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30.08.02

Guido Heyn

Trainingsprogramme für Berufseinsteiger

Ich war ja schon immer der Meinung, wir sollten alle Trends, die aus den USA kommen, wirklich alle, vorbehaltlos übernehmen. Zum Glück sehen die Politiker das ja nun langsam ein (Kanzlerkandidaten-TV-Duell), und so sind sie auch auf dem besten Wege die Sozialleistungen in Deutschland nach und nach abzuschaffen. Gut so, wozu Steuergelder verschwenden, die man doch besser für die schwer schufftenden Volksvertreter verwenden sollte, zum Beispiel um die Diäten zu erhöhen. Dass man bei den Bezügen von Politikern von Diäten spricht, halte ich ja noch immer für einfach genial. Diäten klingt doch sofort nach weniger. Sowas muss einem erstmal einfallen. Wären die Politiker doch bloß in den Fragen der aktuellen Politik so einfallsreich. Aber ich schweife ab.

Das aktuellste Beispiel für nachahmenswerte Innovation aus den USA: Die Army bietet im Internet ein Programm zum kostenlosen Download an, bei dem man in der Rolle eines Rekruten die Grundausbildung in der US Army absolviert. Eine Werbeaktion für die PC-Generation, die endlich mal ihren Hintern hochbekommen und in den Armeedienst ein- und den Feinden in den Arsch treten soll. Das Interessanteste an dem Programm ist natürlich die Schießausbildung. Es wundert nicht, dass der Army-Server innerhalb kürzester Zeit nach Bekanntwerden dieses Programms hoffnungslos überlastet war. Tausende Downloads legten ihn lahm; diesen Egoshooter wollte sich niemand entgehen lassen. Ob die Army damit wirklich Leute bewegen kann, Berufssoldat zu werden, wage ich zu bezweifeln: so blöd kann man einfach nicht sein.

Aber nachahmenswert finde ich die Idee auf jeden Fall. Nicht unbedingt für die Bundeswehr, denn da will sowieso keiner hin (außer Scharping; die Betroffenheit war den Soldaten bei der feierlichen Verabschiedung von ihrem geliebten Verteidigungsminister ins Gesicht geschrieben), aber für alle anderen Berufsgruppen. Stellen Sie sich doch bloß mal das Potenzial vor.

Angehende Sekräterinnen könnten mit einem entsprechenden Programm vorab schon mal Zehnfinger-System, Hotelbuchungen, Steno, Briefe schreiben und Kaffeekochen üben (in der ab-18-Version dann das mit der Zigarre).

Möchtegern-Politiker absolvierten einen Rhetorikkurs, gäben Interviews, suchten sich Anzüge aus und im Actionteil planten sie dann Schwarzgeldübergaben an diskreten Plätzen (in der ab-18-Version nützten sie die Flugbereitschaft für heiße Liebesnächte).

Oder zukünftige Lehrer könnten Lehrpläne aufstellen, Hausaufgaben korrigieren, die Formulare für Frühpensionierung und Aufnahme bei der Anonymen Alkoholikern ausfüllen (in der ab-18-Version müssten sie sich gegen gewalttätige Schüler zur Wehr setzen).

Wer sich für EDV-Administration interessiert, lernte Netzwerke zu planen, PCs zu reparieren und sich mit der Microsoft-Hotline auseinanderzusetzen (in der ab-18-Version dürften sie die dümmsten User verprügeln).

Zukünftige Pfarrer führten Taufen durch, schrieben und hielten Predigten und dürften im virtuellen Fernsehstudio das »Wort zum Sonntag« sprechen (in der ab-18-Version kämen dann die Sachen mit den Chorknaben).

Wer sich weigert von seinen Spielzeugautos zu trennen und unbedingt Truckerfahrer werden wollte, lernte die Verkehrsregeln (würde bei der Führerscheinprüfung anerkannt), die Manipulation von Fahrtenschreibern, die Top-Ten der Raststätten mit den geilsten Bedienungen und bekäme eine Einführung in deutsche Countrymusik (in der ab-18-Version gäbe es dann einen blutigen Auf-dem-Highway-ist-die-Hölle-los-Modus).

Polizei-Interessierte lernten Parksünder aufschreiben, das Gesetz kennen, Verbrecher jagen und natürlich auch Schießen und Selbstverteidigung (in der ab-18-Version würden dann Demonstranten verprügelt und Verhöre der strengeren Art durchgeführt).

Wer sich für den Berufsweg der Beamten entscheidet, würde in die Irrwege der Verwaltungen und Dienstwege eingeführt, sortierte und legte Formulare ab und dürfte sich in dem Programm dann im Schlafmodus entspannen (in der ab-18-Version gäbe es eine dufte Weihnachtsfeier mit Pollonaise).

Die Friseurinnen von morgen lernten Locken wickeln, Haare färben und schneiden und könnten sich am Ende aus der Galerie einen Manta- oder Golf-GTI-Fahrer nach ihren Vorstellungen zusammenstellen (in der ab-18-Version würde es nach Ladenschluß hochhergehen).

Angehende Hausmeister bekämen Unterricht in griesgrämig-und-streng-gucken, spielende Kinder verscheuchen, das Anbringen von Verbots-Schildern jederart und wie man die Mieter ausspioniert, ein bißchen was handwerkliches könnte wohl auch dabei sein (in der ab-18-Version dürften auf-den-Rasen-kackende Hunde erschossen werden).

Aufstrebende Verkäuferinnen und Verkäufer absolvierten ein Spezialtraining im herablassenden und autoritären Kundenverkehr, Ware so sortieren, dass Kunden nichts finden (Untentbehrlichkeitsgebot) und Ware trotz Sicherheitsvorkehrungen mitgehen lassen (in der ab-18-Version dürften Kundensätze wie »Ich hätte gern eine Frage.« mit entsprechenden gewalttätigen Mitteln beantwortet werden).

Und wer sich doch wieder Erwarten über den Beruf des Postboten informieren wollte, lernte erstaunlich viel: Einführung in die Graphologie, Dechiffrierung von Adressen (oft unterschätzt), wie man Briefe öffnet und wieder verschließt ohne Spuren zu hinterlassen und das Abzweigen von Nachnahmebeträgen in die eigene Tasche (in der ab-18-Version gäbe es einen Waffenmodus gegen Hunde).

Aber auch Selbständige wären eine lukrative Zielgruppe: Zum Beispiel die zukünftigen Besitzer von Trinkhallen/Kneipen/Imbißbunden (aus Kostengründen in einem Programm zusammengefaßt) bekämen die Grundlagen für das Schleppen von Bierkästen, Führen von intensiven Gesprächen über die Bild-Zeitungsinhalte beim Trinken, Zubereiten von Fertiggerichten und das Saufen vermittelt (das Programm wäre so klein, dass es per E-Mail verschickt werden könnte).

Oder Studenten, die sich was nebenher verdienen wollten, könnten das Programm »Kellner« bestellen: Enthalten wären etwa Kurse wie Trinkgeld bekommen trotz miesem Service, Taubstellen für Anfänger, geschicktes Verrechnen bei der Rechnung und Reklamationen ignorieren (in der ab-18-Version dürfte in das Essen gespuckt werden).

Da stecken enorm viele Möglichkeiten drin. Arbeitplätze in der IT-Branche würden entstehen und da die Programme überall frei verkäuflich wären, käme auch endlich mal wieder Geld in die verschuldete Staatskasse. Denn wer von uns möchte nicht seinem Berufsalltag entfliehen und nach Feierabend zur Entspannung einen ganz anderen Beruf ausüben, zum Beispiel Gefängniswärter in Guatemala oder Richter in Argentinien.

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Guido Heyn

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