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19.12.05

Meike Haberstock

Feuer frei

Vierter Advent. Mein Mann, mein Sohn und ich biegen in die Flachdachbungalow-mit-natürlich-selbst-angebautem-Carport-Einfahrt ein.

14:45 Uhr. Wir sind 15 Minuten zu spät. Aus Protest. So viel Aufbegehren gönnt sich mein Mann. Neben dem unterm Kaschmir-Pulli getragenen T-Shirt mit der Aufschrift »Narkose Endreihenhaus«.

Die ältesten Koniferen in dem Beet, in das mein Sohn gerade in seinem Astronautenanzug stürzt, sind größer als ich, die jungen Ableger kleiner als mein Sohn – wenn er wieder irgendwann stehen sollte. Dazwischen Tannenzweige und Rindenmulch zum Schutz der bereits eingepflanzten Maiglöckchenzwiebeln.

Weiß getünchte Fassaden wetteifern mit den Resten vom Advents-Alibi-Schnee, den internen Kampf im Mehrfamilienhaus gegenüber hat eindeutig die Familie oben rechts mit geschätzten 267 Blinkartikeln auf Balkon und Fensterbrett gewonnen.

In Siedlungen wie dieser beschäftigt mich immer eine Frage: Wie lange kann man eigentlich ohne ausreichend Sauerstoff überleben? 30 Jahre? 40?

Vorbei an den durch dunkel gebeizte Kiefernstämme eingefassten Mülltonnen, rüber über die Gehwegplatten im Rasen, der selbst im Winter so grün aussieht, als sei er lackiert. Die Platten liegen für eine einzige Schrittlänge zu weit auseinander. Zumindest wenn man erst gute zwei Jahre alt ist. Voller Wonne stampft der 90-cm-Mann in die kleinen, braunen Matsche-Pfützen. An seinem Teflon-Anzug perlt die dunkle Suppe problemlos ab, an der weißen Fassade über den zweifach abgesicherten Kellerschächten nicht.

Wann wird es heute dunkel?

»14:50 Uhr! Kinder, wo bleibt ihr denn?« Schwiegermutters Stimme kriecht um den festlich dekorierten Lorbeerstrauch herum und mir den Rücken hoch. Mein Mann antwortet mit einem Meineid: »Meike musste noch arbeiten, deshalb sind wir zu spät.«

Aha. Soso. Da endet der Protest also. Ich musste noch arbeiten? Warte ab Freundchen, deine Eltern heizen bestimmt wieder seit 3 Wochen durchgehend auf 5. Was trägst du eigentlich unterm warmen Pulli? Mutti ist die Beste?

Rein in die gute Stube. Das Kind ist gleich im alten und neuen Kinderzimmer meines Mannes verschwunden, auf »Die Schuhe zieht ihr besser hier vorne aus!« folgt »Mein Gott, du hast schon wieder abgenommen.« Der zweite Satz richtet sich nicht an mich. Wäre ja auch gelogen.

Im unbeheizten Gästeklo-Vorraum und Pseudo-Windfang hinterlasse ich Mantel und Stiefel so, dass ich im Falle eines Brandes oder einer unerklärlichen Familientragödie möglichst schnell hinein schlüpfen und das Haus verlassen kann.

Durch die extrabreiten Portas-Türen gehe ich hinein ins weihnachtlich geschmückte Warenhaus. In der Ess-Diele werden Nussknacker und Deko-Engel verkauft. Zumindest hat es den Anschein. Ein Verkäufer kommt auf mich zu und fragt: »Kannst du nicht wenigstens am heiligen Sonntag das Arbeiten mal lassen?«

Mein Schwiegervater.

Ich hätte die Hochzeit mit deinem Sohn lassen können, aber... naja. Für ihn bin ich mehr als die Tochter, die er nie hatte. Ich bin die Tochter, die er auch nie haben wollte. »Hallo Dieter! Na, wie viele Trockenpflaumen hast du heute schon gegessen?«

Ich suche meinen Sohn und finde ihn in der Spielzeugabteilung neben dem Elternbad. Knietief steht er in Millionen von Duplo-Steinen mit den Überresten eines Schoko-Weihnachstmannes in der einen, einer Deko-Quaste von den Biedermeiermöbeln in der anderen Hand. Er hatte wohl beides im Mund. Gleichzeitig.

Ich befreie ihn aus seiner Ganzkörpersauna und trinke seine Bob-der-Baumeister-Flasche leer. »Wollen wir bis heute Abend hier sitzen bleiben und zusehen, wie Oma und Opa dicke Backen machen?« denke ich laut und vergesse für einen Augenblick, dass mein Sohn gerade in dem Alter ist, in dem er gerne alles nachquatscht.

»Oma-dicke-Backen-Oma-dicke-Backen-Oma-dicke-Backen...« singt er fröhlich auf dem Weg in die Küche.

»Ja mein Schätzchen, gebacken habe ich auch. Zimtsterne, Kipferl, Lebkuchen, Mandelplätzchen. Im Gegensatz zu deiner Mama, nehme ich an?«

»Ach Uschi, ich habe keine Lust mehr zu backen... wenn ich abends vom Strich komme!«

Leider hört mir schon keiner der Erwachsenen mehr zu und mein Sohn ist zum Glück mit 200 Gramm Keksen im Mund beschäftigt. »Das nich lustich!« kopfschüttelt er vor sich hin und weiß gar nicht, wie recht er damit hat.

Im Wohnzimmer gastiert scheinbar die Wanderausstellung »Holiday-on-ice-meets-The-holy-family« zu der ein kindsgesichtiger Belgier live von CD Weihnachtslieder singt. Seinen Namen habe ich vergessen, aber die Belgier, denke ich, sind ein Volk, das man aus der EU schmeißen sollte. Scheiß auf die Fritten.

Überall blinkt, funkelt und strahlt es. Maria, Josef und das Jesuskind werden von einem gigantischen Halogen-Betlehemstern ausgeleuchtet, Ochs und Esel bewegen degeneriert die kleinen batteriebetriebenen Köpfe.

Das nich lustich...

Mein Sohn ist hinter dem bereits geschmückten Tannenbaum verschwunden, der in diesem Jahr aus unerklärlichen Gründen nicht nach New York sondern hier her geliefert wurde. Die Familie und ich trinken Kaffee, essen Kuchen und im Kopf spiele ich »Phrasen-Bingo« mit.

Sechs Treffer gab es bei:

  • Mein Gott Junge, nun nimm mal noch ein Stück!
  • Willst du noch? Ist alles selbst gemacht!
  • Gertmeiers haben ja auch gesagt, dass...

Vier mal kreuzte ich bei folgenden Sätzen an:

  • Wann kommt denn jetzt endlich das zweite?
  • Bist Du schon satt? Na, kein Wunder!
  • Du und deine Arbeit. Das kann man doch nicht ewig machen. (An mich gerichtet.)
  • So viel arbeiten. Das kann man doch nicht ewig machen. (An meinen Mann gerichtet.)

»Ich hab deine alte Freundin Susanne letzte Woche getroffen – das war ja 'ne Nette.« kam diesmal nur einmal, und das auch nur, als ich den Raum verlassen hatte. Aber der Nachwuchs wiederholte netterweise solange »Nette-alte-Susanne«, bis ich vom Klo wieder da war.

Völlig überzuckert turnt er über die weiße Couch und hinterlässt dabei ganz amtliche Flecken auf dem Leder. Ich verberge nur schwer meinen Stolz und lasse ihn natürlich alle Geschenke aufreißen, die er findet. Natürlich fliegen die weichen Sachen (Socken, Wäsche, Mütze) gleich nach hinten und natürlich ist nach 3 Minuten bereits der erste »Nusskacker« mehrfach amputiert.

Um 17:33 Uhr gibt mein Mann endlich das verabredete Zeichen. »Mama, wir gehen jetzt! Leider, aber ich muss heute Abend noch ein paar Akten durchgehen.«

Die Reaktion wird wohl irgendwo zwischen »Ach, Du Armer, musst so viel arbeiten.« und »Die wissen gar nicht, was sie an dir haben!« gelegen haben – ich weiß es nicht, denn in dem Moment stopfte ich den Sohn bereits im bitterkalten Windfang in seinen Schneeanzug.

In einer Rekordzeit desertierten wir vor dem drohenden Abendessen (Ente/Klöße/Rotweincreme) und machten uns, nachdem alle Geschenke und Care-Pakete mit Essen im Auto verstaut hatten, auf den Weg zu McDonalds.

Oma-dicke-Backen...



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Meike Haberstock, Jahrgang 76, hat viel studiert und nichts Ordentliches (O-Ton der Nachbarn ihrer Eltern) gelernt. Deshalb arbeitet sie seit vielen Jahren als CD Text/Konzeption in deutschen [..]

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