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15.09.01

Guido Heyn

Fernsehkultur

Gestern Abend, 14. September 2001, auf den Fernsehsendern kehrt nach den Terroranschlägen in den USA langsam wieder Normalität ein. Ob das so gut ist, bleibt fraglich. Zum Glück laufen auf der ARD jetzt wieder Filme. Nicht weil ich die unbedingt sehen will, sondern einfach, damit die Nachrichtenredaktion jetzt nicht mehr ständig hinter dem Moderator in einer Endlosschleife die Katastrophen zeigen kann. Ich glaube das war bisher noch nie der Fall, dass man ein Attentat visuell dermaßen ausgeschlachtet hat. Wie bei einem animierten GIF auf Internetseiten wiederholten sie die Bilder des Schreckens immer und immer wieder. Geschmackloser geht es kaum noch. Gibt es niemanden, der so etwas hinterfragt?! Was denken Hinterbliebene wenn sie die letzten Momente ihrer Angehörigen so sehen?

Trotzdem, die Bilder aus Amerika schockieren. Innerhalb eines Augenblicks wurden tausende Leben einfach ausgelöscht. Menschen in New York weinen um ihre Verwandten und Freunde. Ihre Verzweiflung ist fast greifbar.

Es wurde aber nicht nur geweint in den letzten Fernsehtagen, nein, es wurde auch gelacht. Wickert zum Beispiel, die alte Tagesthemen-Tante, fand es immer wieder sehr erheiternd, wenn eine Verbindung oder eine Überleitung nicht klappte. Dann grinste er ungeniert in die Kamera.

Beim ZDF ereifert sich der alte grauhaarige Korrespondent vor Ort – wie jedes Mal – dermaßen, dass ihm fast der Geifer aus den Lefzen läuft. Gut dass er so engagiert seinem Job nachgeht, aber muss er das so rüberbringen, als ginge es um etwas Positives? Die Freude steht ihm fast ins Gesicht geschrieben.

DSF bringt wieder einen Fernsehhöhepunkt: Wrestling.

Auf Pro 7 sollte heute eigentlich ein Katastrophenfilm aus den USA laufen, irgendwas über eine Flutwelle oder so. Sie haben das natürlich nicht gebracht, sondern anderen Müll aus dem Spielfilmkeller geholt, und der Keller ist verdammt groß.

Bevor ich mich ins Bett begebe, wage ich noch einen Zapp-Versuch durch die über 30 Sender. Bei TM 3 bleibe ich hängen, eh einer der interessantesten Sender des 21. Jahrhunderts, wie ich finde. Wieder mal gibt es ein Spiel mit einem Zuschauer am Telefon und zu gewinnen gibt es 200 DMchen. Was muss er tun? Also: Er spielt ein PC-Spiel, ein Hahn geht durch eine Bauernhoflandschaft und er muss ihn mit Richtungskommandos dirigieren. Dabei kommt er an diversen Hennen vorber, wobei diese allerdings Brüste haben und wann immer er eine Art Bonus bekommt, darf er sich eine der Hennen schnappen und äh, vögeln; passender kann ich es nicht sagen. Dies geschieht allerdings ganz menschlich in der Missionarsstellung.

Es ist also wieder der ganz normale Fernsehwahnsinn eingekehrt, nach dem Fernsehwahnsinn der Attentatsberichterstattung. Ich beschließe noch ein bisschen zu lesen – ich mag keine Bilder mehr sehen – und dann ins Bett zu gehen.

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Guido Heyn

Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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