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19.08.04

Guido Grigat

Urban messsages – »Bitte schmeißst euren Müll wo anders«

Dieter E. Zimmers (»Die Elektrifizierung der Sprache«) Nachklapp zum Rechtschreibtheater brachte es heute in der »Zeit« auf den Punkt: »Von morgens bis abends müssen sie (die Kinder) draußen im Leben noch ganz anderes lesen. Überall auf den Straßen stehen Sachen, die weder der neue noch der alte Duden erlaubt.«

Allerdings, wie mir ein kurzer Streifzug um den Block sogleich beweist. Neben hinreißend kläglichen Versuchen, in mir unbekannten Nuancen von Deutsch wichtige Botschaften zu vermitteln, wird mir wieder klar, dass die ganze Diskussion um unsere Rechtschreibmisere an der Tatsache vorbeidüst, dass auch der Ton Musik macht, dass der Inhalt manchmal die Form besiegt, dass Deutschlands (oder wenigstens Hamburgs) Straßen Orte permanenter Penetration mit Botschaften sind, und dass die Rechtschreibung nur selten daran die Schuld trägt, wenn ich gar nicht mehr mit dem Kopfschütteln aufhören kann, falls ich einmal mit dem Durchlesen aller dieser überall geklebten und geschraubten Mitteilungen anfange, die Mitbürger anderen Mitbürgern (vielleicht auch mir?) zur freundlichen Kenntnisnahme hinterlassen haben.

Nachrichten an die Kippenfallenlasser etwa finde ich, und nach ein paar Metern schon merke ich, es sind eigentlich immer Mitteilungen an die, die irgendetwas sollen. Oder nicht sollen. Die lieben Kunden, die ihre Einkaufstaschen im Auto liegen lassen sollen, aber keine Wertsachen, und die natürlich niemals und nirgendwo parken sollen, und immer abgeschleppt werden sollen, und die gleich ganze 40 Stück kaufen sollen, von irgend etwas, und die Klingel und Tür gleichzeitig drücken sollen; oder jene, die irgendetwas von was wissen, die sich melden sollen.

In Wahrheit sind das wir, und wir sind die, die doof sind, weil sie lesen: »Wer dies liest, ist doof!«. Oder, die philosophische Variante, wirklicher, voll aus dem Leben: »Bitte schmeißst euren Müll wo anders«.

urban message

Foto von Guido Grigat

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So ist die Lage.

Was treibt uns wirklich um? Ist es die Rechtschreibung im Lande? Fürchten wir wirklich die Deppen weniger als die vielen grässlichen Apostrophe? Fürchtet jemand allen Ernstes die Rechtschreibreform? Oder fragen wir uns lieber auch bei orthografisch einwandfreien Aufforderungen: »Was?«. Und falls das nicht so ist, warum ist das nicht so? Weil »Bild« für unsere Meinung zuständig ist? Ganz genau.

Dieter E. Zimmer bringt das ganz treffend ins Bewusstsein: »Bis heute hat sich nicht herumgesprochen, nicht einmal zu allen Ministerpräsidenten, dass der Staat dem Volk gar keine Orthografie verordnen kann. Es handelt sich bei der alten wie der neuen um nicht mehr und nicht weniger als die Schulorthografie. Sie gilt nur für Schüler und Lehrer und die staatlichen Behörden.«

Aber um die staatlichen Behörden zu verstehen, bedarf es wohl weit mehr der Umkehr von Denkweisen als der Rückkehr zu veralteten Rechtschreibweisen.

Allein der Blick um den Block wird mich, ganz gleich ob mit oder ohne Rechtschreibreform, auch in Zukunft noch die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen lassen. Aber was mische ich mich auch in die Belange der Kippenfallenlasser ein? Ich rauch doch schon anderthalb Jahre nicht mehr? Wenn mich jemand doch dabei erwischt, dann gebt es eine Anzeige!

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

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