Ikea kann also kommen. Nach Altona. Denn die Bürger des einst dänischen (und vor knapp vierhundert Jahren auch mal schwedischen) Hamburger Bezirks haben in einem Bürgerentscheid nun ganz entschieden entschieden, »dass in Altona ein Ikea-Möbelhaus gebaut wird und der Stadtteil dadurch nachhaltig belebt und attraktiver wird«. So einfach ist das.
Foto von Guido Grigat
Vielleicht hätten meine lieben Zeitgenossen aber auch zugestimmt, »dass in Altona kein Ikea-Möbelhaus gebaut wird und der Stadtteil dadurch nachhaltig belebt und attraktiver wird«? Wer weiß. Vielleicht sind auch Einwohner nun vermeintlich benachteiligter Stadtteile nicht auf den Kopf gefallen und entscheiden beispielsweise dreist, »dass in Wilhelmsburg zwei Ikea-Möbelhäuser gebaut werden und der Stadtteil dadurch nachhaltig belebt und noch attraktiver wird«.
Man könnte nun vortrefflich über die Sinnhaftigkeit solch einer Abstimmung streiten, wenn das nicht ohnedies nur von sehr regional beschränktem Interesse wäre. Zufällig steht das alte Karstadt-Gebäude aber nur wenige hundert Meter von mir entfernt, also los. Ich schicke allerdings voraus: Ich selbst habe nichts gegen Ikea, was ich nicht auch gegen jede andere Kette hätte, die sich noch breiter machen möchte an Stelle der Betonruine, die hier steht, wo in zwei Jahren Möbel mit lustigen Namen verkauft werden sollen.
Nun ist der monströse Betonklotz als Kind der Siebziger schon reichlich heruntergekommen, zugegeben. Ein Schandfleck, ohne Zweifel, den es zu beseitigen gilt. Und nach Jahren organisierten Beinahe-Leerstands soll man hier bald endlich eine blaue Tüte kaufen können, wenn einem eine gelbe gefällt. In den letzten Jahren konnte man hier überhaupt nur noch auf Veranstaltungen wie dem »Holy Shit Shopping« einkaufen. Kunst. Viele Künstler, die den ehemaligen Frappant-Komplex mit seinen weiten Verkaufsflächen und ehemaligen Wohnungen für zahllose Veranstaltungen und Ausstellungen nutzten und auch noch nutzen, sind die Kehrseite des Betongetüms. Und Tanz. Disko-Exil! Mit Innenbereichen, die wie Boten aus einer fabelhaften Frühzeit verkünden, dass wir uns an Ort und Stelle der einstmals feinsten Fußgängerzone der Republik befinden. Lange vorbei.
Rock the Karstadt
Foto von Guido Grigat
Aber wird mit dem Abriss und einem Neubau wirklich alles wieder besser? Diese Frage treibt alle die um, die die jetzige Kommerzruine als Mut zur Lücke begreifen und befürchten, dass alles nur immer schlimmer wird. Die Stadt hat vor der Tür des einstigen Kaufhauskomplexes schon geübt und ihren Steuerzahlern in den letzten Jahren den einen und anderen Schildbürgerstreich gespielt. Straßen wurden neu gebaut und wieder aufgerissen, weil der Bus mal und mal nicht und am Ende doch wieder durch die »Fußgängerzone« fahren sollte. Gleich nebenan stehen auch Gewerberäume in hoher Zahl frei, die derzeit grundsaniert werden, wozu eigentlich? Der Betriebsamkeit wegen? Der Wind pfeift dank eines benachbarten Hochhauses (und womöglich sturztrunkener Stadtplaner) mit manchmal gleich mehreren hübsch anzusehenden Mini-Windhosen durch die »Große Bergstraße«.
Wer wirklich einmal in den Jahren vor der Schließung durch den eingegangenen Karstadt frustwanderte, weiß, dass die schöne Einkaufswelt nicht grundlos erst ein paar hundert Meter weiter hinter der hier reich und arm trennenden Max-Brauer-Allee beginnt – oder aufhört, je nach Blickrichtung: Wo in den letzten Jahren ein – man möchte sagen, altehrwürdiges – Schwimmbad, gegen dessen Schließung die Bürger ebenfalls einmal votiert hatten, abgerissen wurde und wo nun ein Neubau mit »Conrad« und, immerhin, »Alnatura« steht. Direkt neben dem ebenfalls einst umstrittenen Einkaufszentrum »Mercado«, das noch einige Jahre zuvor auf einem uralten jüdischen Friedhof errichtet wurde. Auch damals gab es Proteste. Nun gibt es wieder Proteste, nun also kommt Ikea, zur Belebung der Umgebung des nach langen Anstrengungen immer belebteren Altonaer Einkaufszentrums. Ich würde ja gerne daran glauben, dass alles so einfach ist. Dass man Einkaufszentren beliebig über ganze Straßenzüge erweitern kann, ohne dass irgendwo weniger Kunden übrig bleiben. Kann ich aber nicht glauben. Ich fürchte, hier wird keine Umgebung belebt, sondern einzig und allein ein Möbelhaus. Oder hatten Sie etwa nach ein paar wunderschönen Stunden bei Ikea noch jemals Lust, die Umgebung zu erkunden? Dann herzlich välkommen!
Also zurück zum Beton? Das Material spielt gar keine Rolle. Gegen die prognostizierten Stockwerkhöhen eines Ikea-Neubaus würde auch eine Schickimicki-Glasfassade nicht helfen. Und mir gefiel zwar der in die Umgebung gespuckte Spruch »Lieber Ikea als 100 Ein-Euro-Läden« durchaus, ich bin aber partout gegen die Verschattung der Welt, naja, der öffentlichen Plätze, und hätte deswegen gerne gegen den geplanten Klotz votiert. Könnte man stattdessen auf dem Gelände nicht beispielweise eine pittoreske Altstadt errichten? Die wird in Hamburg doch zurecht schmerzlich vermisst.
Billigheimer oder Billy-Heimer?
Foto von Guido Grigat
Aber wer weiß? Die Freie und Hansestadt ist ja gerade dafür berühmt, sich einen feuchten Dreck darum zu kümmern, was ihre Bürger so entscheiden. In den letzten Jahren entschied der Senat mehrfach genau entgegen den geäußerten Bürgerwillen. Was auf die Spitze getrieben heißen müsste, dass das Pro-Ikea-»Ja« den Erfahrungen der letzten Jahre nach im Resultat bloß ein »Ätsch« wird.
Wobei sich die Frage stellt, ob man die direkte Demokratie nicht für deutlich Dringlicheres nutzen sollte als darüber abstimmen zu lassen, welche Läden man wohl gerne in seiner Nachbarschaft hätte? Kauft nicht bei Ikea? Ohgottogott. Bei aller Konsumkritikfreude geht das doch am Ziel vorbei. An meinem Ziel. Mehr Sonne für die Menschen. Aber vorerst hat die dunkle Seite die Macht gewonnen. Es wird »Kallt«!
Aber vielleicht macht Ikea auch mal am Wochenende heiße Disko und hängt vielleicht sogar die Kunstwerke ortsansässiger Underground-Künstler in seine Kunstwohnwelten? Warum eigentlich nicht? Entdecken wir(1) die Möglichkeiten! Solange nicht alle über 180.000 Stimmberechtigten mit auf Entdeckung fahren. Wo wohnen die eigentlich alle? Ums Eck? Doch kaum. Wie betroffen sind die dann? Aber bitte, jeder, der schon einmal einen wundervollen Samstagnachmittag mit dem Versuch verbracht hat, von einem Ikea-Parkplatz auf der grünen Wiese wieder herunter zu kommen, ahnt, dass sich da tatsächlich auch Hamburger aus der weiter gefassten Nachbarschaft noch umsehen werden, falls Ikea wirklich so magnetisiert wie erhofft.
[1] Wir? Ganz zu schweigen vom Nicht-EU-Ausländeranteil im Kiez, der gar nicht erst gefragt wurde, wie er sich seine Nachbarschaft lieber vorstellt. Wie hoch auch immer dieser Anteil sein mag. Nach meinem Gefühl nicht gering. Täuscht mich mein Gefühl bloß, weil ich selber dazu gehöre?
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