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20.12.08

Joachim Hübner

Schäfer-Gümbel und die guten Ratschläge

Vor einem Monat hat sich der hessische Landtag aufgelöst, um Neuwahlen im Januar 2009 zu ermöglichen. Viel Zeit für das Werben um die Kreuzchen auf den Stimmzetteln bleibt den Parteien nicht. Ein hartes Stück Brot für alle Beteiligten. Auch für den neuen Spitzenkandidaten der SPD. Der ist Fußballfan, Brillenträger und heißt Thorsten Schäfer-Gümbel, war bis dahin weitgehend unbekannt, und um das zu ändern, hastete er vom ersten Tag an von einem Termin zum nächsten, pendelte zwischen Fernsehstudios und Pressekonferenzen hin und her.

Zu Beginn musste er sich, wo er auch auftauchte, fortwährend gute Ratschläge anhören.
Umgehend müsse er sich einen anderen Namen verpassen lassen. Sonst könne er die Wahl von vornherein vergessen.
Seine Brille sei für einen Spitzenkandidaten vollkommen indiskutabel.
Dazu auch noch Anhänger des FC Bayern München. Eine fußballerische Landesflucht, die eines Kandidaten für das Amt des hessischen Ministerpräsidenten unwürdig sei.

Nichts gegen Ratschläge an sich, nur bei den guten ist Skepsis angebracht. Mancher gute Ratschlag entpuppt sich nämlich bei näherem Hinsehen bestenfalls als gut gemeint. Wenn überhaupt. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Kurt Tucholsky soll das gesagt haben. So treffend hätte ich mein Misstrauen gegenüber guten Ratschlägen selbst nicht ausdrücken können. Aber ich bin ja auch nicht Tucholsky.

Grundsätzliche Vorbehalte gegen Zeitgenossen mit Doppelnamen äußert die Online-Ausgabe des Magazins der Süddeutschen Zeitung in dem Beitrag »Einer zu viel«. Ein Doppelname sei kein brauchbares Markenzeichen für einen aufstrebenden Nachwuchspolitiker, signalisiere er doch Unentschlossenheit, Humorlosigkeit und Verdrießlichkeit. Die Autorin des SZ-Magazins verweist dazu auf eine Studie, nach der überwiegend Lehrerinnen mit Doppelnamen nach Schönheitsoperationen mit dem Ergebnis unzufrieden seien.

Ein unzulässiger Vergleich. Thorsten Schäfer-Gümbel ist keine Lehrerin, sondern Politologe, und dafür, dass er schon eine Schönheitsoperation hinter sich hätte, fehlt jeder Anhaltspunkt.

Doppelnamen mögen unpraktisch sein, beim Buchstabieren am Telefon, beim Ausfüllen von Formularen, und spätestens, wenn der Grabstein im Querformat breiter ist als die Friedhofsverwaltung erlaubt. Aber sonst spricht nichts gegen einen Doppelnamen, auch nicht bei einem Mann, und eben der Vorwurf schwingt mit in der vielstimmigen Kritik an Thorsten Schäfer-Gümbels Unterschrift im Reisepass. Denn bei Frauen wird nichts gegen Doppelnamen eingewendet. Sogar die oben zitierte Kritikerin führt ausdrücklich positive weibliche Beispiele an, aus denen trotz des Doppelnamens etwas geworden ist, Christiane Nüsslein-Volhard, Biologin mit Nobelpreis, Carla Bruni-Sarkozy, die singende französische Präsidentengattin, und die erfolgreichen Skisportlerinnen Evi Sachenbacher-Stehle und Claudia Künzel-Nystad.

Neben dieser Aufzählung fällt ein Schäfer-Gümbel sprachlich wirklich nicht auf. Erst recht nicht neben einer bayerischen FDP-Spitzenpolitikerin, die, und das vollkommen unbeanstandet, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger heißt. Sogar das wird als Name akzeptiert, und nicht als ungeordneter Vorbeimarsch des Alphabets abgetan, oder, wie Mark Twain dergleichen in seinem Aufsatz »Die schreckliche deutsche Sprache« nannte, als Buchstabenprozession.

Kein Grund also, den Kandidaten Thorsten Schäfer von seiner angeheirateten Gümbel hinter dem Bindestrich abbringen zu wollen. Für ihn als Spitzenkandidaten hat der Doppelname sogar einen entscheidenden Vorteil, denn so kann er auf den ersten Blick von den vielen anderen Schäfers unterschieden werden. Er ist nicht der einzige, der so verfährt. Keine Verwechslungsgefahr also beispielsweise zwischen Thorsten Schäfer-Gümbel, der in Hessen nach Wählerstimmen sucht, und Schäfer Heinrich, der in der Fernsehsendung »Bauer sucht Frau« Ausschau nach einer Schäferin hielt. Dafür ein Hoch auf die Doppelnamen.

Damit ist der erste gute Ratschlag zerplatzt, und den beiden anderen ergeht es nicht besser.

Die Brille des Kandidaten Schäfer-Gümbel musste sich scharfe Verrisse gefallen lassen. Optikermeister Detlef Michel nannte sie in der Internet-FAZ ein »Unding«, das unvorteilhaft »80 Prozent Untergesicht« von »einer kleinen schmalen Denkbeule obendrauf« abgrenze, an die man »sofort mit einem Grafikprogramm dran« wolle.
Das ist eine Sache des Geschmacks, und über den sollte man bekanntlich nicht streiten. Wenn ein Politiker eine Denkbeule mitbringt, ist das im Übrigen kein Grund zur Klage. Ganz im Gegenteil. Eins steht fest: das »Unding« auf Schäfer-Gümbels Nase taugt als Markenzeichen. Ist das nicht genug?

Auch der Vorwurf, Thorsten Schäfer-Gümbel sei mit seiner fußballerischen Vorliebe für den FC Bayern München den Hessen untreu, ist schnell entkräftet. Zu leicht könnte er sich mit einem Bekenntnis zum hessischen Erstligisten Eintracht Frankfurt gegen die Anhänger anderer Vereine stellen. Da ist es doch schlauer, sich für die Fußballbundesliga nach Bayern abzusetzen, und sich in der hessischen Heimat der politischen Landesliga zu widmen. Fußballerische Heimatverbundenheit bewahrt er sich mit seiner Nähe zur Turn- und Sportgemeinde Leihgestern (TSG), einem kleinen Bezirksligisten. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Wenn der Schäfer-Gümbel aus der Politik alles so lassen will, wie es ist, kann er den Besserwissern, die ihm seinen Namen, seine Brille und seine bajuwarischen Fußballer ausreden wollen, mit den Worten von Schäfer Heinrich aus »Bauer sucht Frau« antworten. Der singt in seinem Schäferlied als Refrain: »Oh, oh, so und so, bei uns Schäfern ist das so!«

Sehen Sie auch kolumnen.de-Urgestein Lutz Kinkel im Video-Interview mit Thorsten Schäfer-Gümbel!

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Joachim Hübner kam 1954 in schleswig-holsteinischer Kleinstadtidylle auf die Welt. Kaum hatten seine Eltern ihn in Windeln gewickelt, packten sie Nierentisch, Cocktailsessel und Musiktruhe [..]

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