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13.11.07

Meike Haberstock

U8

Mein Sohn muss zur Bundeswehr. Mit 4.
Ich denke »Es ist entsetzlich. Erst der Vater und jetzt er!« und sortiere in der linken Hand Gummibärchen. Die roten schmecken, die weißen nicht.
20 Minuten haben wir in einem überhitzten, stickigen Raum gewartet, bis jemand kam, mir Gummibärchen in die Hand drückte und mit der Musterung begann.

Mein Sohn steht kerzengerade an der Messlatte und schaut mich an. Seine Unterlippe zittert. Auweia. Die Frau, die sich diesen Job irgendwann einmal ausgesucht haben muss, sagt: »104 cm. Ein Riese ist er ja nicht gerade.«
ER. Wenn zuhause jemand in der dritten Person Singular von einem Anwesenden spricht, fragen wir immer »Willst du ER-GER?«
Nein, wie ein Riese sieht mein Sohn nicht aus. Eher wie ein trauriger Zwerg, mit seinen Ernie-Socken und der Supermann-Unterwäsche. Mir ist heiß und ich wünschte, ich säße hier auch nur in Unterwäsche. Von mir aus auch in der von Supermann.

Mein Kind hat Dalmatiner-Beine, so viele blaue Flecken leuchten an den Unterschenkeln. Vom Rennen, Toben, Springen, Hinfallen, Klettern, Turnen.
An jeden Fleck hat er mit Filzstift eine Zahl geschrieben. Die 3 ist spiegelverkehrt. Seitdem er vor ein paar Monaten vom Klettergerüst auf den Kopf gefallen ist, kann er schreiben. Am Dienstag fiel er, am Mittwoch wollte er das Wort Lamborghini an seine Tafel schreiben. Ich sagte »Klar mein Schatz, ich buchstabiere es Dir.« Und er schrieb. Jetzt sitzen wir hier.

Kein Riese. Wieso auch? Sein Vater und ich passen ja auch noch in handelsübliche Betten. Kein Riese, was soll das denn überhaupt heißen? Die Frau mit ihrem gebärunfreundlichen Becken ist mir unsympathisch. Sie trägt ungefähr die gleiche Hosengröße wie mein Sohn, ist aber mit geschätzten 1 Meter 70 etwas größer.
Aber riesig ist sie auch nicht, die olle Plunsch.

Ich denke an die Marine. Im U-Boot sollte man nicht groß sein. Sonst stößt man sich ständig den Kopf. Das ist besonders bei Schleichfahrten sehr laut und schlecht, wenn man sich im Echolot-Bereich eines feindlichen Schiffes befindet.

»Stellst du dich auf die Waage, Hase? Wir wollen wissen, was du wiegst.«
Hase. Sie hat Hase gesagt. Das ist nicht gut.
Mein Sohn ist nach eigenen Angaben entweder ein Erdmännchen oder ein Hund.
Je nach Tagesform. Aber Hasen mag er nicht.
Er sagt nichts zum Hasen, atmet aber schneller als sonst – Gefahrenstufe 2. Schnelles Atmen kommt direkt nach Lippenzittern. Und kurz vor hemmungslosem Losheulen.
Warum sagt die Frau, dass WIR sein Gewicht wissen wollen?
WIR kennen das Gewicht, nur die schmale Frau nicht.
Gerade gestern habe ich meinem Sohn nach dem wöchentlichen Wiegen erklärt, dass mein Gewicht nah bei seinem liegt. Ganz nah.
Mutig sagt er: »17 Kilo.« Trotzdem muss er sich auf die Waage stellen. Auf der Digitalanzeige erscheint eine 18. »Oh«, sagt er, »18. Das ist fast so viel wie Mama. Liegt bestimmt an den Socken. Oder Mama?« Ich esse einen klebrigen Bär und nicke. »Bestimmt.« Die schmale Frau notiert das Gewicht meines Kindes und macht dabei einen spitzen Mund. 18 Kilo. Vermutlich so viel wie sie, wenn sie Winterkleidung trägt.

Sie misst seinen Kopfumfang. Für die passende Helmgröße?
Die Gummibärchen kleben in meiner Linken fest und mir wird schlecht.
Mein Kind soll keinen Helm tragen. Nur auf dem Fahrrad und auf der Harley Davidson, die er sich kaufen will, seitdem er zum ersten Mal unsere Nachbarn darauf gesehen hat. Dass wir in der Nähe eines Hells-Angels-Quartiers wohnen, finde ich nicht schlimm. Dass die dünne Frau meinem Sohn nun eine Augenklappe aufsetzt, schon. Sie testet seine Augenreflexe, fragt ihn nach Farben und Formen und vielleicht noch nach dem Flaggenalphabet. Mein Kind sieht aus wie Graf von Stauffenberg. Mit Ernie-Socken. Und ich fühle mich wie nach einem Attentat.

Der 104-cm-Mann soll nun auf einem Bein stehen. Erst rechts, dann links. Wofür das gut sein soll, daran mag ich gar nicht denken. Ich komme auch nicht dazu, denn ich falle vom Stuhl als die Frau sagt: »Alles in Ordnung, er kann jetzt eingezogen werden.«

Als ich wieder aufwache, liege ich auf einer zu kurzen Liege und schaue auf ein Bob-der-Baumeister-Bild, das unter der Zimmerdecke klebt. Um meinen Arm schnürt mir eine bunt bedruckte Blutdruckmanschette den Blutzufluss zum Hirn ab.
Die schmale Frau faselt etwas von 80 und 60 und drückt mir ihr Stetoskop auf die Brust. Gefahrenstufe 2, ich atme schnell. Sehr schnell.

»Mein Sohn! Wo ist mein Sohn? Was ist passiert?«

»Sie fielen vom Stuhl, als ich Ihnen sagte, dass Ihr Sohn nun angezogen werden könnte.«

Ich brauche etwas länger als sonst, bis ich verstehe. An-gezogen. Nicht ein-gezogen.

Ich versuche ein Lächeln. Gebe es auf. Schäme mich und ziehe mein Kind an, das sich mit einem Kilometer Mullbinde eingewickelt hat.

Eine halbe Stunde später verlassen mein Sohn und ich die Praxis mit vielen Gummibärchen und machen einen weiteren Termin. Beim Ohrenarzt.

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Foto: Meike Haberstock

Meike Haberstock

Meike Haberstock, Jahrgang 76, hat viel studiert und nichts Ordentliches (O-Ton der Nachbarn ihrer Eltern) gelernt. Deshalb arbeitet sie seit vielen Jahren als CD Text/Konzeption in deutschen [..]

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