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15.01.02

Guido Heyn

Haben Sie schon mal Handy-Tarife verglichen?

Ich weiß noch genau, wie alles anfing, die Elektronik-Kette Saturn warb mit folgendem, harmlos erscheinenden Schild:

2 x Nokia 3310
plus
Playstation 2
für nur 99,- DM / 50,- Euro
bei Abschluß eines
Genion-Duo-2-Jahresvertrages

Da begann ich ernsthaft zu überlegen, ob ich nicht doch von meinem billigen E-Plus-Karten-Handy auf einen Handy-Vertrag wechseln sollte, zumal mich die Playstation 2 (Ladenpreis 600 DM / 300 Euro) magisch anzog. Aber nichts übereilen, entschied ich und begann meine Recherchen im Labyrinth der Handy-Tarife.

Bei jeder sich jetzt nur bietenden Gelegenheit schnappte ich mir Flyer, Prospekte und Zeitschriften über Handys, Tarife und Zubehör. Las jeden Artikeln und jede Anzeige; kein Fernsehbericht, den ich verpasste. Schnell sah unsere Wohnung aus wie eine Werbeagentur. Meine Lebensgefährtin meldete erste Bedenken an: Ob das nicht ein wenig übertrieben sei, fragte sie mich. Ha, sie hatte ja keine Ahnung. Kurz erklärte ich ihr einige Grundsätzlichkeiten zu den Tücken der verschiedenen Tarife und schnell suchte sie das Weite.

Ich ließ auch keine Gelegenheit aus, zum Beispiel beim Familien-Einkaufsbummel in der Innenstadt, mich von diversen D2-, E-Plus-, D1-, Genion-Verkäufern beraten zu lassen. Da kam es dann natürlich schon mal vor, dass meine Freundin mit Töchterchen ohne mich nach Hause fuhr und dann eine Weile nicht mehr mit mir redete. Nicht schlimm, dachte ich, das geht wieder vorbei und so habe ich wenigstens Ruhe zum studieren der Best-City-Preise. Einmal war sie sogar eifersüchtig auf mich, weil ich angeblich einer D1-Verkäuferin mehr Beachtung geschenkt hatte als ihr in den letzten 14 Tagen. Das stimmte so natürlich nicht. Ich kann mich nicht mal mehr an das Gesicht der Handy-Dealerin erinnern. Ich weiß nur noch, dass sie verdammt geschickt argumentieren konnte. Wir hatten uns ein nettes Duell bezüglich Wochenendtarifen geliefert. Sie kannte ihre Waffen gut, aber ich verstand es geschickt, mich abwechselnd mit D2 und E-Plus zu verteidigen. Als ich dann versuchte, ihr den E-Plus-Time-and-More-120-Tarif zu verkaufen, wurden wir beide etwas lauter und ich aus dem Laden entfernt. Es gab also wirklich keinen Grund zur Eifersucht. Aber immerhin kann ich mich an diese Verkäuferin noch grob erinnern. Die anderen netten jungen Männer (die meisten jünger als ich), alle im schicken Anzug (derselbe Ausstatter?), mit modischem Kurzhaarschnitt (derselbe Friseur?) verschwimmen in meiner Erinnerung zu einer grauen Masse, und ich vermute, dass sie alle miteinander verwandt sind oder aus dem selben Klon-Labor stammen.

Foto (Mobiltelefone)

Tarifvergleich

Foto von Guido Heyn

Je weiter meine Forschungen voranschritten, umso gereizter, übelgelaunter und unansprechbarer wurde ich, ich gebe es ja zu. Aber ist das nicht verständlich? Versuchen Sie mal da durchzublicken! Nicht nur, dass es jede Menge verschiedener Tarife gibt – die dann noch mit Varianten – und man auf das Handy achten muss, welches man kostenlos dazubekommt oder kaufen muss – nein, kaum hat man da ungefähr den Überblick, verändern die Anbieter ihre Tarife schon wieder und man kann von vorne anfangen. Zumal ich bei der Durchsicht der D2-Rechnungen meiner Freundin alsbald merkte, dass sie einen für ihre Bedürfnisse viel zu teuren Tarif hatte. Nach Rücksprache mit ihr suchte ich von nun an auch für sie einen neuen Tarif. Was die Sache für mich nur noch umso komplizierter machte, da ihr Vertrag ja bei derselben Firma sein sollte wie mein Vertrag, sonst würden die Telefonate zwischen uns zu teuer. Aber wir sind völlig unterschiedliche Telefonier-Typen mit völlig unterschiedlichen Bedürfnissen bei den Verträgen. Naheliegend war plötzlich wieder der Genion-Duo-Tarif mit den zwei Handys, eines für mich und eines für meine Freundin – die Playstation 2 lockte schon wieder und näherte sich meinem Wohnzimmer bedrohlich nahe. Aber ich blieb standhaft, dieser Genion-Vertrag war für uns nicht gerade günstig, wenn es ums telefonieren ging. Playstation hin oder her.

Nachdem ich schon drei Wochen über Tarifen brütete und langsam völlig die Orientierung im SMS-39-Pfennig-Bereich verlor, entdeckte ich im Internet diverse Seiten, die angeblich den besten Tarif errechnen könnten – leider waren diese Seiten unterschiedlicher Meinung, welcher Tarif für uns denn der beste sei. Diese Seiten begann ich nun zu vergleichen und auswendig zu lernen, schlief kaum noch und wenn, dann brabbelte ich im Schlaf Werbetexte vor mich hin, berichtete mir wenigstens meine Freundin. Da blieb nur eines: Ich meldete mich auf Arbeit krank. So hatte ich endlich mehr Zeit für meine heilige Aufgabe und tagsüber waren meine Freundin und ihre Tochter ja nicht da, so konnte ich ungestört arbeiten.

Vier Tage arbeitete ich ununterbrochen. Ich wollte langsam zum Ende kommen und endlich den besten Tarif finden. Aber ich verbiss mich immer wieder in den Feinheiten wie Gesprächsguthaben, Taktung, Mindestgesprächsumsatz, Inklusivminuten, Homezone, Local-Gespräch, Anschlusspreis, BestCity oder BestCitySpecial. Und die Angabe sämtlicher Preise mal in D-Mark, mal in Euro, dieses in unterschiedlicher Reihenfolge, machte mir die Sache nicht gerade leichter. Und dann die ganzen Fußnoten, oh mein Gott. Es wimmelt förmlich bei den Tarifen nur so von Fußnoten. Meistens sind sie in den Prospekten natürlich nicht auf der Seite, auf die sie sich beziehen – man will es den Kunden ja nicht zu einfach machen.

Mein linkes Auge begann zu zucken und ich schlief nicht mehr. Baldrian wurde zu meinem Grundnahrungsmittel, zeigte aber keinerlei Wirkung. Ab und zu versuchte meine Freundin mit mir zu reden, aber ich hörte kaum hin. Ich konnte einfach nicht. Sie lenkte mich nur ab. Sie weinte und machte mir Vorwürfe. Ich dachte nur: Aber dereinst, wenn ich auf dem Olymp stehe und den allerbesten der besten Tarife gefunden habe, werden all die Spöter vor mir knien und mich beneiden und um meinen Rat betteln...

Als sie mich auf die Barre schnallten und aus der Wohnung schafften, hatte ich nur einen Gedanken: Hoffentlich hat meine Freundin, als sie den Arzt anrief, vorher die 01051 gewählt (nur 1,5 Cent die Minute) oder aber wenigstens nicht länger als eine Minute telefoniert.

Tja, und nun sitze ich hier in diesem weißen, fensterlosen Raum, die Arme auf den Rücken geschnallt und habe nicht mal einen einfachen, blöden Festnetzanschluss von der Telekom.



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Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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