25.10.05

Meike Haberstock

Und jetzt in einem Satz.

Kurz vor Staffel-Ende der Schwarzwaldklinik wollte ich Ärztin werden, um mich mit Sätzen wie »Lassen Sie mich durch, ich bin Ärztin!« oder »Bilden Sie eine Gasse.« selig zu sprechen.
Kurz vor dem Abitur hatte ich die Idee, Polizistin zu werden, da »Ich arbeite allein, Dieter.« und »Was haben Sie gestern Abend zwischen 20:00 und 22:30 Uhr gemacht?« irgendwie doch mehr Sex hatten.
Erst recht, wenn man beim letzten Zug einer »Ernte 23« war.
Der Prüfer beim Einstellungstest auf der Polizeischule war Prüfer beim Einstellungstest auf der Polizeischule geworden, um Sätze zu sagen wie: »Du? Nicht so lange ich hier für den Laden verantwortlich bin.«.

Der Mann, den ich regelmäßig in meinem Plus treffe, hat gut ein halbes Dutzend Lieblingssätze, die die Kassiererin zu hören kriegt.
Um die 50, leicht schütteres Haar, fleischige, rote Nase gehört er der Kategorie »Dutzend-Fresse« an – ein Typ, wie es ihn überall in Deutschland, wenn nicht gar in regional leicht abgewandelter Form in der ganzen EU, gibt. Mit Billig-Turnschuhen aus Hanoi, zu kurzen Hosen aus den 80ern und einem weinroten All-Wetter-Blouson mit aufgeribbelten Strickbündchen aus Ermangelung einer Alternative.

Meinen derzeitigen Buddy habe ich Richard getauft.
In Hamburg hatte ich mal einen Spar-Franz, meine Freundin in Köln hat zur Zeit einen minimal-Manni. Alles Allerwelts-Versager, denen jegliche Perspektive und meistens auch beide Sechser im Oberkiefer fehlen. Solche Männer kaufen Anfang und Mitte des Monats mehrere Liter-Flaschen Doppelkorn oder sonstiges Hartgas und dazu einige 200-Gramm-Alibis, um an der Kasse noch erhobenen Hauptes mit der Verkäuferin shakern zu können. Nur, wer nur Schnaps kauft, hat ein Alkoholproblem - wer noch etwas anderes aus dem Warenkorb zaubert, hat Familie.

Soweit das Gegenteil von Logik.

Richard lässt sich in zehn von zehn Fällen von Mischbrot decken. Von diesen grauen, ovalen Scheiben, die mit keinem Belag der Welt genießbar sind. Doppelkorn, Mischbrot und ein variierender Pfennigartikel bestimmen den immer etwas zu laut gesprochenen Satz an der Kasse. Bei einer Tüte Eiskonfekt heißt es »Für die Enkel.«, zu Schlesischen Gurkenhappen komponiert er »Meine Frau isst die so gern vorm Fernseher.« und Dosenpfirsiche »kommen aufn Tortenboden.«
Wo er den herkriegt, verrät er der Frau an der Kasse und mir nicht.

Einmal um die Weihnachtszeit, stand er mit einem Großeinkauf vor mir in der Schlange und belud das Band mit Doppelkorn, Mischbrot, Dominosteinen, Kaffeeweißer und einer Flasche Maria-Kron-Verschnitt. Panisch platzierte er die Warentrenner vorne und hinten – möglicherweise aus Angst, zu meinen Holsteiner Cox keinen Text zu haben. Auch der Chicorée seines Vordermannes wäre mit »Die Schwiegermutter kommt zum Fest.« nicht wirklich zu verargumentieren gewesen.

Das Hochprozentige kommentiert er nie. Was nicht ausgesprochen wird, existiert auch nicht. Klar, Schnaps ist durchsichtig. Aber unsichtbar?
Auch ich verteidige meinen Einkauf nicht vor der 400-Euro-Aushilfe. Warum auch? Richard und seine Klone glauben, sie müssten es. Warum aber dann nicht wie echte Männer?
Wieso stellen sie nicht den Kräuterschnaps aufs Band und gleich mal »Nur, um zu vergessen.« in den Raum?
Wird Maria-Kron nicht durch »Ich vertrag ja keinen Eierlikör.« rehabilitiert?
Passt zum Korn nicht hervorragend »Zum Zähneputzen.«?

Das wäre mal was. Von so was will man mehr. So etwas will ich übers Supermarktradio. Live. Nicht »Die 18 auf die 24, bitte!«. Wobei das auch ein sehr schönes Ding ist. Aber dafür Verkäuferin werden?

Eine Freundin gestand mir nach einer 80er-Jahre-Party (Cola-Rum und Baileys), sie wäre nur deshalb Psychologin geworden, um möglichst wenig zu reden und bezahlt ihren Gedanken nachhängen zu können. Die wenigen Bemerkungen, die sie an ihre Patienten richtete, ließen keine Diskussion zu und so habe sie meistens einen ruhigen Tag und könne über ihr Buchprojekt nachdenken. Da muss man erst mal drauf kommen. Genauso wie auf »Können ist die Kunst des Wollens.«. Der Satz lässt in einer Raucherentwöhnung tatsächlich wenig Raum für qualifizierten Widerspruch.
Eine ihrer Patientinnen verantwortete in der zwanzigsten Sitzung ihre unglaubliche Körperfülle zum wiederholten Male erst mit schweren Knochen, dann einer Schilddrüsenunterfunktion und schließlich mit »Fett ist halt ein Geschmacksträger.« Meine Freundin verabschiedete sie mit »Ihre Sache, aber wenn Sie weiter so unkontrolliert essen, kann man auf Ihrem Hintern bald Dias zeigen.«.

Diese Formel hat zwar nicht gerade Sprichwortcharakter, ist aber auf meiner persönlichen Liste der unglaublichsten Sätze von hier bis Wyoming ganz weit vorne.

Ich bereue heute, dass ich so etwas Dummes wie Werbetexterin geworden bin. Nichts ist unkreativer und unkommunikativer.
Ich verbringe Tage damit, Sätze zu finden wie »Für strahlend schöne Augen.«, »Sie werden sprachlos sein und es allen weitersagen wollen.« oder »In allen vier Ecken soll Nike drin stecken.«.

Was soll man dazu noch sagen...


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