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25.04.04

Guido Grigat

McStrohkopf oder
Du musst doch nur den Nippel durch die Lasche ziehen

Sie kennen die Situation: Da sitzen Sie gemütlich im Flieger in den Urlaub, plötzlich Turbinenschaden, Notwasserung, Sie sind verschollen, alles ist aus.

Aber Sie haben Glück im Unglück: Keine gehärtete Lava unter dicker Salzkruste reißt Ihnen bei jedem Schritt die Haut von den Fußsohlen, auch keine Eiswüste. Stattdessen erforschen Sie grasweiche Anhöhen, Süßwasserquellen, schützende Höhlen und fruchtbare Lichtungen in dichten Wäldern. Keine Tiger, Wölfe, Ratten oder bei Filmarbeiten entfleuchte Dinosaurier sind Ihnen auf der Fährte, Sie stehen ganz vorne (oder ganz hinten?) in der Nahrungskette, bedienen sich an Süßwurzeln, an Kokospalmen, die sich unter der Last köstlicher Nüsse biegen, und einem reichhaltigen Büffet mit Tieren, die ein erträgliches Maß an Beinen an sich tragen, keine natürlichen Feinde kennen, daher ohne das übliche Arsenal an Stacheln, Gift und Fangarmen auskommen und Ihnen aus purer Neugier selber auf die Kochstelle springen, die Sie an windstiller, regengeschützer Stelle errichtet haben. Als ob es hier jemals regnen würde. Das Feuer haben Sie schnell entfacht. Sie haben einfach einen mitgeführten USB-Stick einige Male gegen einen Felsen geschlagen, schon brannte ausgetrocknetes Treibgut wie Zunder. Sie haben die Wildnis bezähmt, lehnen sich zurück und betrachten vor dem Hintergrund eines kleinen Wasserfalls mit Regenbogen, wie prachtvolle Schmetterlinge mit Kolibris um die Wette Nektar trinken. Nachts schlafen Sie beim Zählen der Sternschnuppen ein, morgens weckt Sie das wärmende Prickeln eines aufgehenden Sonnenballs. Nach einem halben Jahr, das Ihrer Figur und Ihren Nerven ganz gut tat, hat man Sie gerettet, Sie sind wieder daheim im Kreise Ihrer Liebsten.

Anders der Autor. Unfähig, Aquädukte zu bauen, Dämme zu brechen und Feuerstellen und errichten, immer falsch angezogen und beinahe antibiotisch krüsch. Ich mag keine Kokosnüsse und verabscheue rohen Fisch. Und habe keinen USB-Stick. Ich habe vor einem Jahr mit dem Rauchen aufgehört und bin so wenig Gentleman, seitdem kein Feuerzeug mehr bei mir zu tragen. Ergo kein Feuer, ergo kein akzeptables Fresschen. Leider zu dumm zum Überleben. Ich seufze, stehe auf und schiebe meine auf eine Papierserviette gekritzelten Gedanken zusammen mit den Verpackungsresten eines Sparmenüs in den Tablettrollwagen. Einige Minuten habe ich damit verbracht, an den Goldschatz in meinem »McStrohhalm« zu gelangen. Die freundliche Bedienung war so nett, mir das Teil noch nachträglich mitzugeben. Hatte mir in der Zwischenzeit schon einen ganz normalen Plastiktrinkhalm gezogen, hätte sonst wohl gar nicht mitbekommen, dass das noch papiervertütete Gewinnspiel-Wunderding mit der idiotischen Bezeichnung »McStrohhalm« laut Aufschrift »nicht als Trinkhilfe geeignet« ist. Nun stochere ich, schüttele, klopfe, drehe, schleudere, balanciere, rotiere, klempnere und versuche, mit viel zu kurzen Fingernägeln den Zettel aus dem verwunschenen Placebo zu prokeln. Kein Erfolg. Ich komme mir wie ein Sittich vor, wie ein Fink: »Auch in der Natur müssen sie sich ihr Futter hart erarbeiten. Damit keine Langeweile aufkommt, gibt es Kräcker.« Und für Strohköpfe wie mich den kniffligen Gewinnspielhalter, damit ich nicht zu fett werde. Und das bei McDonald's, klasse. Zum Ansporn winkt als Gewinn ein Eis. Schließlich hat ein weiterer Gast sein Einsehen mit mir und verrät den Trick ...

Dies liegt nun einige Wochen zurück, und Sie können sich meine Enttäuschung vorstellen, als ich vor einigen Tagen mein neuerworbenes Wissen stolz anwenden wollte, aber keine Zauberhalme mehr ausgegeben wurden. Statt »McStrohhalm«en sind jetzt »Salads plus« angesagt. Wieder den Trend verpennt. Ich komm da nicht mehr mit, und »ich liebe es« ganz und gar nicht.

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Guido Grigat

Guido Grigat erblickte 1969 in Toronto als Patrick Del Manary das Licht einer Welt, die darüber nicht so aufgeregt war wie über die soeben geglückte Mondlandung Armstrongs.

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