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10.02.10

Joachim Hübner

»Als ich so alt war wie Du ...«

kolumnen.de wird 10! Ein Grund für gute Wünsche: dass weiterhin alles laufen möge wie geschmiert, dass die Autoren erhalten bleiben und die Leserschaft treu, dass bei beiden Nachwuchs nicht ausbleibe, und dass alle Computermäuse der Welt auch in Zukunft zahlreich und begeistert auf kolumnen.de klicken, so wie Deine Leser und Schreiber beim Blitzlichtgewitter am Rand des roten Teppichs, den sie in Gedanken zu Deinen Ehren ausgerollt haben, auf die Auslöser ihrer Kameras.

Doch damit nicht genug der feierlichen Worte. Zu der runden Hausnummer, zu der ich Lusche aus dem Kartenstapel der Autoren das Trumpf-As in unserer Mitte bejubele, kann er mehr erwarten, Guido Grigat, der Herbergsvater unseres Kolumnistenheims im we-we-we. Ein Text-Junkie mit Sammeltrieb, der kolumnen.de auf die Web-Welt gebracht und zum Teenager aufgepäppelt hat. Salbungsvoll muss die Grußadresse ja deswegen nicht gleich ausfallen, aber ein paar mehr Sätze, als auf einer einfallslosen Klappkarte mit zehn bunten Luftballons und vorgedrucktem Glückwunschtext Platz finden, hat das Geburtstagskind sich schon verdient.

Aus dem Kreise der Autoren kam die Anregung, die Grüße zum Zehnjährigen mit Erinnerungen an den eigenen zehnten Geburtstag zu verbinden. An sich ein entzückender Gedanke, nur leider nicht ganz unproblematisch für Schreiberlinge im vorgerückten Alter. Die Veranstaltung ist für Kolumnisten jenseits der Lebensmitte nicht geeignet! Bei dem heißen Streifen dürfte die Seniorentruppe gar nicht ins Kino gelassen werden. Wer schon so viele Sprossen der Lebensleiter erklommen hat, dem erscheint das in einer Töpfergruppe der Volkshochschule handgemalte Bitte 3mal klingeln auf dem Schild an der Himmelstür schärfer als die Erinnerungen an den unteren Teil der Stiege.

Aber für Dich, liebes junges kolumnen.de, will ich mich überwinden und hinabschauen in den Abgrund der Kinderzeit. Vielleicht erkenne ich ja durch die Glasbausteine der Kassenbrille doch noch ein paar Details. Nein, so wird das nichts. Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich meine Brillen von Anfang an woanders kaufen. Mit zusammengekniffenen Augen? Ja, so geht es besser. Ängstlich festgekrallt hänge ich hier oben in der dünnen Luft. Wenn ich schwindelfrei wäre und von Höhenangst nichts wüsste, wäre ich Hochseilartist geworden oder Extremkletterer, aber kein Kolumnist.

Ich bin gespannt, wie das war an meinem zehnten Geburtstag.

Ah, jetzt sehe ich, was ich geschenkt bekam. Meinen ersten Plattenspieler. Was das ist, willst Du wissen? Stimmt, mein liebes kolumnen.de, Du bist ja erst zehn Jahre alt und wir feiern heute einen Kindergeburtstag. Wie erkläre ich Dir den Plattenspieler? So vielleicht: das war eine Art Grammophon, nur mit 220 Volt statt mit einer Kurbel. Das sagt Dir nichts? Ich fang mal mit der Schallplatte an. Die war in meinen jungen Tagen schon nicht mehr aus Schellack, sondern aus Vinyl gepresst, hatte zwei Seiten, und wenn sie zu oft abgespielt worden war, musste der Tonarm mit einem Radiergummi beschwert werden, sonst ritschte und ratschte die Nadel quer durch die Musik. Ich merke schon, so klappt das auch nicht. Dann eben so: eine Schallplatte war ein schwarzer Download mit Rillen, und ein Plattenspieler eine Musikmaschine mit den Ausmaßen von Käpt'n Iglos Schatztruhe. Verstanden? Na also! Mit der Kiste beschallte ich aus dem Kinderzimmer die ganze Wohnung, und die Nachbarn gleich dazu. Damals in den Hitparaden: Liebeskummer lohnt sich nicht von Siw Malmkvist, mit Samt und Seide in der Stimme sang Peter Alexander von Seide und Samt, und spätestens bei Gerhard Wendlands Bald klopft das Glück auch mal an Deine Tür hämmerte meine Mutter gegen meine: »Stell das Gedudel leiser!« Es gab noch keinen Knopf im Ohr.

Foto (Joachim Hübner)

Joachim Hübner, um 1960

© Joachim Hübner, Foto aus Familienbesitz

Und dann waren da noch vier junge Liverpooler. Die Beatles. Die kamen bei den Eltern nicht gut an. Yeah, yeah, yeah ..., das sei doch keine Musik. Und dazu das Gekreische und Gehampel. Na ja, kein Wunder, bei den Frisuren. Lange Haare seien ja in Ordnung, aber gepflegt sollten sie schon sein. Jetzt kannst Du Dir vorstellen, wie mich der Friseur zu meinem zehnten Geburtstag zugerichtet hatte. Fassonschnitt, Scheitel links, Ohren frei und die Kanten sauber ausrasiert. Grauenvoll.

Den Omas und Opas und Onkeln und Tanten, die zur Geburtstagstortenschlacht angetreten waren, gefiel die Maskerade mit der guten Sonntagshose, dem bügelfreien Nyltesthemd aus knisternder Chemiefaser, das sich auf der Haut anfühlte wie ein Latexlaken im Bordell, dem kratzenden Pullunder aus Tante Paulas Häkelwolle und einer doppelten Portion Pomade im dürftigen Resthaar, das der Schere im Frisiersalon entgangen war. »Was ist der Kleine heute wieder süß!« Als Zehnjähriger will man so was nicht mehr hören. Noch dazu mit langem üüü...üüü. Ich war doch kein Wickelkind mehr.

Als Entschädigung für das ganze Gedrücke und Geschmatze, das Betütern und Liebkosen dienten die Geschenke. Weil meine Eltern ihnen das mit dem Plattenspieler gesteckt hatten, überhäuften mich die versammelten Verwandten mit Schallplatten. Mich hat’s gefreut, und die Feier war gerettet. In voller Lautstärke – »von Quelle, aber der Klang ist ganz ordentlich« – mussten sie sich anhören, was sie angeschleppt hatten. Von Connie Francis war nichts dabei. Tante Gerda bedauerte das bei jedem Stück Kuchen aufs Neue: »Die Barcarole in der Nacht höre ich doch so gerne.« Kalter Kaffee, das war doch schon vom letzten Jahr. Tante Gerda, die gar keine Tante war, aber wegen auf der Ahnentafel um ihren Namen herum seltsam verknoteter Linien – »dat verstohst du nich, mien lütten Schietbüdel« – trotzdem so genannt wurde, tröstete sich mit Buttercremetorte und Sahneschnittchen.

Die Erwachsenen kamen an meinem Zehnten immer wieder zurück auf das Kaffeeklatschthema des Jahres: Kilius/Bäumler. Seit der Silbermedaille bei den Innsbrucker Olympischen Winterspielen am Anfang des Jahres waren die beiden in aller Munde, füllten die Klatschspalten der Lesemappen in den Wartezimmern, auch Kasse, nicht bloß Privat, und wenn der Fernseher nicht schon zwei Jahre im Wohnzimmer gestanden hätte, wäre die Anschaffung jetzt unvermeidlich gewesen. Wenn Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, das Traumpaar des glatten Parketts im westdeutschen Wirtschafts-Wunderland – noch ein we-we-we –, auf blankem Eis pirouettierten, Flips, Lutze und Axel sprangen und das Ganze mit einem doppelten Rittberger krönten wie die kandierte Kirsche den Toast Hawaii, hopste sogar Opa aus dem Lehnstuhl: »Was kümmert mich mein Rheumatismus?« Bei Kilius/Bäumler schien das schwarz-weiße Fernsehbild vor Begeisterung farbig zu schimmern. Aber das war noch vor der Zeit. Buntglotz kam erst drei Jahre später.

Zum Abschied steckte mir jeder noch einen Fünfmarkschein zu. Diese Banknoten waren nur zu dem Zweck im Umlauf, von den Großen für die Kleinen gesammelt zu werden, als Taschengeld für Zwischendurch, nicht nur zum In-die-Hand-drücken, sondern, leichtsinnigerweise, auch zum Postversand im Kuvert mit Marke. Was heute zwei Euro fuffzich sind und gerade mal für einen Klingelton reicht oder für ein paar Wimpernschläge in der Warteschleife beim Rätsel-TV, war damals eine Single wert. Ich habe davon ein kleines Vermögen in die Beatles investiert. Trotz der beanstandeten Pilzköpfe. Schließlich war ich zehn und beinahe erwachsen. Zu jedem Fünfmarkschein gehörten gute Ratschläge, die stets mit den Worten begannen: »Als ich so alt war wie Du ...« Das habe ich so oft gehört, dass ich mir geschworen habe, selbst nie so zu reden.

Jetzt habe ich aber lange genug von der fünfundfünfzigsten Sprosse der Erinnerungsleiter nach unten auf das Jahr zehn gesehen. Meine Augen sind müde und der Nacken steif. Darum wünsche ich Dir, liebes kolumnen.de, für heute nur noch einen vergnügten Geburtstag und danke Dir dafür, dass ich als Autor in Deinem Spielzimmer mit von der Partie sein darf. Dabei habe ich mindestens so viel Spaß wie damals mit dem Brummkreisel in meiner Kinderstube. Du kennst keinen Brummkreisel mehr? Den erkläre ich Dir ein anderes Mal: »Als ich so alt war wie Du ...«

Zum Zehnjährigen

... von kolumnen.de drehen sich die Kolumnen in dieser losen Reihe um den zehnten Geburtstag: Ob der eigene zehnte Geburtstag, ein historischer Moment, eine erste Liebe ...

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Joachim Hübner kam 1954 in schleswig-holsteinischer Kleinstadtidylle auf die Welt. Kaum hatten seine Eltern ihn in Windeln gewickelt, packten sie Nierentisch, Cocktailsessel und Musiktruhe [..]

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