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11.03.03

Meike Haberstock

Hundertzwölf

Ein ganz normaler Morgen. Höre den Wecker, stehe auf, suche meine Sachen zusammen, gehe ins Bad, dusche, ziehe mich an, setze Kaffee auf, öffne die Balkontür.

All dies findet in Wirklichkeit ohne mich statt. Mein erster »Ich-Satz« an diesem Morgen ist »ICH MUSS DIE FEUERWEHR RUFEN! (kleine Pause) SCHEISSE!«

Vor meinem Haus steht ein neuer Volvo. Nein, vor meinem Haus steht ein neuer, qualmender Volvo. Ich betrachte einen kurzen Moment die Szene, ganz aktiv. Ja wirklich, es qualmt und raucht unter der Motorhaube, Flammen lodern nicht. Noch nicht?

Ein Passant reagiert auf mein Zurufen »Können Sie etwas Genaueres sehen?« erst nach 10 Sekunden. Er traut sich nicht wirklich an den Wagen ran, bleibt aber kurz stehen, schüttelt den Kopf, um dann verstört von der Bühne zu verschwinden. Schönen Dank auch.

Es bleibt an mir hängen – ich (WIEDER AKTIV) kann den Wagen doch nicht abfackeln lassen, während ich in der Küche Kaffee trinke, oder? Außerdem bin katholisch und weiß, dass ich in die Hölle komme, wenn ich jetzt nicht handle. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder seine Augen verschließt und niemand die Verantwortung für das Eigentum anderer übernimmt? Ich muss mir jetzt selbst ein Bild der Lage machen und ziehe mir Schutzkleidung an (Mantel und Mütze, weil bitterkalt und nasse Haare). Auf der Straße angekommen qualmt der Wagen immer noch, aber Flammen sind immer noch nicht zu sehen, ein Insasse auch nicht. »Ich muss die Feuerwehr rufen! Scheiße!« wird zu »Ich werde die Feuerwehr rufen! Jawoll und jetzt!«. Sicher ist sicher.

Die 1-1-2 im Tonwahlverfahren ist schon verpiepst, als ich den Hörer ans Ohr halte. Nach zweimaligem Klingeln meldet sich ein Mann der Notrufzentrale. Ich gebe eine Informationssalve von mir, alle 4 in der Fahrschule gelernten Ws ohne Luft holen: Meike Haberstock (Wer?), dieundieStraße in Berlin (Wo?), ein qualmender Volvo (Was?), keine (Wie viele?). So, und nun kommst du!

Er fragt nach: »Ist der Rauch hell oder dunkel?« Was ist hell, was ist dunkel? Pantone 401 bis 403 würde ich sagen, wenn ich wüsste, dass der Notrufmann damit was anfangen könnte. Weiß ich aber nicht, und eine Diskussion über Farbfächer ist in Anbetracht der Situation wohl nicht angebracht. »Hell! Und ein wenig blau. Er kommt aus der Motorhaube raus, es sind aber keine Flammen zu sehen, und Leute auch nicht. Können Sie vielleicht mal jemanden vorbei schicken, der sich das ansieht?« (Man beachte die Wörtchen VIELLEICHT, MAL und JEMANDEN und merke sie sich für den weiteren Verlauf der Geschichte.)

Jajaja, sie übernähmen das jetzt, aufgelegt.

ICH atme durch. War doch gar nicht so schlimm.

Zufrieden mit meiner Performance schaue ich noch mal nach den Rauchfähnchen und mache mir anschließend ein Leberwurstbrot mit Gurken.

Das Telefon überrascht mich bei meinem zweiten Im-Stehen-Bissen. Der Notrufmann. Ob ICH gerade angerufen hätte. Ich bejahe, leise. Schleiche mich langsam zur Balkontür. »Wo steht denn der brennende Wagen?« »ICH habe nie gesagt, dass er BRENNT!« »Wo er ste-het?« »Vor meiner Tür, in der so-und-so-Straße.«

Ich denke an Kinder und Brunnen, gehe aber mit festem Schritt auf den Balkon. Trockenes Schlucken.

Acht Fireworker lehnen gelangweilt an ihrem Chrom blitzenden Löschzug und schauen mich an – im ebenfalls parkendem Krankenwagen wird bei offener Klappe geraucht, ähnlich wie der Volvo, nur bei dem ist die Klappe zu. »Ihre Kollegen stehen direkt davor!« und mir wird heiß.

Der Notrufmann sagt noch irgendetwas Unverständliches, legt auf und wird vom Hauptbrandmeister auf der gegenüberliegenden Straßenseite abgelöst. Auf meiner Straße ist es laut, sehr laut sogar, aber seine Worte verstehe ich gut. Sehr gut sogar: »Sind Sie die Meldende?« Meldende? »Ja.« Er versteht mich, auch wenn ich sehr leise spreche. Aber ich habe nicht die Kavallerie gerufen.

»Ist DAAASSSSS der Wagen?« Ja (noch leiser). Der verfickte Volvo tut so, als ginge ihn das nichts an und qualmt nur noch sukzessive. »Gerade hat er noch ganz doll gequalmt! Ehrlich!« In diesem Moment bin ich 4 Jahre alt, kann kaum über die Balkonbrüstung schauen und bin kurz vorm Heulen.

»Das ist eine Standheizung! EINE STAND-HEI-ZUING, KAPIERT?« Ich verstehe ihn erstaunlich gut, trotz vorbei rauschendem Sattelschlepper. Aha, eine Standheizung, klar, so was haben wohl neue Autos, und schließlich ist es auch kalt (nasse Haare, keine Mütze), ja, eine Standheizung macht ja auch Sinn....

Ach, und Standheizungen qualmen also, ja? Sie erzeugen also Hitze durch Verbrennung? Was verbrennen Sie denn? Öl? Ich habe mir noch nie aktiv Gedanken darüber gemacht, wie wohl ein Standheizung funktioniert, in einer Quizshow hätte ich aber getippt, dass sie über die Batterie läuft.

Tja, wäre falsch gewesen.

»Es tut mir sehr leid, aber...« »Jaja, ist klar!« »Soll ich vielleicht was anzünden, wenn Sie schon mal da sind, wäre ja schade drum, wenn Sie alle umsonst ausgerückt wären, nicht wahr?!« »Was?« »Nichts!«

Schließe die Balkontür und merke, dass einige Haarsträhnen gefroren sind. Gehe in die Küche, trinke Kaffee, esse Wurstbrot. All das findet wieder ohne mich statt. Da will man mal ... und dann das. Und ich war so sicher. Ehrlich. Reicht das als Widerspruchsargument, wenn die Rechnung kommt?

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Meike Haberstock

Meike Haberstock, Jahrgang 76, hat viel studiert und nichts Ordentliches (O-Ton der Nachbarn ihrer Eltern) gelernt. Deshalb arbeitet sie seit vielen Jahren als CD Text/Konzeption in deutschen [..]

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