Langsam stieg Hester die Stufen zu ihrer kleinen, dunklen Stube hinauf, und während sie das tat, spürte sie es wieder: »Es liegt was in der Luft.«.
»NAJA.«, sagte er.
Und als wüsste sich nicht all zu gut, was er meinte, die Lebkuchen, den Kaffee, die Zuckerwaren und all diese Sachen, runzelte sie die Stirn.
»DIE LEBKUCHEN.«, sagte er.
Hester aber sagte nichts.
»DER KAFFEE.«, fuhr er fort, dann machte er eine kurze Pause, schließlich aber besann er sich und fügte hintan: »DIE ZUCKERWAREN.«.
Hester hob die Mundwinkel, nur schien sie dies nur zu tun, um sie wieder zu senken, denn genau das tat sie wenig später.
Jetzt, um genau zu sein, da er noch leise, kaum hörbar für Hester, »UND ALL DIESE SACHEN.« dazu setzte.
Er wusste nicht, wie er es ihr klarmachen sollte.
»DIESER DUFT, DAS IST DER DUFT DER NACHT. DER DUFT VON WOHLGEFALLEN, FREUDE, KINDERLACHEN, KERZENSCHEIN UND HAUSMUSIK.«
Hester runzelte erneut die Stirn.
»GÄNSEBRATEN?«, versuchte er sein Glück.
Und tatsächlich, Hester streckte ihm neugierig den Kopf entgegen, als wolle sie gleich sagen: »Hm?«.
»Hm?«
»WEIHNACHTEN IST DAS FEST DER LIEBE.«
Und da Hester noch immer nicht recht überzeugt schien, fuhr er fort: »UND SO BEGAB ES SICH ZU JENER ZEIT..«
Er hielt inne.
»Ja ja, der gute alte August.«
Nun war ER baff. Sollte Hester sich hier ins Gespräch eingefügt haben? Nur konnte Hester kaum den »guten alten« Kaiser Augustus gemeint haben, sie war alt. Ja. Aber. Nein.
Oder meinte sie den Monat? Sehnsucht nach Sommernächten auf Sizilien? War ihr kalt?
Ein faszinierender Gedanke ging ihm durch den Kopf.
»NÄCHSTENLIEBE, INNERE WÄRME, VERSTEHST DU?«
»Ja ja.«
Er war sichtlich erfreut.
»Der gute alte August.«
Wieder kam er ins Grübeln. »AUGUST«, dachte er, und dann noch einmal, »AUGUST«.
»Eigentlich ist es hier ganz schön.«, dachte sie, nachdem sie sich eine Weile das Treiben der hastig vorbei flitzenden Menschenmassen im Weihnachtseinkauf durch die doppelt isolierte Fensterscheibe angesehen hatte, und da hatte sie vollkommen recht.
Nur konnte er das nicht so recht beurteilen.
Seit nun schon drei Wochen saß er mit Gipsbein im Fernsehsessel, und so hatte er noch nichts vom Weihnachtstrubel mitbekommen.
Gut, Hester hatte einen kleinen Baum gefällt im Garten, hatte ihn geradezu göttlich geschmückt, und so erstrahlte im ganzen Haus fröhliches Weihnachtsleuchten.
Aber das Wahre war das nicht.
Glaubte er.
»Hier ist es ruhig und friedlich.«, flüsterte sie.
»Und stille Nacht.«, sagte sie weiter, und ihre Stimme bebte, fast so, als singe sie.
»HIER IST HIER.«, betonte er, und das letzte, was ihm durch den Kopf ging, bevor er kurz darauf einschlief, war der Duft von verbranntem Karpfen.
Dieser Text wurde im Dezember 1988 geschrieben. Er wurde als kleine Advents-Unverschämtheit 19 Jahre später erstmals veröffentlicht.