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05.06.04

Guido Heyn

Moses' Weg ins gelobte Land der Computerspiele

War das eine Freude, als ich vor zwei Wochen endlich – als Zugabe zu einem Handy-Vertrag von Cellway – eine Playstation 2 bekam. Seitdem sitze ich nun abend für abend vor dem Ding und zocke mir die Finger wund. Gut, manchmal habe ich schon ein schlechtes Gewissen, weil ich meine anderen Interessen so sträflich vernachlässige. Und meine Frau und meine Tochter bellen mir auch nur noch einsilbige Grüße zu. Manchmal frage ich mich auch, ob ich dafür mit 35 nicht schon zu alt bin. Aber was soll's, ich fühl mich noch jung genug. Und in meinem Bekanntenkreis gibt es viele in meinem Alter, die, wenn nicht an irgendwelchen Konsolen, zumindest am PC spielen. Ich möchte nicht wissen, wieviele Buntestagsabgeordnete nach Feierabend ein bisschen Entspannung beim digitalen Zocken suchen. Von unseren Kickern wissen wir das ja schon seit der letzten WM, als sie anstelle von Liebesspielen mit ihren Gattinen, auf Wunsch vom Trainer, auf Playstation-2-Spiele umstellen mussten. Da überlege ich doch gerade, hm, ob Finanzminister Eichel eigentlich lieber Wirtschaftssimulationen zockt, oder aber, weil er wahrscheinlich auch da ständig nur neue Schulden macht, lieber »Die Sims« spielt. Bei letzteren könnte er mit den Leuten endlich machen, was er will, ohne irgendwelche Rücksichten nehmen zu müssen. Vielleicht spielt ja sogar der Papst?! Naja, der amtierende wahrscheinlich eher nicht, der kann ja kaum noch krabbeln, und zum Bodenküssen muss man ihm schon ein Stück Gehweg reichen. Aber bei seinem zukünftigen Nachfolger könnte ich mir das schon vorstellen. Möglicherweise ist der ja schon mit Playstation oder Nintendo aufwachsen. Morgens hält er dann die Predigt für mehr Frieden, abends zockt er Egoshooter wie Counter Strike. Nur so zur Entspannung. Man könnte ihm natürlich auch Spiele sozusagen auf den Leib programmieren, wie etwa »Fang das Kreuz« (Action-Rennspiel), oder »Die Kollekte« (Jump'n'Run) oder »Moses' Weg ins gelobte Land« (Action-Rollenspiel). Die Spiele würden unter Christen bestimmt gut ankommen. Wäre vielleicht 'ne interessante Marktlücke.

Apropos Lücke. Es gibt das Leben des Kurt Cobain jetzt als Comic. Warum als Comic, weiß wohl niemand so genau. Den Zeichentrickfilm »Derrick« mit passendem Comic hatten wir ja leider auch schon. Obwohl ihn dann zum Glück doch keiner sehen wollte. Aber steht uns jetzt beispielsweise auch noch das lückenhafte Machwerk »Erinnerungen« von Helmut Kohl als Comic bevor? Oder Gottschalks Biografie (erscheint im August als Buch) als Comic? Wer bitte will oder soll das lesen? Wie unendlich langweilig muss mir sein, damit ich so etwas lesen will?! Nee, wenn mir schon langweilig ist, dann schalte ich doch lieber meine Playstation ein, und hüpfe als kleiner Ritter durch die Gegend, um riesengroße Münzen einzusammeln und Blechmonster zu zerhacken.

Woran merkt man eigentlich, dass man spielsüchtig geworden ist?!

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Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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