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02.04.07

Guido Heyn

Miss Altersheim

Wieder eine Illusion geplatzt, Mist. Da dachte ich doch, wenn ich mal alt bin, vielleicht in einer schönen Altersresidenz wohne, mich um nichts kümmern muss, kann ich mich in aller Ruhe um meine Briefmarkensammlung kümmern und all den aktuellen und noch folgenden Trends entgehen, unter anderem dem Schönheits- und Casting-Wahn. Und, was musste ich da in der Zeitung lesen: In der Schweiz wurde die »Miss Altersheim« gekürt. Zulassungskriterien waren, dass die Teilnehmerinnen über 70 Jahre alt sein mussten und allein gehen konnten. Na klasse. Frage mich, ob sie Windeln tragen durften. Andere Frage: Was folgt denn bitte schön als nächstes?! »Miss Krückstock«, oder »Miss Alzheimer«?

Ich meine, ich versteh ja, dass den Beschäftigungstherapeuten irgendwann mal keine neuen Bingo-Varianten zur Unterhaltung der alten Menschen mehr einfielen, aber Miss-Wahlen?! Eine weitere Illusion geplatzt, nämlich dass ältere Menschen weiser sind als wir noch relativ jungen Leute, die sich mit solchem Unfug wie Miss-Wahlen das Hirn vermüllen lassen. Die Siegerin erhielt übrigens ein kostenloses Essen in einem Restaurant. Nein, ich weiß nicht, ob sie in der Lage war alles zu essen oder nur Schonkost.

Da drängen sich mir auch schon ganz andere Fragen auf. Fragen, die ich mir schon geraume Zeit stelle. Wie mag es wohl sein, wenn ich mal im Altersheim bin und all die heute so agilen Extremsportler, Bungee-Jumper, Freeclimber, Hooligans, SM-Fetischisten, Drag-Queens und anderen äußerst aktiven und extrovertierten Mitmenschen meine Zimmernachbarn sind. Werden sie – zumindest anteilig, soweit körperlich ihnen noch möglich – ihre Hobbys bzw. Lebensart mit in ihren letzten Lebensabschnitt nehmen? Wie wird mein Leben dann wohl aussehen?! Wohl eher unruhig. Briefmarken sortieren, das kann ich wohl vergessen. Aber vielleicht komme ich so dann auf meine alten Tage ja noch auf den einen oder anderen für mich neuen Geschmack. Aber will ich soviel Veränderung im Alter überhaupt? Ich merke ja, dass ich heute schon auf Veränderungen oftmals sehr reserviert reagiere. Fragen über Fragen. Wer Antworten für mich hat, kann sie mir gern zukommen lassen. Aber bitte nicht zulange damit warten, ich bin ja nicht mehr der Jüngste.

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Guido Heyn

Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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