Fußball interessiert mich nicht. Das Trara um die zu Werbezwecken über den Rasen rempelnden Besserverdienenden lässt mich kalt. Sogar Weltmeisterschaften reißen mich nicht vom Hocker. Obwohl das schon mal anders war. Doch seit dem 25. Juni 1982 nehme ich übel. An dem Tag war meine Begeisterung schlagartig im Eimer. Im letzten Vorrundenspiel der Weltmeisterschaft in Spanien hörten die Nationalmannschaften der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs ungeniert auf, ernsthaft Fußball zu spielen, nachdem Deutschland in der elften Minute mit 1:0 in Führung gegangen war. Mit diesem Ergebnis hatten beide Mannschaften die nächste Runde erreicht, was sie mit einer stillschweigenden Übereinkunft besiegelten, sich für den Rest der Spielzeit gegenseitig nicht mehr ans Bein zu pinkeln. Dieser Nichtangriffspakt von Gijón verdarb Algerien die Chance auf den Verbleib im Turnier, und mir den Spaß am Rasensport. Die Schande kann man nicht verzeihen. Jedenfalls nicht so schnell. Wenn ich in diesem Jahr trotzdem ein Auge auf das WM-Treiben werfe, dann nur unter Protest. Und um mitreden zu können. Schließlich will ich auch einmal meinen Senf dazugeben. Was schon am Eröffnungstag voll auf die Hose ging.
Beeindruckenderes als die fidele Tanzeinlage der südafrikanischen Nationalspieler nach dem ersten WM-Treffer im eigenen Land kann ich von den beiden Begegnungen zum Turnierauftakt nicht berichten. Zwischen den Spielen war mehr Remmidemmi. Den Fernseher ließ ich eingeschaltet. Ich blieb am Ball. Daraus wurde ein Fehlschuss.
Vorzüge des Mattscheibenfußballs gegenüber dem Stadionbesuch sind bequemere Sitze und kürzere Warteschlangen vor dem Klo. Ein Nachteil aber lässt sich nicht vom Esstisch wischen: Die Wurstbude für die Pause ist zu Hause nicht inbegriffen. Da wird man selbst zum Vesperwirt. Mit dem Eifer einer kompletten Fußballmannschaft aus dänischen Muppet-Show-Köchen stand ich am Herd und brutzelte. Durch die halbgeöffnete Küchentür mischten sich Wortfetzen von Fernsehweisheiten zwischen das Vuvuzeladröhnen der Dunstabzugshaube. Die ARD lässt nichts aus auf dem Weg zum Qualitätsfernsehen. Das reinste Bildungsprogramm im Ersten.
Anja Kohl, die tägliche Börsenplauderin vor der Tagesschau, hatte zum WM-Start die Bankencomputer anwerfen lassen, um statt Aktienkursen ausnahmsweise den Weltmeister vorherzusagen. Wer Finanzberatern nicht traut, kann sich bestätigt fühlen. Denn einig sind sich die Experten nicht. Hoch im Kurs stehen Brasilien und Spanien. Deutschland? Unter ferner liefen. Irrtum vorbehalten! Also warten wir‘s ab und lassen die Finger von Anjas Börsen-Kohl.
Dagegen war Ranga Yogeshwars Wissen vor 8 alltagstauglich und thematisch abgestimmt auf meine bevorstehende Brotzeit. Als Thixotropie bezeichnet die Wissenschaft die Herabsetzung der Zähflüssigkeit durch mechanische Einwirkungen. So kompliziert, wie es sich anhört, ist das nun auch wieder nicht: Verklumpter Ketchup wird durch Schütteln und Klopfen auf den Flaschenboden wieder flüssig. Besten Dank, Herr Yogeshwar!
Pünktlich zum Anpfiff des zweiten Spiels der Gruppe A saß ich am Esstisch, vor laufendem Fernseher und einer Bratwurst auf dem Teller, goldbraun aus der Pfanne, daneben knusprige Fritten aus dem Backofen. Dekorativ quetschte ich Mayonnaise aus der Sterntülle der Tube. Dann griff ich zum Ketchup, neugierig darauf, mein frisch erworbenes Wissen vor 8 praktisch anzuwenden. Ich schüttelte und rüttelte und trommelte auf den Boden der geöffneten Flasche. So flüssig zu werden, war wirklich überflüssig. Wer konnte ahnen, dass sich die Tomatenpampe bei der empfohlenen Behandlung verhielt wie glutrote Lava aus spuckenden isländischen Vulkanen? Wo war denn die Warnung? Liebe Erwachsene, bitte nicht nachmachen! Mit dem Strahl hätte es die Würztunke gut und gerne bis in die Stratosphäre geschafft. Nur leider nicht aus meinem Wohnzimmer. Die Reise endete an der weißgetünchten Decke. Und an den Wänden. Auf dem Teppich. Auf meinem Hemd und der eingangs bereits erwähnten Hose natürlich auch.
Um mich herum sieht es aus wie nach einer gelungenen Blutgrätsche. Nur weil ich meinen Senf zum Fußball geben wollte, ist alles voller roter Flecken. Für den Rest der WM wünsche ich mir von den Fernsehanstalten ein niveauvolleres Begleitprogramm. Das dürfte nicht zu viel verlangt sein. Auch nicht von mir, der ich mich ja eigentlich gar nicht für Fußball interessiere.