Für sportliche Höchstleistungen bin ich nicht geschaffen. Keine Disziplin, in der ich je auf dem Siegertreppchen gestanden hätte. Den Sport-Bambi 2009 musste ich den Klitschko-Brüdern überlassen. Bei ihren Dankesreden schaltete ich ab. Donnerschlag! Da kann ich nicht mithalten.
Obwohl ich mein Glück versucht hatte. Vor Jahren, lang ist es her, hatte ich eifrig trainiert. In einem Schachverein. Ich suchte den Erfolg ohne blutige Nase. Schach erschien mir nicht so ruppig. Leider hat mir alles Üben nichts genutzt. Wie die Figuren auf dem karierten Brett zu bewegen sind, ist mir gerade noch geläufig, doch zu mehr als einem regelgerechten Durcheinander auf den 64 Feldern bin ich außerstande. Damit kann ich keinen Preis gewinnen. Meine Partien mit der Eleganz des königlichen Spiels in Verbindung zu bringen, wäre pure Hochstapelei.
Schach war damals eine Männerdomäne. Frauen kamen im Vereinsleben nur wenige vor. Sprachlich gesehen gar keine, und das war ihnen ganz egal. Jedenfalls hatte sich bis zum goldenen Vereinsjubiläum niemand darüber beschwert, dass die weiblichen Mitglieder nicht gesondert angesprochen wurden. Wenn die Schachspieler zu den Meisterschaftskämpfen gerufen wurden, griffen auch die Damen zu den hölzernen Figuren. Und die alljährliche Einladung der Schachfreunde zur Weihnachtsfeier hielt keine Schachfreundin davon ab, bei Christstollen und Glühwein kräftig zuzugreifen.
Bis der Frauenanteil im Club stieg und die emanzipationsbewegte Weiblichkeit nach Gleichstellung rief. Dann kam Bewegung in den Sprachgebrauch. Bei einer Mitgliederversammlung steckte der Knallbonbon in der Rubrik Verschiedenes. Das ist die Wundertüte jeder Tagesordnung. Lautstark wurde das Thema diskutiert. Als ein Vorstandsmitglied die Anwesenden als »liebe Mit- und Ohne-Glieder« ansprach, flogen die Fetzen. Diese Art der Geschlechtertrennung war nicht jederfrau Humor. Auch das Satirelächeln im Gesicht des Redners konnte sie nicht besänftigen. Während die Männer sich mit überbordender Heiterkeit die Bügelfalten aus den Trevirahosen klopften, kramten die Verfechterinnen der sprachlichen Gleichstellung der Geschlechter in ihren Handtaschen nach Wurfgeschossen. Mit Puderdöschen und Lippenstiften bombardierten sie den Vorstandstisch. Nur »Kirschlikör für alle« auf Rechnung des Vorsitzenden und die Bildung eines Arbeitskreises konnten die vollständige Verwüstung der Tagungsstätte gerade noch verhindern. Die Binnenmajuskel, ein Großbuchstabe im Inneren des Wortes, also MitgliederInnen, wurde von der Majorität der Männer schon an diesem Abend abgelehnt. Bei der dritten Runde der vitaminreichen Fruchtspirituose war der Streit vergessen. Keiner der Schachspieler ahnte, wohin das führen sollte. Auch nicht die -innen.
Heute genügt es, die Tageszeitung aufzuschlagen oder den Fernseher einzuschalten, und das Übel ist unübersehbar. Überall wird peinlich darauf geachtet, Männlein und Weiblein gleichermaßen zu bedienen. Politiker sind darin unschlagbar. Die Bundeskanzlerin sorgt sich um das Wohl ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger, der Gesundheitsminister rackert sich ab für die Beitragszahlerinnen und Beitragszahler in der gesetzlichen Krankenversicherung, der Finanzminister greift den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern in die Taschen und der Verkehrsminister hat seine liebe Not mit den Raserinnen und Rasern auf den Autobahnen. Die Wahlkampfreden auf den Marktplätzen richten sich, ordnungsgemäß gleichgestellt und je nach dem Ort der Veranstaltung, beispielsweise an die »Bonnerinnen und Bonner«, was selbst ungeübten Rednerinnen und Rednern noch mühelos über die Lippen kommt, an die »Hannoveranerinnen und Hannoveraner«, wofür eine zumindest kurze Sprechausbildung nicht schaden kann, oder an die »Villingen-Schwenningerinnen und Villingen-Schwenninger«, was nur in der schwäbisch-alemannischen Mundart im Ländle liebenswert klingt, den Einheimischen in amtlicher Sprechweise aber vorkommen muss wie eine Therapieübung in der Sprachheilkunde. »Wir können Alles. Außer Hochdeutsch.«
Wozu diese gestotterten doppelten Portionen? Das dürfen Sie mich nicht fragen. Wo es doch sonst oft einfacher geht.
Politiker, die ihre Versprechen nicht einhalten, reden nie von Wählerinnen- und Wählertäuschung. Für sie sind das Sachzwänge. Oder politische Vernunft. Auf den Punkt gebracht, ohne Verzierungen.
Und mit kakaohaltiger Fettglasur ummantelter klebrig-süßer Eiweißschaum mit Waffelboden heißt jetzt Schokokuss. Kurz und knapp. Das erspart den umständlichen Negerinnen- und Negerkuss. Sprechen Sie so einen Zungenbrecher mal aus, wenn Ihnen auf dem Kindergeburtstag gerade einer in den Mund katapultiert wurde.
Man muss das Weibliche nicht immer besonders betonen. Das kann schnell zu viel werden. Wie bei einem Reporter des ZDF-Wochenjournals am 28. November 2009. Weil ich die Bambi-Verleihung zwei Tage zuvor schon bei den Klitschkos abgedreht hatte, erzählte er mir, was sonst noch passiert war an dem festlichen Abend. Aus dem Hintergrund kommentierte er Bilder der britischen Schauspielerin Kate Winslet, die freundlich in die Kameras des öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus lächelte und angestrengt lauschte, was ihr der Übersetzer in ihren sprechenden Ohrstöpsel flüsterte. Sie wurde ausgezeichnet für ihre Rolle in der Verfilmung des Bernhard-Schlink-Romans Der Vorleser. Buch und Film erzählen die Geschichte der tragischen Liebesbeziehung zwischen dem zu Beginn der Handlung fünfzehnjährigen Michael Berg (Darsteller: David Kross) und der zwanzig Jahre älteren Hanna Schmitz (Kate Winslet), einer Analphabetin, der Michael bei ihren Zusammentreffen aus Büchern vorliest. Dem ZDF-Reporter war der Filmtitel nicht recht geheuer. Einer so reizenden Schauspielerin einen Bambi zu verleihen für einen Film mit einem männlichen Titel, das mochte er seinen Zuschauerinnen und Zuschauern nicht zumuten. Darum freute er sich in seiner Reportage mit »Kate Winslet, die in Deutschland für den Film Die Vorleserin vor der Kamera stand.« Da war die sprachliche Gleichstellung der Frau aus den Fugen geraten. Oder war der Kommentator in seiner Sprecherkabine nur nicht richtig im Bilde? So ein Pech für ihn. Das wäre den Klitschkos nicht passiert.