Gestern Abend sah ich für zehn Minuten »Die deutsche Stimme 2003« im ZDF. Herrschaftszeiten. Liebe GEZ, ich will mein Geld zurück, und zwar sofort!
Der Umstand, dass RTL es geschafft hat, einen deutschen Superpopstar zu suchen und ihn ausgerechnet in Dieter Bohlen zu finden, rechtfertigt noch lange nicht den Versuch, aus einer der unsympathischsten Figuren der deutschen Musikszene, Ralph Siegel, ebenfalls einen Pop-Paten produzieren zu wollen. Frage: Warum schreibt Bohlen eigentlich Bücher und keine Titel für den Europäischen Liederwettbewerb?
Die deutsche Stimme 2003. Junge, Junge. Was ist da los? Liegt es an der – hier mit einem von kultigen Siebzigerjahretapeten bekannten Braun gemischten – ZDF-Hausfarbe Orange im Hintergrund, dass »Jury« und Kandidaten gleichermaßen blass wirken? Nein, die Kandidaten sind eben nur Kandidaten, zwar ungleich langweiliger als noch zu Hans Rosenthals oder »Wünsch dir was«-Zeiten, im Grunde können sie aber nix dafür. Aber diese Jury.
Opa Schlumpf Siegel versagt jämmerlich bei seinem Bemühen, Bohlens ja irgendwann auch gar nicht mehr sooo unsympathisch erscheinendes kodderiges Posing nachzuahmen. Selbst den Umgang mit der simplen Formel »Du/das bist/ist hammermäßig/megasupi Granate/Banane« beherrscht Siegel nicht. Liebes ZDF, es ist nur noch peinlich, und zwar für alle Beteiligten, wenn ich nicht – selber Schuld – umgehend wegschalte während einer Diskussion zwischen zwei »Juroren«, bei denen Siegel wiederholt »Wir sind Profis« als Antwort auf die Frage seiner (leider zurecht nölend nervenden) Tresennachbarin Schlaubi Tücking grummelt, warum er etwas gegen die Hackfresse wahlweise Körperfülle wahlweise das zu hohe Alter wahlweise die Wollstrumpfhosen der Kandidatin sage, wo es doch um die Stimme gehe?
»Wir sind Profis« soll hierbei sicherlich als Totschlagargument fungieren: »Kinder, was wisst ihr denn schon von Musik?« Aua. Und dann sitzt der Typ da auch noch wie ein Schluck Spucke in der Kurve. Entkoffeiniert und trotzdem auf Droge. Fehlte nur noch ein T-Shirt Marke »Ich bin zwei Kotzbrocken«. Pfui.
Am rechten Rand der Veranstaltung fläzt sich Oli P., über den ich nur weiß, dass er mit seinen Coverversionen ein, zwei hübsche alte Lieder für die Jugend von heute verdorben hat, und über den ich auf seiner Webseite zwei weitere Dinge erfahre: Zum einen, dass »auch ein Teeniestar mal erwachsen wird«, und zum anderen, dass er Fans hat, die im angegliederten Forum Dinge wie diese schreiben: »es wäre nämlich schade wenn ihr euch das lied vom internet zieht. denn wir alle wollen doch das oli noch lange uns erhalten bleibt.«
Wenns sein muss, aber bitte nicht als Juror. Nur weil bei den Starsuch-Formaten in einer Jury zu sitzen genauso aussieht wie bei anderen Shows Kandidat zu sein, qualifiziert die regelmäßige Teilnahme an Thomas Hermanns zunehmend nur mäßig frischen »Popclub« doch noch nicht dazu, über die fragwürdige Karriere eines potentiellen Konkurrenten mitzuentscheiden!
Die Fahrkarte hab ich nicht gelöst, liebe GEZ. Auf Eurer Webseite kann ich neben den Formularen zur Anmeldung zwischen dem unverblümten Claim »Wir machen auch Hausbesuche« und animierten Bildchen von Jim Knopf und Urmel aus dem Eis keinen Hinweis auf Ralph Siegel und die »Stimme« entdecken. Stattdessen ist da hoch und hehr vom Deutschlandradio die Rede, vom Europäischen Fernsehkulturkanal arte, und eben vom Öffentlich-Rechtlichen und dem Zweiten, mit dem man ja bekanntlich noch besser sieht.
Nicht zu vergessen die bestimmte Frage: »Schon GEZahlt?«
Ja, allerdings! Mit meinen Nerven, dem Rest der Erinnerung an eine glückliche Kindheit und meinem Verstand. Und knapp hundert Mark jedes Vierteljahr. Eure aufgeblähte Bürokratie mit ihren »konzertierten Aktionen« und die unnötigen Werbespots bezahl ich, meinetwegen, aber ich habe schon immer gesagt, dass die Öffentlich-Rechtlichen ab 22 Uhr alte Bänder einlegen sollen. Mit Wiederholungen. Wenn gar nichts anderes da ist, das Testbild. Und zwar unter Umgehung des Morgenmagazins direkt bis zum ARD-Büffet, wo sich ein bärtiger Mann wirklich sehr redlich darum bemüht, dass ich nach dem Mittagessen wegdämmere. Er weiß, dass ich Urlaub habe oder krank bin, sonst könnte ich ihn nicht sehen. Also nimmt er Rücksicht. Eine Tugend, für die ich ARD, ZDF und den NDR nach wie vor mit den ersten drei Ziffern der Fernbedienung belohne.
Zuletzt darf ich noch meinem Unwillen darüber Ausdruck verleihen, einfach zusehen zu müssen, wie meine netten Jugenderinnerungen durch ständige Präsenz der ganzen älter gewordenen Säcke und Tanten versaut werden, die mich früher, als sie noch meine Freunde waren, durch den Fernsehvorabend begleiteten. Zum Glück für die deutsche Stimme 2003 ist das Ausmaß der Desillusionierung hier bei Stefanie Tücking (»1987 Kleine Goldene Kamera als beste Nachwuchsmoderatorin«) und Kai Böcking (»Außenmoderation des ZDF-Fernsehgarten live aus den 16 Hauptstädten aller Bundesländer«) nicht ganz so schlimm, da ich bei »Formel Eins« früher ohnehin nur die Videos spannend fand und die Moderatoren ausgeblendet hatte. Teasy war wichtiger.
Wie komme ich darauf? Ach ja. Tücking und Böcking waren gestern Abend auch dabei. Kai Böcking moderiert die Stimme und steckt dabei alle Percy Hovens und Carsten Spengemanns in die Tasche. Der für seine 40 Lenze ungewöhnlich und angenehm geradezu jugendlich wirkende Böcking bleibt auch nach Ausstrahlung des Castings noch sympathisch. Ganz allein unter denen, die ich sah. Die beliebte Moderatorin Andrea Kiwi Kiewel konnte ich nicht entdecken, die soll da wohl auch mitmischen. Womöglich findet ein Trainingscamp der Einerundeweiterkommer tatsächlich im Fernsehgarten statt?
Vielleicht ist die sogenannte Jury der »Stimme« nicht gruseliger als die jener Talentsucheserie, deren Name mir nicht mehr einfällt, aber deren fieser Jingle »I dream I wasn't dreaming« nicht mehr aus meinem Kopf zu ebben scheint. Danke, Sat1, lieb von dir! Aber zum einen saß dort mit Hugo Egon Balder wenigstens einer, der sich nicht scheute, von der Ahnung, die er offensichtlich hat, auch Gebrauch zu machen, und zum anderen sieht die schrecklich unreife (für Fans: unheimlich erfrischende) GZSZeuse Biedermann einfach besser aus als Oli P.
Vor allem aber ist »Die deutsche Stimme 2003« nur die Reinkarnation der Blaupause vom Abklatsch. Und das ätzt. Ich hätte mir vom ZDF wirklich was Besonderes gewünscht, wenn denn schon auf einen unter Volldampf fahrenden Zug aufgesprungen werden muss. Warum kein Liedermacherwettbewerb, bei dem die Kandidaten nicht nur gut aussehen, singen und tanzen, sondern ihre Hits auch gleich noch selbst schreiben und fehlerfrei mit Klavier, Gitarre, Geige oder Drums vortragen müssen?
Stattdessen muss ich mir Stefanie Tücking antun, die bei ihren Auftritten wirkt wie ein in Vinyl gegossenes lebendes Abbild genau jener Münchener Schickeria, von der die Spider Murphy Gang schon vor rund zwanzig Jahren sang. Das muss doch nicht sein!
Positiv fiel mir auf, dass da noch eine weitere Quotenfrau saß, die sich in Unsichtbarkeit übte oder wenigstens nicht unangenehm durch Wortbeiträge auffiel, mir völlig unbekannt und vermutlich einzig seriöses Mitglied dieser »Jury«. (Ein Blick ins Internet verrät mir später, dass es sich hier um Jule Neigel handelt, dir mir zwar ein Begriff ist, über die ich aber wenig genug weiß, um daran zu glauben, auch bei dieser Jury sei jemand mit so etwas wie Sachverstand am Werk.)
Vielleicht tue ich allen Beteiligten unrecht. Die Sendung bleibt trotzdem Scheiße.
Ehrlich gesagt liebe ich die Öffentlich-Rechtlichen. Mit den üblichen Ausnahmen sind Ulk und Quatsch da einfach viel besser als auf den privaten Ulk- und Quatschsendern. Außerdem sind die Musikunterlegungen während der Nachrichtensendungen immer noch etwas leiser, was ich sehr schätze. Auch wenn ein Freund von mir bereits vor vielen Jahren aufgehört hat, die »heute«-Sendungen zu gucken, seit da zwischen den einzelnen Meldungen Fanfaren eingespielt werden. Aber das ist immer noch besser als diese unsäglichen Lautstärkeunterschiede zwischen Sendung und Werbeblock bei den Privaten. Denken Sie nicht auch seit langem, dass das verboten gehört! Gibt es keine Gesetze, die das regeln? Schlimmschlimm.
Nicht umsonst tappe ich bei Fernbedienungshoheit meist augenblicklich auf die niedrigen Ziffern und werde selten enttäuscht: Rainer Sass' Kochstudio. Hobbythek. Alpha Centauri. Und so weiter. Vielleicht zu selten Filme mit Woody Allen. Und »Extra 3« war früher viel besser, aber Alfons rettet dann doch jede Sendung, während Jörg Thadeusz von mir aus gerne im Reigen mit Manes Meckenstock weiter Hausbesuche bei »Zimmer frei« getätigt hätte. Dort glänzen bei starken Wiederholungen die anspruchsvollen Rollen und Reinhard Mey so sehr, dass sie fast an den Genuss heranreichen, in den ich komme, wenn ich kurz vorm Einschlafen nach wieder einmal nahezu verpasster Sendung noch den merkwürdigen Freak sehen darf, der nach Tita von Hardenbergs so süß silberblickender Abmoderation des jugendorientierten Kultur- und Politmagazins »polylux« beginnt, die Welt so zu erklären, dass ich begreife, wo die Demokratie ihre Schwächen hat. Der Typ sieht sich wohl auch nie selbst in der Glotze. Merkt man selbst denn wirklich nicht, wie bescheuert man ist?
Ich ziehe die Frage zurück.