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07.11.01

Guido Heyn

Kybernetische Verkäufer?

Neulich beim Tengelmann an der Kasse: Da sitzt ein junger Mann, ein neuer Mitarbeiter. Der hat mit mir geplaudert und gescherzt, obwohl die Schlange hinter mir nicht gerade kurz war. Es war eine angenehme und heitere Unterhaltung. Ein Supermarktkassierer! Wo gibt's denn sowas? Normalerweise sagen die höchstens Sachen wie: »Tüte?« oder »Das müssen Sie noch abwiegen!« oder »Sie zahlen also mit EC-Karte (stöhn).« Ansonsten sagen sie nur »Guten Tag« und »Auf Wiedersehen«. Aber dieser junge Verkäufer zerrüttete meine über Jahrzehnte gewachsene Sichtweise auf Supermarktverkäufer völlig. Wieder ein Vorurteil, dass ich über Bord werfen musste, ja da weiß man heutzutage ja bald gar nicht mehr, welche Vorurteile noch Bestand haben. Als nächstes werden die Politiker noch ehrlich und das Fernsehprogramm wird wirklich unterhaltsam.

Jedenfalls bin ich dann gleich nach dem Tengelmann noch zum Aldi gefahren. Ich brauchte zwar nichts wirklich dringend, aber ich wollte testen, inwieweit die Welt der Verkäufer aus den Fugen geraten war. Sozusagen die Schwere der Störung der Normalität ausloten. Nun ja, zumindest hier schien alles beim alten geblieben zu sein. An der Kasse saß eine wahrscheinlich biomechanische Kassiererin, ihre Stimmhöhe variierte beim Sprechen höchstens im Milli-Bereich und die Sätze waren in keinster Weise akzentuiert. Man musste schon genau hinhören, wollte man erahnen, wann ein Satz beendet war und ein neuer begann: »Sie müssen den Wagen anders hinstellen Sie wissen doch wie das hier funktioniert wir haben keine Zeit für sowas.« Sie hatten den Aldi seit meinem letzten Besuch umgebaut, und mir war die Position des Einkauswagen am Ende des Fließbands nicht sofort klar. Dann fiel durch die Schuld der Kassiererin auch noch die Salami herunter – die mit Käse ummantelte – und zwar in den Kassenraum und ihr zwischen die Füsse. Ihr Kommentar: »Bitte beeilen Sie sich beim Einräumen des Wagens wir haben keine Zeit.« Da ich jedoch nicht zwischen ihren Beinen herumkriechen wollte, wartete ich nach dem Zahlen ab, bis sie die Salami aufhob. Manchmal habe ich halt so einen kleinen Schalk im Nacken, da stelle ich mich ein bißchen quer. Aber auch als sie schließlich die Wurst aufhob, blieb sie völlig emotionslos. Bei meinem nächsten Aldi-Einkauf, nahm ich mir vor, wollte ich versuchen, sie ein bißchen zu provozieren oder was Privates aus ihr rauszukitzeln.

Einige Zeit ist seitdem vergangen, beim Aldi war ich noch nicht wieder, aber beim Tengelmann. Die Zeit vergeht so schnell, in Supermärkten anscheinend noch viel schneller. Jedenfalls scheint der junge Verkäufer innerlich um Jahrzehnte gealtert zu sein. Von einem Gespräch kann nicht mehr die Rede sein, und seine Sätze liegen im maximal-3-Wörter-Bereich. Also war das damals mit ihm nur ein kleiner Ausrutscher des Universums, eine kleine Kontinuitäts-Verschiebung, die sehr schnell wieder repariert worden war. Also sollten wir doch keine Hoffnungen in die Politiker oder das Fernsehen investieren.



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Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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