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15.06.06

Meike Haberstock

Baumwollene Statements und andere Möglichkeiten, nichts Wichtiges zu sagen

Es gibt Menschen, die haben einen viel sagenden Gesichtsausdruck. Die kommen in einen Raum und vermitteln Sicherheit, Geld, Wissen.
Auch Dummheit ist mit einfachsten mimischen Mitteln ruckizucki dargestellt. Bei besonders Talentierten schon von Geburt an.

In der Steigerung gibt es Menschen, von denen man im ersten Augenblick sogar weiß, welchen Beruf sie nicht haben, welche Getränke die Mutter während der Schwangerschaft getrunken hat und dass sie gekachelte Wohnzimmertische haben, auf denen rote Aschenbecher mit Werbeaufdruck von Abschleppunternehmen stehen.
Alles abzulesen anhand von Frisur, Make-up, Abwetzungsgrad der Schuhe/ Jeans/ Eckzähne oder Frequenz von Formulierung wie »Das sind die Leute, wo...«, oder »Dem Maurice seine...«.
Das ist eine feine und einfache Sache. Man vergeudet keine Zeit und kann sofort entscheiden, ob man heute Lust auf jemanden mit dickfleischigen Pflanzen auf dem Fensterbrett, billigen Ketchup im Kühlschrank und leicht entflammbaren Doppelschlingenteppichen in »blau/grau-melangsche« hat.
Oder eben nicht.

Die Mehrheit der Menschen aber sind Leute mit dem gewissen Nichts. Leute wie ich. Keine Ausstrahlung, kein Auftrag, keine Perspektive. Solche Menschen brauchen ein künstliches Sprachforum, eine Projektionsfläche, einen imaginären Schaukasten, in den sie Nachrichten hängen, um mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen, die sonst keine Notiz von ihnen nähme. Wer genug Geld hat, kauft sich kein Auto sondern ein Statement, damit jedem gleich klar ist, wer hier die Stadt im zweiten Gang nimmt.

Das klappt prima mit alten Ford Mustangs aus den 60er Jahren, VW T1-Bussen oder dem neuen Chrysler Crossfire. Leider geht das auch mit Renault Clios, Kia Kuckliebernichthin und Nissan Nichtzufassen. Meistens sitzen Frauen hinterm Steuer die ähnlich wie ihre Automodelle heißen könnten und Dinkelschrot im Schrank haben. Fragen bleiben da nicht.

Wer weder Karma noch Geld hat, dem bleibt der Eintritt in eine möglichst kleine und unbekannte Partei oder ein T-Shirt mit Aufschrift, um mit der Welt zu kommunizieren und hoffentlich angesprochen/ angemacht/ beschimpft/ verprügelt zu werden. Besonders Verzweifelte gehen mit solchen T-Shirts sogar abends weg und warten, dass ihnen jemand ihre Einsamkeit abnimmt.

Bei »Natural born Kieler«, »Geist ist geil« und »Mein Freund ist Schwabe« weiß man gleich, dass der Shirt-Träger zu bemüht ist, um selbst nach dreistündigem Sex in der Wanne auf einer uneinsichtigen Dachterrasse am Strand von Bali mit 2% Promille im Blut entspannt zu sein.
Gut gemeint bleibt auch beim besten Willen das Gegenteil von gut gemacht.

Wer sich sein Heimatdorf auf die Trainingsjacke flocken lässt und mit »Hiddingsel«, »Ahlen in Westfalen« oder »Weltstadt Barkelsby« herumläuft, wird ebenfalls niemanden kennen lernen - bis auf ambitionierte Geographiestudenten oder Menschen mit »Das nicht auch noch!« auf der baumwollenen Brust.
Was da schlimmer ist, kann ich nicht abschätzen.

Gestern im Bus saß ein – meine Mutter würde sagen – »junges Mädchen« neben mir. Um die 16, stark peroxidiert, großer Busen, wenig Hosenstoff, viel Lipgloss. Eigentlich ein Typ Frau, dem ich nicht viel, aber davon eine Menge zutraue.
Sie trug ein bauchfreies, rosa Shirt mit einem Spruch, der ihr überall zu kostenlosen Caipirinhas, Taxifahrten, One-Night-Stands und Fernsehauftritten verhelfen sollte: »Frag einfach. Vielleicht geht's ja!«

Ich hätte Sie fragen sollen, ob sie mir ihr T-Shirt überlässt, denn etwas ähnlich lustiges habe ich selten auf etwas Gepflücktem und in China Produziertem gelesen.

In Berlin tragen solche Shirts nur noch Touristen. Die Schwaben, Westfalen, Württemberger und Hanseaten, die seit 3 Wochen im Prenzlauer Berg oder in Mitte wohnen und stark mit »icke, dette und wa« hausieren gehen, tragen so etwas nicht mehr. Diese Menschen telefonieren zwar überall und immer mit anderen Schwaben, Westfalen, Württembergern und Hanseaten, die sich auch für echte Berliner halten, haben aber eigentlich nichts zu sagen.
Müssen sie auch nicht, denn in Berlin geht man in entsprechende Clubs, um sich der Welt mitzuteilen. Man geht zum Beispiel ins »Zu mir oder zu dir«, ins »Ficken 3000« oder ins »Konrad Töns«. Oder ins »Fleisch und Wurst«. Oder in die »Dickendisko«. Vielleicht auch ins »An einem Sonntag im August«. Berlin ist voll mit Läden, deren Namen man zu keiner anderen Gelegenheit als in dem Satz »Lass mal heute Abend im X treffen«. nutzen kann. Aber das genügt scheinbar schon.

Den Leuten hier oben im Norden genügen hingegen Läden mit dem Namen »Traum GmbH«, »Maxx« und »L'Étage«. Raum für viele Interpretationen bleibt da nicht.
Was bleibt Menschen wie mir da, die kein Geld für teure Autos haben, denen Aufschrift-Shirts nicht stehen und die zu unpolitisch für eine Partei sind?

Eben.

Danke fürs Lesen.



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Meike Haberstock

Meike Haberstock, Jahrgang 76, hat viel studiert und nichts Ordentliches (O-Ton der Nachbarn ihrer Eltern) gelernt. Deshalb arbeitet sie seit vielen Jahren als CD Text/Konzeption in deutschen [..]

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