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19.02.10

Guido Heyn

Ost-Berlin, 1979 – das Ende der Welt (eine wahre Geschichte)

Als ich zehn war, wurde mir das Herz zum zweiten Mal gebrochen: Meine herzallerliebste Claudia war weg. Einfach so, von heute auf morgen, ohne Vorwarnung, ohne Verabschiedung. Unsere Klassenlehrerin teilte uns nur kurz mit, dass Claudias Vater in den Westen abgehauen war und sie ihm folgen würde. Claudia war so toll, so hübsch, so gebildet – wir blätterten so gern zusammen in Kunst- und Tierbildbänden – und so engelsgleich. Sie war einfach ein Mädchen. Kurze Zeit zuvor hatte ich ihr erst – ungelogen – den üblichen Zettel mit der Frage gegeben, ob sie mit mir gehen wolle. Sie hatte zwar spontan »Nein« gesagt, aber trotzdem war sie doch immer noch meine liebste Spielkameradin. Das mit dem Miteinandergehen war mir damals als komplexes Gebilde eh nicht so ganz klar gewesen. Auch welche Konsequenzen das wohl hätte und wie es mein Leben verändern sollte. Aber man machte das so mit den Mädchen, das wusste ich, also versuchte ich mein Glück bei ihr. Dass sie »Nein« gesagt hatte, nahm ich ihr nicht übel. Wir spielten ja trotzdem weiter zusammen.
Und jetzt war sie fort, für immer. Ich verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte das sein?!

Das mit Ost und West hatte ich damals noch nicht kapiert. Und das, obwohl im Stadtteil Treptow um den Schmollerplatz herum, wo ich aufwuchs, in drei Richtungen die Mauer zu sehen war. Es gab nur zwei Straßen, die aus diesem eingemauerten Karree herausführten. Die Mauer war für uns Kinder so alltäglich wie die Häuser oder der Bäcker. Man konnte mit dem Fußball dagegen schießen, mit Kreide dran malen und Steine auf sie werfen. Manchmal ging ein Ball im Eifer des Gefechts auch schon mal rüber. Selten war dann gerade ein Grenzer in der Nähe und nett genug, um den Ball zurück zu werfen. Als ich noch kleiner war, dachte ich, dort wo die Grenze ist, ist die Welt zu Ende. Andererseits hatte ich aber auch im Fernsehen gehört, dass die Welt unendlich sein soll. Und man konnte hinter der Grenze ja auch Häuser sehen. Das alles passte für mich nicht zusammen. Ich nahm mir vor: Wenn ich größer bin, dann nehme ich mir eine Leiter und gucke mir an, was nach dem Ende der Welt kommt, also nach der Mauer. Ich wollte die Unendlichkeit erforschen.

Mit zehn hatte ich solche Pläne nicht mehr. Jetzt, wo Claudia weg war, beschloss ich, mich wieder auf meine anderen Interessen zu konzentrieren: Fußball, Jules-Verne-Bücher und Indianer-Filme. Damals entdeckten wir Jungs in der Klasse gerade die Welt der DEFA-Indianer-Filme. Wir kannten ja alle die Winnetou-Filme, guckten wir doch fast ausschließlich West-Fernsehen. Aber nachdem wir Gojko Mitic gesehen hatten, war klar, dass unser Ost-Indianer viel cooler und kräftiger war als der West-Häuptling mit seinen albernen Klamotten. Bei einem realen Kampf hätte Winnetou doch nie 'ne Chance gehabt, jetzt mal ehrlich.

Trotzdem vermisste ich Claudia. Und durch sie wurde ich schmerzlich an Susanne erinnert. Sie brach mir das Herz, als ich acht war. Oder besser, ihre verdammten Eltern taten es, denn sie zogen einfach um. Zwar innerhalb Berlins, aber in einen anderen Stadtteil, nach Mitte. Für einen Knirps wie mich war das wie ein anderer Kontinent. Wir schworen uns zwar, uns zu besuchen, taten es aber doch nie. Dabei hatten wir doch Pläne, wollten natürlich heiraten und hatten uns sogar schon einmal geküsst. Auf dem Spielplatz im Gebüsch. Und dann zog sie weg. Aber von Susanne zumindest konnte ich mich verabschieden.

Würde das jetzt immer so weitergehen mit den Mädchen, fragte ich mich. Würden sie immer einfach so verschwinden, gerade wenn ich eine lieb gewonnen hätte?

Gesamteinschätzung

Guido zeigte sich in diesem Schuljahr aufgeschlossener und lernbewusster. Er arbeitete gleichbleibend ordentlicher und hat seine Leistungen steigern können. Durch seine vielseitigen Interessen hat er einen festen Platz im Kollektiv, welches ihn achtet und anerkennt. Gründliches Überlegen lässt ihn das Wesentliche eines Schachverhalts erkennen und selbständig Zusammenhänge aufdecken. Beim Sport zeigt er großen Kampfgeist. Für die außerschulische Arbeit braucht er die Bekräftigung aller Erziehungsträger und die Empfehlung, im nächsten Jahr eine Arbeitsgemeinschaft zu besuchen.

Betragen: gut; Ordnung: gut; Fleiß: gut; Mitarbeit: gut

Zum Zehnjährigen

... von kolumnen.de drehen sich die Kolumnen in dieser losen Reihe um den zehnten Geburtstag: Ob der eigene zehnte Geburtstag, ein historischer Moment, eine erste Liebe ...



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Guido Heyn

Geboren? Ja. Und zwar in Berlin, damals noch im fernöstlichen Teil. Ein 69er ist er. Er hat damals aber nur gegen dreckige Windeln demonstriert.

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