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05.07.08

Meike Haberstock

Mein Leben als Raufasertapete

Seit Monaten arbeite ich zu viel. Viel zu viel. Mal für Geld. Mal für Freunde. Meistens für das Finanzamt. Nebenbei erziehe ich mein Kind, halte das Haus in Ordnung, mache meine Steuererklärung, versuche der Rentenversicherung irgendwelche wahnwitzig zusammen gewürfelten Fehlzeiten aus dem vorigen Jahrhundert zu erklären und schaffe es sogar schon seit Januar, die Anträge für eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht auszufüllen.

Kurz: Ich erlebe wenig und habe keine Zeit, um Kolumnen zu schreiben.

Seit drei Tagen habe ich Zeit. Zu viel Zeit! (Regieanweisung: Schreien!)
Das Problem: Ich erlebe immer noch nichts. Denn ich darf nicht aus dem Haus. Der Höhepunkt des Tages ist, wenn ich mit meiner Mutter durch den geschlossenen Briefschlitz spreche und ihr meine Einkaufsliste durchgebe. Sie hockt dann in der Einfahrt und notiert die Sachen auf einem mitgebrachten Notizblock, die sie mir anschließend auf die Terrasse stellt. Den Bon immer oben auf.

Ich habe Zeit, weil ich seit drei Tagen ein Präparat mit dem Wirkstoff Aciclovir nehme, fünf mal täglich eine Tablette. Als kleines Dankeschön dafür, dass ich das so fleißig mache, darf ich jetzt 20 von 24 Stunden am Tag wach sein. Die restlichen vier Stunden am Tag schaue ich Privatfernsehen. Dieser Zustand läuft aber unter Wachkoma.

Die Insomnie ist eine von vielen möglichen Nebenwirkungen, die A. für den geneigten Patienten bereithält. Verwirrtheitszustände, Halluzinationen, Störungen des Magen-Darm-Traktes oder Atembeschwerden wären auch möglich gewesen. Das Gute: So sitze ich eben nachts um halb zwei mit dem Laptop auf dem Schoß im Bett – und nicht auf der Toilette oder in einem Flugzeug nach Südamerika, ohne zu wissen, was ich dort will.

Dieses Medikament wurde entwickelt, um starke Virusinfektionen der Haut zu behandeln. Infektionen wie Gürtelrose – eine typische Krankheit bei Menschen, die zu viel Stress haben, zu viel Arbeit, keine Freizeit und es nicht schaffen, die Formulare für eine Berufsunfähigkeitsversicherung auszufüllen. Menschen, wie mich.
Wenn man Gürtelrose hat, verziehen alle das Gesicht zu einer mittelschlimmen Grimasse, fassen sich an die Taille und saugen die Luft schnell zischen den Vorderzähnen ein. Zischhh – aua. Schlimm, hm? Man wird bemitleidet und bekommt gute Wünsche mit auf den Weg.

Ich weiß nicht, ob Gürtelrose weh tut. Denn ich habe sie nicht. Ich habe die zweite Krankheit, für die A. angemischt wurde. Eine Krankheit, für die man Palomino-Hosen tragen muss. Für die man einen Turnbeutel braucht. Oder Zahnspangen. Oder Tokio Hotel-Poster an der Wand. Oder Kakaogeld, Ringelsocken in braun und grün, klebrige Finger, Duftradiergummis oder längst verstorbene Schnecken in Einmachgläsern. Denn ich habe Windpocken, eine Kinderkrankheit.

Jeder, der das hört, lächelt unwillkürlich. Auch Sie! Pffft, Windpocken, die bekommt man doch als Kind und nicht in einem Alter, wo man am Wochenende in Autohäusern rumhängt und nach schwarzen Kombis über 30.000 € guckt.

Entschuldigen Sie, dass ich Sie korrigiere: doch!

Auch ich hatte die Windpocken. Ganz stilecht in Palomino-Hosen. Und jetzt habe ich sie wieder. Windpocken kann man nämlich – ebenso wie Masern – auch zweimal oder dreimal im Leben bekommen.

Seit drei Tagen bin ich bei meinem zweiten Mal und der Verzweiflung nah. Kein Kontakt. Kein Besuch. Kein Ausgang. Kein Schlaf. Wie Hausarrest in Nordkorea. Nur mit zweihunderttausend Pocken am Leib. Konservativ geschätzt.

Denken Sie an einen Körperteil. Ja, da habe ich sie auch. Und auch da, woran sie zuerst gedacht haben. ÜBERALL!

A. schafft es nach drei Tagen noch nicht, die kleinen Biester in ihre Schranken zu weisen und so habe ich mich innerhalb einer halben Woche in eine lebende Raufasertapete verwandelt. Überall an mir befinden sich kleine Hubbel, Knubbel, Knötchen und Pocken. Einzeln oder als Schulklasse. Sie tummeln sich in kleinen Gruppen und spielen die EM-Eröffnungszeremonie auf meinem Oberschenkel nach. Sie bilden lange Schlagen, so als ob mein Bauch ein Lebensmittelgeschäft in der DDR wäre. Und sie machen mein Gesicht zu einer Abschlusskundgebung eines sozialistischen Parteitages in China. Windpocken sind eindeutig die Tauben oder Ratten der Hautkrankheiten. Völlig überflüssig und aussichtslos zu bekämpfen.

»Da müssen Sie durch!«, war der aufmunternde Satz meiner Hausärztin, die mich heute nach Praxisschluss sehen wollte. (»Kommen Sie bitte erst gegen 19 Uhr 30 wenn wirklich keiner mehr da ist!«, sagte mir die Sprechstundenhilfe, die schon den Eindruck machte, als hätte sie Angst sich übers Telefon anzustecken.) Hochgeschlossen und mit der größten Sonnenbrille des Universums auf der Nase schlich ich mich in das ausgestorbene Ärztehaus in der Innenstadt, um zu hören, dass ich mich erst wieder vorstellen sollte, wenn ich merkte, dass mir die Krankheit auf die Lunge oder aufs Gehirn schlage. Das auch noch.
Bis dahin solle ich die Tabletten nehmen, nicht kratzen und die Windpocken mit einer antiseptischen Tinktur einpinseln. Dabei handelt es sich um eine Art Schlämmkreide in Flaschen, die man mit einem Wattestäbchen auf die Windpocken aufbringen soll, um diese von außen auszutrocknen. Außerdem unterdrückt sie den Juckreiz für vier Millisekunden. Die Schlämmkreide zieht nicht in die Haut ein sondern trocknet zu einem weißen Fleck. Bei zweihunderttausend Windpocken hat man Ende des Tages zweihunderttausend weiße Flecken auf der Haut und sieht aus wie eine Mischung aus Fliegenpilz und Eingeborenem auf Kriegspfad.

Gestern Abend, als es noch nicht so schlimm war, bat ich meinen resistenten Sohn (4), mir ein paar Windpocken auf dem Rücken einzupinseln und reichte ihm das getränkte Wattestäbchen. Auf dem Kinderhocker sitzend wartete ich ab, was passierte. Konzentriert verband er die Punkte und »malte« von Windpocke zu Windpocke Linien, voll der Hoffnung, dass ein Bild entsteht – so wie in seinen Kinderrätselbüchern wenn man 1 bis 70 zu einem Dino verbindet.
Am Ende gab es natürlich keinen Dino aber dafür Heulerei und etliche unversorgte Windpocken auf meinem Rücken, die allesamt ganz amtlich jucken. Aber was sag ich, bei Ihnen fängt es doch auch schon an zu kribbeln, oder?



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Meike Haberstock, Jahrgang 76, hat viel studiert und nichts Ordentliches (O-Ton der Nachbarn ihrer Eltern) gelernt. Deshalb arbeitet sie seit vielen Jahren als CD Text/Konzeption in deutschen [..]

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