Zur Druckversion

12.05.04

Meike Haberstock

Das tragische Obst und Gemüse in meinem Leben

Aus dem Krieg brachte Opa zwei Dinge mit. Beides erwähnte er mehrmals die Woche und beides hatte mit Kartoffeln zu tun: das Ritterkreuz und eine offene Schussverletzung im Rücken. »So groß wie eine Kartoffel!«, sagte er und formte mit seinen Gichtfingern eine imaginäre Frucht – allerdings so groß wie ein mittlerer Zierkürbis. »Vom Ivan!«, schob er meist brummend hinterher.
»Der hat so große Kartoffeln?«, logikte ich.
»Nein, der hatte noch weniger als wir.«
»Die Kartoffeln vom Markt sind aber kleiner!«
»Das sind ja auch Frühkartoffeln!«
»Zeigst du mir mal die Kartoffelwunde?«
Diese Bitte erfüllte er mir nie. Auch nicht, als ich das 1983 auf meinen Wunschzettel an das Christkind schrieb. Ansonsten tat Opa alles für mich. »Nein, das ist nichts für dich – aber den ollen Kartoffelorden kannst du haben! Den hat jeder gekriegt, der nur einen von denen...!« »Einen was?« »Einen nichts. Hier, nimm das zum Spielen!«

Dann reichte er mir das kalte Stück Metall am bunten Bande und schlug vor, ich könne es mir ja an meine Kindergartentasche knoten. Heute denke ich, dass Biene Maja mit einer Nazi-Auszeichnung viel Schönes gehabt hätte, aber damals wusste Oma das Schlimmste zu verhüten. »Hermannchen, Hermannchen«, singsang sie dann an diesen kritischen Stellen mit ihrem wunderbaren Königsberger Dialekt, »ich mach dich was zu essen! Komm Kindchen, kannst Kartoffeln schälen helfen, und lass' Orden beim Oppa! Die Biene war ja nicht im Krieg. Kannst morgen wieder mit spielen. Da ist es wieder soweit.«

Im Haus meiner Großeltern fanden regelmäßig Versehrtennachmittage statt, zu denen meist drei bis vier Männer und ein alter Hund zu Besuch kamen. Und wenn ich mich ruhig verhielt, durfte ich mit den Orden und dem Dackel unter dem Tisch spielen, zuhören und »Beine zählen«, wie Oma es nannte. »Mal sehen, ob du heute auf mehr als sieben kommst.«, sagte sie einmal und ging wie an jedem dieser Nachmittage zum Friseur.

»Wo ist der Ivan?«, fragte ich einmal, und über dem Tisch wurde mit der Ruhe von Achtzigjährigen geschwiegen. Eine sehr, sehr lange Zeit. Der Qualm von Handelsgold-Zigarren wurde dichter und Herr Katelmann betastete seinen Stumpf und rückte die Sicherheitsnadel zurecht, die seine aufgeschlagene Hose hielt. »Der beguckt sich die Radieschen von unten!«, antwortete Opa mit gespielter Strenge und mischte die Karten neu. »Und jetzt raus in den Garten! Und nimm den Hund mit! Dann gibt es morgen wieder eine Gemüse-Geschichte!«

Die erzählte er meist nach dem Essen, wenn Oma mit dem Abwasch beschäftigt war. Und als Bezugsgröße für seine Kriegserinnerungen benutze er immer irgendein Nahrungsmittel. Vielleicht, weil er so gerne Koch geworden wäre. Vielleicht, weil sie an der Front so selten Gemüseplatten bekommen haben. Er sprach von Knollnasen, von Feigen und Kraut und Bohnenstangen, Blumenkohlohren, rohem Fleisch und armen Würstchen, Munition in Pfefferkorngröße, Wunden die zwiebelten und Gulaschkanonen. Wenn man ihm so zuhörte, konnte man denken, der Krieg hätte auf dem Großmarkt stattgefunden.

Im Gegensatz zu Oma hörte ich besonders gern die Geschichte vom Schmittfranz. »Dem haben wir am Karfreitag Furunkeln aus dem Hintern rausschneiden müssen. Mit dem Taschenmesser. Drei Stück, so groß wie Hühnereier! Bei Minus 15 Grad!« Ich hatte zwar damals keine Ahnung, was Furunkeln waren, aber dass ein Mann drei funkelnde Hühnereier am Hintern hatte, fand ich wahnsinnig komisch. »Du bist so jeschmacklos, Hermannchen!«, kopfschüttelte Oma ihn dann an. »Schreib das auf meinen Grabstein!«, antworte Opa freundlich und starb zwei Jahre später.

»Zumindest deine Art von Humor wäre damit entschuldigt«, sagte mir mein Freund Bert, als ich ihm von Opa, Oma und Biene Maja erzählte. Bert ist 32 und mein neuer Opa, denn Bert hat einen nicht operablen Hirntumor, der so groß ist wie eine Zitrone. »Das ist mehr als dein Erbsenhirn vermuten lässt!«, hielt ich für eine angemessene Reaktion auf seinen Citrusvergleich, als er mir von seinem letzten Arztbesuch erzählte. »So passe ich doch viel besser zu deiner Orangenhaut!«, war der entsprechende Ausgleichstreffer und wir bestellten den dritten Mojito an diesem Abend.

Noch vor einem Jahr war sein Tumor »so groß wie ein Tischtennisball«, wie ihm sein behandelnder Arzt die Erstdiagnose bebilderte. »Ist dir schon mal aufgefallen, dass Tumore entweder so groß wie Tischtennisbälle oder Zitronen sind? Warum zieht man für die kleinen keine Walnuss zurate? Dann wäre die Bezugsgröße wenigstens essbar und die Reihe logisch. Auf die paar Kubikmillimeter Volumenunterschied kommt es doch auch nicht mehr an.«, mutmaßte ich mit der Überzeugung einer betrunkenen 28-Jährigen.

»Die Vorstellung, eine Wallnuss im Kortex zu haben, ist doch viel sympathischer, als einen kleinen, weißen Plastikball im Stirnlappen. Aber was hat Psychrembel eigentlich als Vergleichsgröße für noch kleinere oder größere Tumore zu bieten?«, motzte ich in die Nacht hinein. Nach einigem Nachdenken kamen wir zu der Theorie, dass S-Tumore zwar erkannt, den Betroffenen mangels entsprechendem Obst-Alias aber nicht mitgeteilt würden. Kein Arzt wollte wahrscheinlich vor dem hell erleuchteten Röntgenbild stehen, auf einen kleinen Punkt zeigen und Sätze sagen wie »Hier neben ihrer Blut-Hirn-Schranke, Frau Fischer, da haben Sie ein Tumörchen! Ungefähr so groß wie eine kernlose Weintraube/Johannisbeere/Rosine!«

Verständlich. So etwas wirkte einfach nicht souverän.

Und der Grund, warum wir niemanden mit einer XL-Wucherung kannten, war laut Bert folgender: »Alles was größer als eine handelsübliche Zitrone ist und in einem menschlichen Gehirn steckt, führt schlicht und einfach zum Exitus!«

»Mit so einer Theatralik gewinnt man keinen Krieg, Soldat. Wir kennen niemanden mit etwas größerem als einer Zitrone im Kopf, weil alles was größer ist als eine Zitrone im Kopf, macht die Leute einfach nicht betroffen, weil es komplett absurd ist etwas größeres in seinem Kopf zu haben als eine Zitrone! Es ist zu aaab-su-hurd! Ich beweis es dir! Wir machen jetzt den ultimativen Tumor-Test!« vehemenzte ich ihn an.

Bedienung A brachte auf den Hinweis, dass Bert einen Hirntumor so groß wie eine Pampelmuse habe, ein »Jaja, ist klar!« heraus. Bedienung B wurde mit der Zitronen-Geschichte konfrontiert und brachte eine Runde Mojiten auf Kosten des Hauses heraus. »Siehst du! Eine Pampelmuse wird nicht ernst genommen! Es wäre zu absurd etwas größeres im Kopf zu haben als eine Zitrone, du Pflaume! Ich trink auf deine verdammte Zitrone! Ich trink auf Biene Maja! Sauer macht doch bekanntlich lustig! Bei Schichtwechsel versuchen wir es nochmal mit Stangensellerie!«

»Und was, wenn er doch größer wird?« fragte er mit der Kraft von altem Möhrengrün. »Dann bist du der erste Mensch mit einer russischen Kartoffel im Kopf! Zufrieden, Ivan?« säuerte der ph-Wert von 2 in mir. Auf Berts finales »Du bist geschmacklos!« antwortete ich freundlich und schlief unter dem Tisch ein.

Bitte lesen Sie die Fortsetzung dieser Kolumne:
»Statt Karten«.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Meike Haberstock.

Foto: Meike Haberstock

Meike Haberstock

Meike Haberstock, Jahrgang 76, hat viel studiert und nichts Ordentliches (O-Ton der Nachbarn ihrer Eltern) gelernt. Deshalb arbeitet sie seit vielen Jahren als CD Text/Konzeption in deutschen [..]

Ausgewählte Kolumnen von Meike Haberstock



Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Meike Haberstock