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»Ist das so schwer zu kopieren? Oder
Vom seichten Leiden eines Fans (3)« vorgetragen von Kerstin Pollmann
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

23.11.03

Guido Grigat

Ist das so schwer zu kopieren? Oder
Vom seichten Leiden eines Fans (3)

Vor einigen Wochen fing es an, mittlerweile klingen immer mehr CDs so, als wären sie übersteuert aufgenommen, was ja wohl nicht sein kann. Nö. Anderswo klingen die ganz gut. Aber an der Anlage kann es doch auch nicht liegen? Bin mir sicher, dass die vermaledeiten Un-CDs der Unterhaltungselektronik-Mafia schuld sind und den schon über zehn Jahre heißgeliebte Dienste leistenden CD-Spieler an den Rand des Selbstmordes getrieben haben.

Ist Ihnen schon aufgefallen, wie wenig Musikscheiben sich heutzutage noch mit dem Compact Disc-Zeichen schmücken dürfen? Gut, das war ja auch ein selten hässliches Logo. Ein guter Grund ist das aber nicht.

Die Deutschen, noch vor kurzem ein Volk einsamer, nachts um drei Uhr Micky Maus-Hefte ersteigernder Menschen, sind zur Raubkopiernation verzogen worden. Das nostalgische Loblied auf die guten alten Jahre der selbst zusammen gestellten Kassetten passt gut in eine Zeit, in der aus dem Internet gesaugt und im großen Stil über sogenannte Auktionen beschissen und betrogen wird. Ich warte täglich darauf, dass einer den ganzen Laden dichtmacht. Der kostenfreie Datenaustausch, gegen den die großen Unterhaltungselektronik-Konzerne und Musikfabriken der Welt seit geraumer Zeit rigide vorgehen, ist dabei jedoch nicht die Wurzel des Übels. Daran allein geht kein Künstler zugrunde. Es soll ja tatsächlich noch Künstler geben, die nicht bei einem der »major labels« unterschrieben haben, und trotzdem überleben, ja sogar Spaß an ihrem Leben haben. Weltstar freilich werden sie mit aller Wahrscheinlichkeit niemals – und allein das bereitet einigen dieser Künstler sicherlich diebische Freude. Aber genug, da gibt es genauso wenig schön wie tot zu reden.

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Die Kopie ist mithin nicht das Problem. Der Weiterverkauf ist es. Bei ebay verwandelt meist schon die Schutzbehauptung, man verkaufe legale Originale, illegale Kopien in lizensiertes Gold. Ist irgendwas? Überall steigen die großen Absahner ein. Lauter fette Spinnen im Netz. Wenn an einem Ende der Welt eine Community mit viel Mühe und Liebe Einiges auf die Beine stellt, um etwa das Bootleg eines unveröffentlichten Konzertes kostenlos an die Fans weiterzugeben, werden erste Kopien davon sicher bereits Stunden später am anderen Ende frech zu Fantasiepreisen angeboten, die allein deshalb schon ihre Klientel finden müssen, da sie mit aus dem Lügenland gegriffenen Begriffen wie »original«, »rar« und »natürlich keine CD-R« feilgeboten werden. Da entlockt es einem dann schon wieder ein Schmunzeln, wenn man auf der ansonsten täuschend original wirkenden Hülle eines Bootlegs liest: »IMPORTANT NOTICE: TO ALL ASSHOLES TRYING TO MAKE MONEY OUT OF THIS ON EBAY: FUCK YOU«.

Es ist schon absurd, aber die Fans selbst, und nicht die Musikfabriken, müssen sich gegen Nachmache und sonstigen Schrott zur Wehr setzen. Es ist zunehmend schwerer zu erkennen, was auf dem Markt noch von den Musikern genehmigt oder gar überhaupt noch von ihnen gespielt wurde. Selbst in der WOM-Filiale finden Sie etliche Bootlegs, die wenig Vertrauen erwecken. »Aber es steht ja das bekannte Label drauf. Dann muss es schon seine Richtigkeit haben. Was, die Qualität ist unter aller Sau? Ja, das ist ja so jedem seine eigene Empfindung, da kann man nichts machen.«

Ein Problem sind lieblos auf den Markt gebombte, immer teurere Neuerscheinungen. Als Fan stellt sich mir die Frage nicht, Stücke herunterzuladen, wenn der Mehrwertfaktor beim Kauf stimmt. Kurze Formel: Verpackung, Kompetenz, Cover, Texte, Fotos. Ich habe mir vor zwei Jahren die alten Alben der Pet Shop Boys angeschafft, obwohl ich diese bei einem MTV-Gewinnspiel einst gewonnen habe. (Öhm, Sony, apropos, da sind nie alle versprochenen Platten eingetroffen. Aber lassen wir das jetzt.) Warum habe ich die CDs gekauft? Zu jedem Album gab es als Dreingabe »Further Listening«, eine Zusammenstellung von Zwölfzöllern, B-Seiten und unveröffentlichtem Material. Dazu ein Booklet mit vielen Fotos, allen Texten und Interviews mit den Künstlern, in denen diese zu jedem der Tracks etwas zur jeweiligen Entstehungsgeschichte, der Bedeutung und anderen Hintergründen erzählen. Das alles in ansprechenden Hochglanz-Pappschubern ganz deutlich unter Doppel-CD-Preisniveau. Da spielt die Musik. Hätten diese Scheiben damals allerdings auch beim zweiten oder dritten Stück angefangen zu krächzen, wäre es wohl beim Kauf nur einer Edition geblieben.

Wenn die Unterhaltungselektronikbranche, statt in die Hufe zu kommen, lieber einfach weiter gegen die bösen Konsumenten und ihre gewaltigen kriminellen Energien wettert, könnte es auch soweit kommen, dass die Käufer einfach irgendwann gar keine Lust oder auch kein Geld mehr haben, sich ständig vorführen zu lassen. Vielleicht haben sie alles Ersparte an Weiterverkäufer unlizensierter Produkte verloren. Oder machen bockig nicht mehr mit, weil sie eine Strategie hinter dem alle paar Jahrzehnte von der Industrie forcierten Generalaustausch aller Medienträger vermuten. Erst erfinden wir den CD-Player fürs Auto, dann einen Kopierschutz, damit die CDs da nicht mehr laufen. Erst erfinden wir den Multimedia-PC, dann sorgen wir dafür, dass sich da keine DVDs abspielen lassen.

Beim vorletzten Kinobesuch musste ich mir die Augen reiben. Worauf genau wollte mich der viele Quadratmeter große Hinweis vor Beginn der Vorführung, dass das Aufzeichnen des Films im Saal strafbar und furchtbar gemein sei, aufmerksam machen? »Ach so. Wusste ich ja nicht, tut mir leid! Schatz, packst du bitte die Kamera wieder weg?« Daher wohl auch das ganz nützliche Handy-Verbot im Kino.

Ich falle vom Glauben ab.

Ein weiteres Problem ist die Verfügbarkeit. Als Plattenfirma kannst du dir nicht leisten, alle alten Sachen auf dem Markt zu halten. Du kannst auch nicht das ganze Material rausrücken. Du kannst einfach nicht jeden verdammten Auftritt veröffentlichen. Aber das bedeutet doch nicht, dass du nichts gegen den Vertrieb von Kopien machen kannst! Du kannst ermöglichen, dass deine Künstler es im Internet selbst veröffentlichen. Du kannst dann drum herum Mehrwert anbieten. Diese Chance ergreift so gut wie niemand.

Stattdessen werden neben heutzutage zunehmend üblichen drei Maxi-Auskopplungen in jeweils zwei Teilen nun noch zusätzlich zu jedem Album zwei DVD-Singles herausgebracht, um das noch relativ neue Format endgültig in die Haushalte zu zwingen. Und obwohl ich gegen das Überfüllen von Tonträgern bin, leuchtet mir einfach nicht ein, warum ich so dumm bin, bei dieser Posse aus der Gelddruckerszene den Deppen zu mimen. Es passen nun einmal definitiv mehr als drei radiotaugliche Lieder auf eine CD. DVD-Maxis setzen aber noch einen drauf, indem dort ein Video zu finden ist, und dann noch zwei weitere Lieder, bei denen ich staunen darf, dass es neuerdings auch Bildschirmschoner für Fernsehapparate gibt. Ich darf vermuten, dass hiermit der Verkauf von Hifi-Equipment zur Integration von Video und Audio angeschoben werden soll. Ich darf weiter vermuten, dass dies den Fans ziemlich bald auf den Senkel (Sack) gehen wird.

Lange mach ich das auch nicht mehr mit.

Also endlich mal bei allen Geräten diese unsäglichen Ländercodes werkseitig abschalten. Und wozu nur deshalb CD-fähigen Inhalt auf DVD pressen, weil es eben DVD gibt? Mein CD-Player gibt immer ganz erbarmungswürdige Geräusche von sich, wenn ich einmal wieder versehentlich eine DVD eingelegt habe. Ächz.

Und wehe, jemand wagt es, mir noch mal mit »hidden tracks« auf die Senkel (Eier) zu gehen. Die Kindergartenzeit der DVD ist vorbei, ich will keine Hüllen mehr sehen, die mir die »kultigen hidden tracks« allen Ernstes als fabelhaften Bonus anpreisen. Ich bitte, die Verantwortlichen für solchen Unfug in einen finsteren Kerker zu sperren. Den Schlüssel für die Tür können sie dann auf einer DVD ihrer Wahl finden – als »hidden key«. Viel Spaß!

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

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