etwa wegen des teilweise erbärmlichen Zustandes der Radwege in der Elbmetropole, obwohl ich eigentlich täglich damit rechne, dass der Senat – oder wohl doch eher der ADFC – Schilder mit der Aufschrift »Achtung, Todesfalle!« aufstellen lässt.

Auch nicht wegen der in Hamburg und seinen Stadtteilen besonders arroganten regierenden Politiker, die in den vergangenen Jahren den in mehreren Volksbegehren und Volksentscheiden erfragten Wählerwillen demonstrativ missachten, und die sicher in dem einen oder anderen Wähler schon insgeheim den Vorsatz reifen ließen, bei zukünftigen Bürgerbegehren doch mal das genaue Gegenteil des eigentlich Gewünschten kundzutun.
Wenn ich (oder vielmehr, da ich weder Deutscher noch »EU-Ausländer« bin, meine Mitbürger) dann also gefragt werden: »Sollten die Beach-Clubs an der Elbe vielstöckigen Bürohochhäusern weichen, weil so besonders effektiv weiterer Büroleerstand geschaffen und gleichzeitig Lebensqualität entschieden und langfristig nicht nur für Anwohner, sondern darüberhinaus für alle Hamburger und Gäste aus aller Welt vernichtet wird, mithin innerstädtischer Raum zur Erholung mit Blick auf die Elbe verbaut wird und letzlich das von der Stadt selbst propagierte ›Leben am Fluss‹ verhindert?«, dann muss die Antwort nach allen Erfahrungen mit unseren »Stadtvätern« natürlich zynisch lauten: »Unbedingt, sofort so machen! Und den U-Bahn-Ausbau in die Hafencity bitte priorisieren, schließlich können auch Besserverdienende nicht jeden Tag mit der Yacht in die City schaukeln.«

Aber nein, nicht deswegen war mir gestern abend peinlich, in Hamburg zu leben.

Es war, als ich im »Polittbüro« Horst Evers bei seinem Gastspiel in der Hansestadt sah.

Genaugenommen war natürlich Horst Evers zu sehen nicht der Grund der Peinlichkeit, sondern ein Blick in den ehemaligen Kinosaal: Rang verrammelt, unten lauter leere Reihen und nur eine Hand voll Hände voll Besucher.

Das gibt's doch nicht, dachte ich. Was ist los mit dieser Stadt? Alle Gastfreundschaft während der WM versoffen? Alle Kultur mit gigantomanischen Kreuzfahrtpötten ausgelaufen?

Zwar sagt Horst Evers während seines Programmes »Gefühltes Wissen« selbst, man müsse lernen, eine Chance auch einfach mal vorbeiziehen lassen zu können. Aber doch nicht dieses großartige Kleinkunstkleinod!

Aber kein Problem, liebe Hamburger. Sie haben nun allen gezeigt, dass Sie eine blendende Gelegenheit auch mal lässig nicht ergreifen müssen. Heute (Samstag, 16.9.) abend bietet sich (ab 20 Uhr) indes die Gelegenheit in der Hansestadt erneut. Und wenn für heute abend noch ebenso viele Plätze frei sind, wie gestern frei waren, kriegen Sie auch problemlos noch Karten!

Es ist noch nicht zu spät: Heute abend hin!

Weitere Informationen auf der Homepage des Polittbüros. Leider keine weiteren Informationen zum Auftritt auf der Homepage des Sprachkünstlers, auf der bei den Terminen zwischen dem 10.9. und dem 20.9. kein Eintrag steht. Gar in vorausahnendem Gehorsam, dass ohnehin kaum einer kommen würde? Oder hat der Autor den Termin in Hamburg bereits noch in der Nacht voller Zorn aus seinem Kalender getilgt?

Nachtrag vom 24.4.2008: Etwa anderthalb Jahre später, na bitte, geht doch, ganz tadellos, selbe Stelle, selber Horst Evers – aber beinahe ausverkaufte Bude diesmal, gerammelt voll. Was so ein Kleinkunstpreis doch hermacht. War wieder wunderbar. Wünsche weiter viel Erfolg!

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

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