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»Unternehmenslustig« vorgetragen von Tom Wendt
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).
»Wie ein Arbeitnehmer die CDU wählen kann, das werde ich wohl nie begreifen.«, sagte ihr Onkel. Ich begreife es auch nicht. Den verblüfft wirkenden Verwandten aber setzte ihr Onkel hinzu: »Da muss ich nur einmal die Parteiprogramme ansehen: Die CDU vertritt die Interessen der Unternehmer. Das ist das Gegenteil der Interessen der Arbeitnehmer!«
Das leuchtet mir ein. Aber irgendetwas daran bleibt den Massen unverständlich. Wieso kratzt die SPD sonst an der unteren Grenze zur Volkspartei? Liegt es an den vielen Arbeitslosen, an »Pisa« gar? Oder vielleicht auch an zu vielen Ich-AGs? Sind die Deutschen etwa ein Volk von Unternehmern geworden? Kaum. Eher ein schlafloses Volk, das nachts um halb drei unternehmungslustig seine alten Micky-Maus-Hefte bei ebay versteigert. Das schon. Und sich bei jedem hohen Gebot so königlich fühlt, als hätte es dem Aktien-Crash, bei dem es vor ein paar Jahren von den Banken eiskalt um seine Ersparnisse betrogen wurde, ein Schnippchen geschlagen.
Halten sich die Deutschen deshalb schon für Unternehmer? Für Unternehmen? Haben das Unvermögen ihrer politischen Klasse und die desolaten Leistungen ihrer Spitzenmanager, Aufsichtsräte, Vorsitzenden und überhaupt ihrer Führungsetagen die Arbeitnehmer und erst recht die ehemaligen Arbeitnehmer so bis ins Mark hinein frustriert, dass sie die fixe Überzeugung, es selbst besser machen zu können, dem Wahn anheimfallen ließ, selbst der Chef zu sein?
Dann allerdings wäre immerhin ein von der Politik ausgehender Impuls auch mal beim Volk angekommen: Realitätsverlust.
Flucht aus dem Alltag. Das ist also die Erklärung, warum die Arbeitnehmer CDU wählen.
Und die SPD-Wähler? Halten sich wahrscheinlich alle für Gerhard Schröder und wollen einfach nicht mehr. Traurig.
Ein Volk von Verdrossenen, das sich jeden Tag von schleimscheißenden Politikern und ihren Lobbyisten »zu wenig Konsumfreudigkeit« entgegenmaulen lässt, obwohl niemand jemanden zu kennen scheint, der noch auf seinen verbliebenen Kröten säße. Stattdessen versaufen sie alle ihre Notgroschen, oder kaufen sich einen Neuwagen, je nach Dispo. Jetzt erst recht. Drauf geschissen. Arbeitnehmer zu Unternehmern zu machen, fällt Unternehmen ja gar nicht ein, wo kämen wir da alle hin? Dass Arbeitslosigkeit an sich kein Drama, sondern eine Utopie ist, gehört dabei, Unternehmerschockschwerenot vermeidend, sicher nicht zum Kanon des öffentlichen Wahlkampfblablas. Alle machen – und Macht mischt – stattdessen mit beim »Unternehmen Arbeitslosigkeit«. Vorfahrt für Einfalt. Einfahrt für Machterhalt. Bitte freihalten.
Das stimmt nachdenklich.
Frau Merkel wird in jüngster Zeit immer häufiger als »die Kanzlerin« bezeichnet, Gerhard Schröder bereits als »Altkanzler«. Nun mag vielen Wählern Frau Merkel im Angesicht des vor drei Jahren Gott sei Dank an uns vorübergezogenen Kelches mit Namen »Kanzler Stoiber« als die am wenigsten schlimme zur Wahl stehende Seuche vorkommen. Richtig. Und der Standort Deutschland würde sich endlich frauenfreundlich präsentieren, mit Kanzlerin. Dazu taugte allerdings auch eine Königin. Aber wie klingt denn das, »Angela I.«? Nee. Außerdem verfassungswidrig.
Also doch: Kanzlerin Merkel. Wenn's denn nur die Angela wäre. Leider hat Frau (wieso eigentlich »Frau«? »Herr« sagt zu den Politiknasen doch auch schon lange keine Sau mehr?) Merkel aber die komplette unternehmungslustige Union (samt beinahe schon unternehmungsalberner FDP) im Schlepptau. Höchste Zeit also, dass – worum ich schon vor drei Monaten bat – Heide Simonis zur neuen Kanzlerkandidatin der SPD ernannt wird, und der Frau aus der Opposition eine Frau entgegengestellt wird. Auch wenn weder Frau Merkel noch Frau Simonis etwas mit Arbeitnehmern zu tun haben, hätten doch die verbliebenen Wahlkampfwochen mit Kratzen, Beißen und an den Haaren ziehen sicher einen viel höheren Unterhaltungswert. Und wenigstens das Unternehmen »Bundestagswahl« wäre lustig.