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07.10.06

Guido Heyn

Neue Arten des Wählens

Man beklagt ja heute immer wieder das Fehlen jeglicher innovativer Ideen seitens der Politiker. Umso mehr überraschten mich die Ideen des Bremer Bürgerschaftspräsidenten Christian Weber: »Wahllokale in Schulen oder Behörden sind für die Bürger abschreckend«, sagte er dem »Spiegel«. Weber könnte sich vorstellen, dass zukünftig die Stimmabgabe auch an Tankstellen, in Gaststätten und während eines Festes auf dem Bremer Marktplatz möglich sein sollte. Generell wünscht er sich mehr Eventcharakter beim Wählen. Er schlägt auch vor, man könnte die Wahlurne bei einem Heimspiel Werder Bremens im Weserstadion aufstellen. Na das ist doch mal eine geniale Idee. Ich seh es schon vor mir: Die Wahlurne steht am Anstoßpunkt und nacheinander geht jeder einzelne Wähler zu ihr und wirft seinen Stimmzettel hinein, untermalt vom Gesang tausender Fußballfans: »Einer geht noch, einer geht noch rein ...«

Mir gehen die Ideen des Bremer Bürgerschaftspräsidenten aber noch nicht weit genug. Ich denke da zum Beispiel eher an ein Wählen per Handy: Jeder, der per SMS wählt, hat die Chance eine Million oder zumindest einen Kandidatenplatz bei Günter Jauch zu gewinnen. Und unter allen Wahlteilnehmern wird neben diversen weiteren Sachpreisen (Autos, Reisen, Klingeltöne) auch ein Abgeordnetensitz im jeweils zu wählenden Parlament verlost. Das nenne ich dann endlich einen Volksvertreter.

Mehr Eventcharakter schön und gut, meine Visionen reichen aber noch viel weiter. Denn was heute doch einzig und allein zählt sind doch die Einschaltquoten im Fernsehen. Daher sollten die Wahlen im altbekannten Stil abgeschafft und durch Samstagabend-Shows ersetzt werden. Ähnlich dem »Familienduell« könnten die Parteien ihre jeweiligen Spitzenkandidaten in Gruppen gegeneinander im Sackhüpfen, Luftballonaufblasen und Kreuzworträtseln antreten lassen. Die Zuschauer sind damit endlich des lästigen Wählens entbunden, werden unterhalten und können höchstens per Anruf (nur 49 Cent pro Anruf aus dem deutschen Festnetz) Bonuspunkte an ihren favorisierte Gruppe vergeben und dabei natürlich wertvolle Sachpreise gewinnen. Einer der Vorteile dieses alternativen Wahlsystems wäre übrigens das Entfallen jeglicher Wahlkampfkosten.

Und, wollte man die Gehälter der Politiker auch noch einsparen, könnte man die Sieger anschließend gleich in einen Container sperren, Tag und Nacht mit Kameras bei der Arbeit observieren und das Ganze über RTL ausstrahlen lassen. Ach ja, und Rauswählen dürfen die Zuschauer einen der Regierenden dann jedes Wochenende. Aber ich glaube, auch an diese Option denkt der Bremer Bürgerschaftspräsident bereits.

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Guido Heyn

Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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