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23.05.05

Guido Grigat

Stoiberdeutsch oder
Von Nordresfalen und Neuwahlen

Der Herr Stoiber – einfach unmöglich.

Gestern abend bei Wickert, dessen Spitze in köstlicher Frage, wer denn wohl Kanzlerkandidatin der Union würde, Stoiber leider »ja nun, äh« gar nicht mitbekommen hatte ..., gestern abend also strahlte ein absoluter Herrscher sein halsabschneidend breitestes Grinsen und gefiel sich tatsächlich noch in der Rolle eines potentiellen Kanzlerkandidaten, schien es. Macht blendet eben. Besonders bei Wahn in Nordresfalen.

Wie bitte? »Wahn in Nordresfalen«?

Der Herr hatte es offenbar eilig gestern abend, wohl schon auf dem Weg zum Kanzleramt? Arg hastig haspelte er. Auch heute wieder. Vom »triumphan Sieg der Union in Neunfahn«. Dem »Niagang der Sozialdeokrie in Nostfarln«. Und irgendetwas von »Wählinnen und Wärn in Neistfalen«.

Nordresfalen? Neunfahn? Nostfarln? Neistfalen?

Seufz.

Sollte der bayerische Ministerpräsident, der Chef eines also auch in Sachen Bildung ganz vorne mitmischenden Bundeslandes, wirklich nicht in der Lage sein, »Nordrhein-Westfalen« zu artikulieren? Lieber Herr Stoiber, bitte sprechen Sie nach: »Nordrhein-Westfalen«. Nort-raihn-wässt-fah-len. So viel Zeit muss sein, bei aller Arroganz.

Immerhin, man muss den Politikernasen zu Gute halten, dass es sie gestern wirklich eiskalt erwischt hatte. Nachdem die Wahl als solche ja kaum mehr stattzufinden brauchte – stimmten doch erneut bereits die Prognosen recht genau – wurde es richtig spannend, nachdem unser Kanzler maulig genervt ankündigte, Schluss machen zu wollen. Bei SPIEGEL ONLINE sah es heute morgen sogar schon ein wenig so aus, als habe der Kanzler seinem Elend bereits ein Ende bereitet. Ein dunkel umrahmter Mann schaute mich neben der Überschrift »Selbstmord aus Angst vor dem Tod« nichts Gutes verheißend an. Nun wird allerseits analysiert, wie trickreich die Regierung vorgehen muss, will sie eine an sich nahezu unmögliche Parlamentsauflösung erreichen, samt anschließender um ein gutes Jahr vorgezogener Neuwahlen.

Dabei ist das doch nicht das Spannendste! Natürlich ebensowenig die »K-Frage«, wer also Kanzlerkandidatin der Union werde. Meine Güte, das ist doch ganz klar: Angela Merkel hat gegenüber Koch, Wulff und Stoiber vier entscheidende Vorteile: Sie wird von den Frauen gewählt, wenn sie es richtig anstellt. Sie wird von den Ossis gewählt, wenn sie es geschickt anstellt. Sie wird von einer Milliarde Unionsanhänger gewählt, wenn sie nicht mehr all zu viel falsch macht. Damit kommt sie im direkten Vergleich gegen Amtsinhaber Schröder bereits auf gut 130 Prozent aller Stimmen. Und hat noch ein viertes Ass im Ärmel: Sie kann »Nordrhein-Westfalen« richtig aussprechen, ja sogar die Bürgerinnen und Bürger in Schleswig-Holstein ansprechen, ohne dass sich nur »Bürginnen, Bürgern, Schlosten« angesprochen fühlen. Außerdem blühte die Merkel in jüngster Zeit oft zu einer auf, die wirklich ausgezogen sein könnte, den Deutschen die Kanzlerin beizubringen.

Nein, dass Angela Merkel in wenigen Monaten erste Kanzlerin Deutschlands werden könnte, ist nicht das Spannendste am politischen Erdbeben des gestrigen Abends. Die K-Frage für die Regierung ist es. Noch könnte schließlich die Regierung das Ruder rumreißen, vor vier Jahren – wir erinnern uns, wie aussichtslos es schien – gelang dies ja auch. Aber es wird nicht mit einem Kanzler Schröder gelingen. Was folgt? Ein Coup sondergleichen, halten Sie sich fest.

Dem Kanzler wird also – wie angekündigt abgesprochen – das Vertrauen entzogen. Konsequenterweise steht dieser Kanzler daher auch nicht mehr für eine erneute Kandidatur zur Verfügung. Stattdessen wechselt Joschka Fischer von den Grünen zur SPD und wird neuer Kanzlerkandidat. Zack. So einfach ist das.

Könnte hinhauen.

Plan B: Die unlängst (vorsorglich!) abservierte Heide Simonis tritt aus dem Off als Gegenbuhlerin Merkelhilds auf. Ein herrlicher Zickenwahlkampf stünde uns bevor, Politik könnte wieder Spaß machen, sogar im Sommer!

Sollte aber, wie zu befürchten ist, Kanzler Schröder ebenfalls von der Macht geblendet sein und nochmals antreten, dann bitte ich um eine harte Bestrafung für das deutsche Volk. Dann möge bitte Darth Kohl am Wahlabend erscheinen, ein »da pinnich wieta« rumpeln und auf Lebenszeit zum Kanzler ernannt werden, auf das uns so unschöne Spektakel in Zukunft erspart werden, wie das eines maulig-faulen Suppenkanzlers, der einfach keine Lust mehr hat, seine Suppe aufzuessen.

Zum Schluss noch eine schöne Szene aus der Fernseh-Ratesendung Familienduell: »Nennen Sie ein anderes Gericht als das Bundesverfassungsgericht« – »Erbsengericht«.

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

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