Was ist eigentlich aus der »alert« geworden? Das hochglänzende Interview-Magazin, das den simplen, aber feinen Anspruch verfolgte, »Menschen ausreden zu lassen«, und dem Anspruch in göttlich geistreichen Gesprächen mit zuletzt beispielsweise Helge Schneider, Blixa Bargeld, Ulrike Haage, Beck, Señor Coconut, Panajbi MC oder HR Giger auch gerecht wurde, ist seit Monaten unauffindbar.
Ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum oder einfach nur pleite?
Die spöttische Antwort eines Zeitgenossen schmälert die Hoffnung, alles wäre nur ein ganz dummer Zufall: »Max hat Mist gebaut«.
Wovon ich rede? Nanu, Sie kennen die »alert« noch nicht? Dann werden Sie sie auch nicht mehr kennenlernen. Wie es aussieht. Ja, das mag auch einer der Gründe sein, sollte sich bewahrheiten, dass Schluss ist. Ich möchte nicht darüber mutmaßen, wie wenige Leser das Interview-Magazin »alert« hatte, tue es nun aber doch und meine, es waren wohl »eher wenige« Leser. Auf der anderen Seite hat auch kolumnen.de »eher wenige« Leser. Und das lesen Sie schließlich auch gerade. Also kennen Sie die »alert« vielleicht doch?
Da können Sie mir vielleicht sagen, warum der Quellcode des »alert«-Internetauftritts neuerdings als Baustellenlyrik verfasst wird?
<br>
<br>
<br>
<br>
<center>
<h1>
<font face="verdana,arial,geneva,helvetica">Sorry!</font></h1></center>
<p>
<br>
<center>
<p><img SRC="underconstruction.gif" height=34 width=532></center>
<br>
<br>
Teil eines gewandelten Konzepts, aus Deutschlands schönstem Interview-Magazin einen Ort für Leser zu machen, die nicht von Myriaden von Worten hinterlistig gemeuchelt werden möchten, sondern sich im Meer der Veröffentlichungen eine Insel der Wortlosigkeit wünschen? Zugegeben, das sieht hübsch aus. Aber Hinweise auf eine neue »alert« wären mir lieber. Oder andere Worte, was nun wird. Oder wenigstens ein leises »Aaaargh« zum Abschied? Nach mehrere Jahre andauerndem, gutem Kontakt ist die nun ach so tote Leitung umso überraschender, umso bitterer. E-Mails kommen zwar nicht zurück, aber auch nicht an, zumindest keine Antworten mehr bei mir.
Immerhin, es tut sich nun, wie es versprochen ward, etwas. Die Sommerpause ist – nach einem sehr, sehr lang gestreckten Sommer, einem immer unverbindlicher scheinenden, auch nicht kurzen Herbst und danach unvermittelt auch schon einsetzenden Winter – endgültig vorüber. Stand doch noch vor sehr kurzer Zeit – mittlerweile monatelang unverändert – auf der Website etwas von Veränderungen am Magazin, die nach dem Sommer bevorstünden, in einem derart frenetischen Ton, dass einem eigentlich schon klar war, es würde alles ganz schlimm enden. Zumal jede Veränderung automatisch schlimm enden musste, das Blatt war schließlich perfekt, so wie es, gegen Ende zwar schon etwas weniger, war! Der nach dem Wiederauftritt 2002 anfangs konsequent umgesetzte Anspruch, lange, ungekürzte Interviews auch mitsamt der vermeintlichen Leerläufe zu drucken führte zu den feinsinnigsten, hintergründigsten und urkomischsten Beobachtungen durch und über die Gesprächspartner, die je zu finden sein werden.
Nun ja.
Als erst im Juli 2002 über einen Bericht bei SPIEGEL ONLINE Späthinzugestoßener hat mich die merkwürdige Lücke, die von 1992 (als die »alert« noch im Zeitungsformat erschien) bis 2002 zwischen den Ausgaben klaffte, ja auch nie sonders irritiert. Na gut, der Preis war von 5 DM auf 5 Euro angestiegen, puh. Jede Ausgabe war sie aber wert. Und was das Koma selbst angeht, so war diesmal doch die kritische fünfte Ausgabe der neuen Staffel erreicht worden, nachdem es nach den ersten vier Ausgaben hieß, einen dekadenlangen Winterschlaf anzutreten. Gut Ding will eben lange Weile haben, manchmal auch große Pause.
Also heißt es jetzt womöglich einfach wieder nur, Zähne zusammenbeißen, dann ersteht die »alert« in nur zehn weiteren Jahren wieder auf – womöglich im putzmunteren Tabloidformat? Das erklärte dann auch, warum Macher Max Dax gar keinen Grund sah, sich von seinen Abonnenten zu verabschieden?
Naja.
Drauf geschissen. »Die Zeit für so ein Format war einfach noch nicht reif«, polterte 2002 gegenüber SPIEGEL ONLINE der damalige Herausgeber und zuletzt Chefredakteur Max Dax zum Scheitern der »alert« im Jahre 1992. Die erneute Reifeprüfung im Jahre 2004 scheint nun ebenfalls nicht bestanden. Vielleicht hat Max wirklich Mist gebaut. Vielleicht haben die Herausgeber auch ihr gesamtes Vermögen und ihre gesamte Energie in die vorliegenden Ausgaben gesteckt? Die Suche nach großen Anzeigenkunden sorgte jahrelang für Alarmbereitschaft bei »alert«. Unverblümt wurde die Kooperation mit einem neuen, großen Partner als Grund für die »Sommerpause« genannt. Hat man sich hier womöglich in allzu neue, vermeintlich werbeträgerfähigere Konzepte verrannt, die dann doch nicht mehr zu ertragen waren?
Wenn dem so ist, dann ergeht hiermit der Befehl an alle Firmen, die sich in geistreichem Glanz positionieren wollen, mit der vielleicht noch in irgendwelchen Kellern haareraufenden »alert«-Truppe Kontakt herzustellen!
Wenn alles fast eingetütet und in Butter ist, und einfach die verrückten Temperaturen in Deutschland für diese lange »Sommerpause« verantwortlich sind, dann, liebes »alert«-Team, solltest du das deinen Lesern eiligst einmal mitteilen!
Für alle anderen Fälle gilt: Liebe Galore-Redaktion, bitte schickt mir mal ein Probeexemplar, es muss ja irgendwie weiter gehen.
Nachtrag vom 9.2.2005: Hui, die Baustellenlyrik ist fort, die alte Seite vom Sommer steht wieder im Netz: »Die nächste Alert wird im Herbst 2004 im neuen Gewand erscheinen. Wir freuen uns darauf.« Ah, ja ...
Nachtrag vom 16.12.2006: In der taz lese ich, dass Max Dax Anfang nächsten Jahres als neuer Chefredakteur das Musikmagazins Spex antritt. Dort soll auch guten Interviews wieder gebührender Platz geboten werden.