Peter, der Große, lebte von 1921 bis 2004 und war Gutmensch. Kein gutmütiger Trottel in einem Sinne des Wortes. Sondern jemand, der bei allem Wissen um unsere heillose Zeit hoffnungslos an das Gute im Menschen glaubte. Auf der imaginären Zeitleiste der mein Leben beeinflussenden Gestalten male ich erneut einem – immerhin längeren – Balken einen Abschluss. Die Beschriftung fällt indes nicht leicht, fast schon zu viele Namen, die in diesem Balken Platz finden müssen:
Einem eindrucksvoll römisch-pyromanischen Nero, halb Quängel, halb blutrünstiger Reichskaiser, folgt sogleich ein im Duett mit Maggie Smith herrlich naiv-intriganter Marcus Pendleton alias Caesar Smith, dessen plötzliche Karriere als angeblicher Computerfachmann trotz allen farbigen Humors so wohl auch nur noch Ende der Sechziger zu schildern möglich gewesen war.
Ein Dank Ustinovs – denn Peter Ustinov ist gemeint – ausgeprägtem Kosmopolitentum auch in der eigenen deutschen Synchronisation unvergesslicher Prinz John in Walt Disneys »Robin Hood«-Adaption geht einem selten chinesischen Hnup Wan voraus, in diesem Film, na, mit dem Dinosaurier, äh, ich war ja noch sehr jung Mitte der Siebziger.
Mehrere Hercule Poirots in mehreren erstklassigen Christie-Verfilmungen müssen ebenfalls Platz finden, ebenso wie das austernvertilgende Walross der Ende des vorigen Jahrhunderts einigermaßen gelungenen Verfilmung von »Alice im Wunderland«. Und neben all diesen und sehr vielen weiteren Rollen, die Ustinov als Schauspieler verkörperte, bleibt kaum Platz genug für den Schriftsteller (von dem ich bisher nur ein einziges Buch, »Der Alte Mann und Mr. Smith«, gelesen, dies aber vielmehr verschlungen habe), den internationalen Botschafter, den Entertainer, den Musiker, den Komponisten und, vielleicht allem voran, den Erzähler.
Durch seine Filmpräsenz (was für mich bedeutete: Fernsehpräsenz) prägte Peter Ustinov in meiner Kindheit zusammen mit anderen Meistern einer Art subtilen Slapsticks ein fast unbeschwertes Weltbild, wie ich es mir nur wünschen konnte. Ustinov mochte hierbei gegenüber Peter Sellers oder Danny Kaye den feineren, misanthropisch eingefärbten und zugleich derberen Humor gehabt haben, beides ist mir aber in meinen jüngsten Jahren vor dem Fernsehapparat entgangen und ist mir nun egal.
Später dann war Ustinov überall da, wo es etwas zur Lage der Gesellschaft zu vermelden gab, war Vermittler für den Frieden, für die Völkerverständigung, war, wenn ich recht erinnere, auch und insbesondere Verfechter der Rechte der Kinder, und war dabei glücklicherweise nie aufdringlich, sondern eindringlich, nie besserwisserisch, sondern wusste oft wirklich besser, war und wurde geladen, wurde gebeten und zu Recht gefeiert. Ustinov zeigte uns die verschiedenen Gesichter der Menschen mit hochgerissenen Augenbrauen anstelle des erhobenen Zeigefingers. Wenn Ustinov in unzähligen Auftritten ein sprühendes Feuerwerk an Bonmots und Anekdoten von Prominenz und Zeitgeschichte abbrannte, leuchteten die Augen seiner – oft nicht minder prominenten – Gäste und Zuschauer. Unvergesslich, während der Übertragung einer Ustinov-Gala John Cleese weinend vor Lachen im Publikum zu entdecken.
»Originalität ist die Kunst, sich Bonmots zu merken und zu vergessen, von wem sie stammen.«. So formulierte Danny Kaye – leider weiß ich das noch – einmal das, was einer der großen Schätze Ustinovs war. Aus diesem Schatz »Originalität« wusste Ustinov zeitlebens mit vollen Händen aus vollem Herzen zu geben.
Ich hatte das vorzügliche Glück, Peter Ustinov bei einer One-Man-Show in der Hamburger Musikhalle Ende 1996 erleben zu dürfen. Zwar war Sir Peter nach wenigen Minuten bereits auf die Idee gekommen, seinen Schemel von der Mitte der Bühne weit an den rechten Rand zu versetzen, weshalb ich ihn an diesem Abend viel mehr hörte als sah. Trotzdem werde ich mich vermutlich immer an diesen offensichtlich warmherzigen, grundgütigen, geradezu goethisch gebildeten und stets – was ihn sicher nicht zuletzt auszeichnet – amüsanten, redegewandten Menschen erinnern, und nicht nur, weil die Karten seinerzeit astronomisch teuer waren.
Er erzählte uns aus seinem Leben und ich staunte gebannt.
Er mimte vornehmlich die herrlich Entrückten der Welt, und kehrte dem Film in den späten Jahren keineswegs den Rücken zu, auch wenn es mir so vorkam. Der Film spielte nicht mehr die Hauprolle in seinem Leben, und er spielte nicht mehr die Hauptrollen im Film. Es gab Wichtigeres. Dies Wichtigere war kein verdienter, süßer Lebensabend in Zurückgezogenheit, sondern hatte in der Tat das Gewicht der Welt: Er rief den Menschen immer wieder zu, zusammenzurücken, oder es wenigstens miteinander auszuhalten. Na, wenigstens soviel Stil zu haben, niemandem zu verraten, dass das absolut nicht möglich ist. Es wenigstens trotzdem einmal zu versuchen.
»Die Zeit ist reif, die Zeit ist überreif«, singt das Walross und lockt die jungen Austern ins Verderben. War die Zeit für Sir Peter Ustinov überreif? Ist die Welt schon reif für eine Zeit ohne ihn? Im Geiste stehe ich an einem Grab, an dem nicht geschwiegen wird, sondern gelacht. Keine Schweigeminute, sondern tosender, stehender Applaus. Und die bittere Gewissheit, auf eine Frage keine Antwort zu bekommen.
Quo vadis, Gutmensch?
Nachtrag vom 30.3.: Das ZDF wiederholt ein kurzes Interview von Johannes B. Kerner mit Sir Peter Ustinov, das ein halbes Jahr alt ist und einen gewohnt geistreichen, gewitzen und witzigen Mann (Ustinov) zeigt, der im Alter mehr und mehr aussah wie die Grande Dame gehobener Alleinunterhaltung. Und wieder macht Ustinov – neben allen spöttischen Bemerkungen zum Zeitgeschehen – das, wobei er nicht zu übertreffen ist: Er erzählt aus seinem Leben und dem seiner Großeltern, mit genauem Gespür für den richtigen Ton und das passende Gesicht. Ich sehe den alten Mann, und die Erinnerungen werden wacher. Er ahmte all die Prominenz, der er im Laufe seines Lebens begegnet war, pointiert, stilsicher und oft auch angemessen weibisch nach und war darin selbst so unnachahmlich.
Nachtrag vom 2.4.: Ustinov ist zum Glück für die, die ihn nicht persönlich, sondern nur über den Fernseher kannten, noch nicht wirklich von uns gegangen, sondern flaniert noch eine Weile in Wiederholungen von Aufzeichnungen in unserer Nähe und dämmt unsere Trauer ein. Auf Phoenix sehe ich die Wiederholung eines Interviews, der Gesprächspartner kommt zum Ende, und Ustinov gibt ein allzu gutes Schlusswort: »Oh, ich bedaure, dass es schon vorbei ist, denn ich hatte noch drei Antworten.«