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09.10.01

Guido Heyn

Die deutsche Sprache, T-Online und Raucher

Der Tag fing schon damit an, dass mir die Milchbrötchen, auf die ich mich am Vorabend schon so gefreut hatte, beim Frühstück in Kombination mit Wurst dann doch nicht schmeckten. Ich verfing mich dann im Internet und verbrachte so einige Zeit am PC, bis ... ja bis plötzlich keine Internetverbindung mehr bestand. Vom einen zum anderen Moment von jedem menschlichen Kontakt abgeschnitten und mit reichlicher T-Online-Erfahrung ausgestattet, geriet ich natürlich sofort in Panik und versuchte diverse Sinnlosigkeiten wie Neu-ins-Internet einwählen, Rechner neu starten usw.

Der Unsinn meines Tuns wurde mir schnell bewusst, und jetzt blieb nur eines: Der Schritt, den ich schon des öfteren getan und der mir meistens keine frohen Nachrichten eingebracht hatte. Eilig suchte ich mir einen der vielen Briefe von T-Online und schnell fand ich auf ihm auch die Rufnummer der Technischen Hotline. Ich griff zum Telefonhörer. Ja, es war ein Freizeichen zu hören. Nichts anderes hatte ich erwartet. Die Telefonleitung war also in Ordnung. Ich wählte die 0130-irgendwas. Und eine weibliche, blecherne Stimme vom Band ertönte, die mir die Sinne raubte, denn ich verstand den Inhalt ihrer Worte nicht:

»Sehr geehrter Anrufer. Rufnummern, die mit der 0130 anfangen, sind nicht mehr gültig. Wenn Ihnen die neue Service-Rufnummer der Auskunft mitgeteilt wurde, können Sie diese dort erfahren.« Und Ende, mehr hatte sie nicht zu sagen.

Hä? Was, wie? Irgend jemand sollte mir also die Service-Rufnummer der Auskunft mitteilen, diese sollte ich dann wohl anrufen, damit man mir dort eben jene gerade angerufene Service-Rufnummer der Auskunft mitteilt, oder doch nicht? Sofort bereute ich es wieder, kein Germanistikstudium absolviert zu haben, vielleicht hätte mir dies Aufschluss über die Botschaft der Bandansage verschafft. Aber dafür war es nun zu spät, mit Anfang 30 fängt man ja nicht an zu studieren, außerdem musste ich mich ja um das Problem des Nicht-Internetens kümmern. Ich ging erstmal ins Bad, um mir mittels kaltem Wasser den Angstschweiß vom Gesicht zu waschen. Beim Abtrocknen fiel mein Blick auf den Schaumfestiger meiner Angebeteten. Ich las folgendes: Wella - Design - Forming Mousse - Locken - Stronge Hold. So weit alles klar, oder doch nicht? Was zum Geier heißt jetzt schon wieder »Locken«? Mein Englisch ist halt nicht das beste, aber ich kenne das Wort »Lock«, also Schloß/Sperre, aber »Locken« war mir dann doch fremd. Nun ja, manchmal brauche ich etwas länger. Dann hatte ich die Lösung. Sie haben sie sicherlich auch schon, aber ich frage mich trotzdem noch immer, warum auf dieser blöden Spraydose alles in englisch steht und nur »Locken« in deutsch gelassen wurde. Wenn das die Zukunft unserer Sprache ist, also dass bald nur noch circa jedes vierte Wort deutsch ist, na dann good night oder cheers meal.

Verstört ging ich aus dem Bad und mein Blick fiel – leider – auf meine Brieftasche, und da schlug sie wieder zu, eine der eigentlich tollsten menschlichen Eigenschaften, um die uns viele unserer evolutionären Konkurrenten beneiden (wenn sie dies können): die Erinnerung. Sofort kehrte der Angstschweiß wieder auf meine Stirn zurück. Ich erinnerte mich an jenen schrecklichen Moment, in dem ich alles dafür gegeben hätte, die mongolische Staatsbürgerschaft zu besitzen. Niemand sollte mich auch nur im entferntesten mit der deutschen Sprache in Verbindung bringen können, damals als ich ihn zum ersten Mal sah, den Fernsehspot für »Deutschlands meiste Kreditkarte«. Als Mongole sieht man selten fern, ein Mongole muss nicht annähernd so viel Werbung ertragen wie wir, und Mongolen machen sich auch keine Gedanken über die Beschriftung auf diversen Produkten. So zum Beispiel auf Deos: »Desodorierd und beseitigt Geruch«, na toll. Auf mongolischen Pferden steht nun mal nicht »Weißer Schimmel« und in der Wüste steht kein Schild »Trockener Sand, ohne Wasser«. Und mongolische Frauen nehmen nicht so oft Schaumfestiger.

Mongolen machen sich auch keine Gedanken über die Firmenstruktur von T-Online. Ich schon, denn um mich von der »meisten« Erinnerung abzulenken suchte ich nach anderen, hoffentlich aktuelleren Hotline-Nummern für Internetnotfälle wie meinen. Ich fand gleich drei in Frage kommende Rufnummern. Ich wählte die erstbeste. Und hatte prompt die falsche erwischt. Nach diversen Vorschlägen einer Bandstimme, verschiedene Tasten auf meinem Telefon zu drücken, landete ich bei der Abteilung für die technischen Deppen. Eine endlich menschliche Stimme schlug vor, die DSL-CD-Rom einzulegen und das Fehlerprogramm laufen zu lassen. Aus Erfahrung wußte ich aber leider schon, dass ich auch genauso gut den Monitor hätte ein- und ausschalten können. Auch den Trick mit dem Modem zurücksetzen hatte ich schon probiert. Also war dieser T-Online-Mitarbeiter am Ende seines Lateins und verwies mich an eine andere Nummer, die mir natürlich noch nie untergekommen war. Dort wiederum kam man dann endlich auf den Gedanken, dass der Fehler ja bei T-Online liegen könnte und versprach mir, sich darum zu kümmern. Sollte der Fehler in zwei bis drei Stunden nicht behoben sein, sollte ich nochmal anrufen. Ich ahnte Böses, denn es war Freitag nachmittag und ebenfalls aus Erfahrung wusste ich, wie wenig an Wochenenden von T-Online zu erwarten ist.

Um mich abzulenken ging ich erstmal baden. Während ich so in der Wanne lag und über Alternativen zur Mongolei nachdachte, stieg völlig unvermittelt eine Einsicht in mir hoch: Finanzminister Eichel (übrigens Nichtraucher) will doch mit den drei Milliarden, die er durch die Erhöhung der Zigarettenpreise einnimmt, die Sicherheit in Deutschland gewährleisten. Das heißt doch, dass wir Raucher jetzt hoch angesehene Leute sind. Sozusagen sind wir im sozialen Stand gestiegen. Wird man uns jetzt auf der Strasse ehrfürchtig ansehen, wenn wir rauchend spazieren gehen? Uns erlauben, überall zu qualmen? Wird man jede weggeworfene Kippe aufsammeln und Dukaten gleich behandeln, als Symbol innerer Sicherheit und Souveränität? Wird man Bücher wie »Endlich Nichtraucher« verbieten? Ich sah schon die Plakate vor mir: »Rauchen für die Sicherheit«, »Raucher an die Macht«, »Je mehr man raucht, umso sicherer sind wir«... Jetzt verstehe ich auch, warum die Engländer in Griechenland immer soviel Zigaretten kaufen: Nicht weil die da billiger sind, nein, sie wollen nur für mehr Sicherheit im Urlaubsland sorgen.

Aber meine Einsicht wurde schnell durch Zweifel erschüttert: Vielleicht will uns Eichel ja auch bestrafen, und für ihn sind wir Raucher das terroristische Weltrisiko? Warum gerade wir? Plötzlich rasten meine Ideen: Wäre Deutschland nicht viel sicherer, würde man die Miet-, Kaffee-, Obst-, Gemüse-, Wasser-, Brot-, Milch- und Fleischpreise erhöhen? Mein Gott wären wir dann sicher! Wir wären dann so verdammt sicher, dass jeder seinen eigenen Polizisten, BND-Mitarbeiter und Bombenexperten bei sich zu Hause hätte. Aber was macht Eichel, er nimmt die Sache nicht ernst und schröpft nur die Raucher. Wie kurzsichtig von ihm. Aber er hat uns ja in der Hand, er kann das Lösegeld für eine Packung immer höher schrauben. Warum erpresst er nicht mal die Zuviel-Fleischesser, die Zuviel-Kaffeetrinker, die Zuviel-Süßigkeitenesser oder die Zuwenig-Sportler und Zuviel-Sportler? Fragen über Fragen. Müsste er uns nicht dankbar sein, dass die Raucher ihm soviele Arbeitsplätze (Tabakindustrie, Transport, Krankenhäuser, Werbung) sichern, ergo noch mehr Steuereinnahmen, Wirtschafts- und Kaufkraft?

Während ich aus der Wanne stieg und mich abtrocknete, gingen mir noch mehr Fragen zu diesem Thema durch den Kopf. Bebademantelt stapfte ich zum Computer und versuchte mal wieder mich einzuwählen, und ... es klappte natürlich nicht. Die Welt war schlecht. Unzufrieden mit T-Online und Gott ging ich ins Schlafzimmer um mich anzuziehen. Ich nahm mir vor, mich nicht aufzuregen, ganz ruhig zu bleiben und abzuwarten. Die zwei Stunden waren ja noch nicht um. Auf dem Bett sah ich unsere Katze sitzen. »Na mein liebes, kleines, schnuckeliges Fellknäuel, du.« Ich streichelte sie erstmal ausgiebigst und spielte ein wenig mit ihr. Ist es nicht schön, wie Haustiere einem die Lebensfreude wiedergeben können? Ganz unvermittelt war mein Ärger schon wieder verflogen, und ich fühlte mich gut. Ich ging um das Bett herum ... und sah ... das, was die Katze bis vor kurzem noch in ihrem Magen hatte.

Wie ist das eigentlich mit der Mongolei, braucht man da eine Greencard?



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Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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