Die Geduld eines Mannes ist so groß wie sein Johannes. Dichtet nicht so der Volksmund über die Herren der Schöpfung, die ihre Seelenruhe bewahren, selbst wenn der Zorn der Damenwelt auf sie losgewittert? Und dass Männer und Frauen nicht zueinander passen, war schon vor Loriots humoristischen Enthüllungen bekannt. Nur wurde die Erkenntnis totgeschwiegen, bis sein Ehedrama um die schwankenden Härtegrade nicht nach der Uhr, sondern nach Gefühl gekochter 4½-Minuten-Eier die Wahrheit schonungslos offenbarte.
Ich nutze die Wortfetzen, die der aufgeheizte Sommerwind an mein Ohr weht, für psychologische Studien über Zusammenstöße der Geschlechter. Was von den Badelaken, Isomatten und den übrigen paar- und familientherapeutischen Lagerstätten zu mir herüber dringt, ist kein Idyll. Überall verunfallte Konversationen. Die Begehrlichkeiten von Mann und Frau sind unüberbrückbar.
Ihr keifendes »Warum hast du denn den Kartoffelsalat nicht eingepackt?« prallt auf sein »Dann hätte zu wenig Bier in die Kühltasche gepasst.« Als ob das nicht schon schroff genug wäre, brummt er seine Herz-Dame obendrein noch an: »Hoffentlich hast du das beim Tragen nicht wieder wie eine Wilde geschüttelt.« Wahre Feierabendlaune kann da nicht aufkommen auf der Liegewiese im Stadtpark.
Irgendwo anders im Getümmel lässt ein Er, denn das ist nun einmal Männersache, die Kohlen qualmen wie einen isländischen Vulkan bei der Vernebelung des Luftverkehrs. Die dazugehörige Sie zickt ihn an: »Ich hatte dir doch ausdrücklich aufgeschrieben, dass du in der Mittagspause ein Baguette kaufen solltest.« Der Holz-Köhler reimt mit kessen Worten: »In der allerhöchsten Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot.« Dass er mit der eisernen Grillzange dazu den Rhythmus klappert, erweist sich als gekonnter Stimmungskiller.
Dieser Sommer geizt nicht mit tropischer Sonne. Etwas oberhalb am Hang nörgelt eine Frauenstimme über die mitgeführte Hautlotion: »Was soll ich denn mit Lichtschutzfaktor 10? Ich brauche mindestens die 36er-Tube. Sonst werde ich krebsrot.« Ich riskiere einen Blick. Ihre Sorge ist berechtigt, ebenso der Kommentar des Begleiters: »Bei dir guckt sowieso niemand hin. Du solltest dich erst mal mit Antifaltencreme einschmieren.« Dem Partnerschaftsklima förderlich sind solche Bemerkungen nicht. Schon gar nicht unter brennender UV-A- und UV-B-Bestrahlung.
Entspannt kuschele ich mich an meine flauschige Decke, und ich genieße den Luxus des Alleineschmorens im Feuer des Zentralgestirns.
Männer und Frauen sind wie Hund und Katze. Er knurrt und bellt, und wenn er dickfellig mit auf dem Sportteil der Tageszeitung gebettetem Haupt vor sich hin dösen kann, ist er zufrieden. Sie faucht, fletscht die Zähne und kratzt mit messerscharfen Krallen. Wenn er schmusen will, verduftet sie. Warum aber das Ganze ausgerechnet zum Amüsement des Publikums auf einer öffentlichen Grünfläche?
Neugierig beäuge ich das Theater und verputze die doppelte Portion türkischer Süßkirschen vom Wochenmarkt. Zwei Neuankömmlinge richten ihr Lager in meinem Kirschkernweitspuckradius ein. Na wartet! Die beiden schaffen es noch nicht einmal bis zu einem gemeinsamen Probeliegen auf der frisch ausgerollten Chemiefaser, weil der Typ schon darauf springt, während die Unterlage noch in der Luft flattert. Erzürnt baut seine Holde einen Schmollabstand auf, bevor sie ihrem Macker den Marsch bläst: »Bist du bekloppt? Das ist kein fliegender Teppich, und du bist kein Sultan.« So beginnt kein harmonischer Feierabend. Mit einem vernichtenden »Männer!« stellt die Gefährtin des Gemaßregelten klar, worauf sie im Leben am ehesten verzichten möchte.
Doch kein Verlass auf Männerhass: Knall auf Fall unternimmt sie einen neuen Anlauf. Mit ruderndem Armkreisen, hektischer als ein Deckenventilator bei Spannungsschwankungen im Wechselstromnetz, wirbt sie um Aufmerksamkeit. Ihre Augen funkeln wie Wunderkerzen. Gebannt starrt sie zur Uferpromenade. Wen hat sie erspäht, der sie verzaubert?
»Luuu-iiiee-tschiiee!!«
Eine knackige Ferienbekanntschaft aus dem letzten Italienurlaub am Lago di Maccheroni? Oder liefert ein neapolitanischer Pizzabote Teigfladen auf die Rasenflächen der kommunalen Gartenbauverwaltung? Nicht übel wäre ein Eisverkäufer, der die überhitzt Herumliegenden mit Gefrorenem aus seinem Wägelchen wiederbelebt.
Alle Rufe seiner Verehrerin, hoch über die Wollustmarkierung der Kreischskala hinaus, bleiben unerhört. Luigi meldet sich nicht. Sie lässt nicht locker und rammt sich zwei Finger in den Schlund. Ihre schrillen Pfiffe in den schmerzhaften Frequenzen der Signalhörner der schwäb'schen Dampfeisenbahnen erreichen den Grund des Badesees. Der Tümpel beginnt zu brodeln. Kinder schwimmen schreiend und Wasser schluckend beiseite. Bademützen rutschen von den Häuptern. Ein schäumender Strudel spuckt eine furchterregende Gestalt aus. Weilt das Ungeheuer von Loch Ness zur Sommerfrische in einem norddeutschen Naherholungsgebiet?
Luigi klettert ans Ufer. Er schüttelt sich trocken. Eine singende Jugendgruppe flüchtet beim Vorbeimarsch schutzsuchend kopfüber ins Gebüsch. Bei der allgemeinen Großwetterlage hatten die Pfadfinder nicht damit gerechnet, in einen Hauptwaschgang verwickelt zu werden.
Der zottelige Luigi gibt Gas. Die braunschwarze Mischung aus einem Sauerländer Breitmaulschnauzer und einer Dithmarscher Bulldogge stapft schnaufend bergauf. Mit beachtlicher Beschleunigung steuert er geradewegs auf mich und sein in meiner Spuckweite vor Wiedersehensfreude ausrastendes Frauchen zu. Dagegen hilft auch kein Kirschkerndauerbeschuss. Das Mondkalb, das vierbeinige, umkreist mich mit einer Ehrenrunde, bevor es sich der für ihn aufsichtspflichtigen Tierhalterin an den Hals wirft. Luigi, aufgerichtet auf den Hinterpfoten, überragt sie um die komplette Länge seines tropfnass schlabbernden Zungenlappens.
Rasch löst sich die liebevolle Umarmung. Der Freizeitpark wird zum Exerzierplatz, die Hundeliebhaberin zur Dompteuse. Ab jetzt herrscht hier Kommandoton. Die Sonnenanbeter im Gras erleben eine Dressurschau der Extraklasse. Die Frau befiehlt, das Tier gehorcht: hinlegen, aufstehen, dahin laufen, hierher kommen, Stöckchen holen, Männchen machen, lautes Bellen, Schnauze halten. Luigi ist ein Meister der zirzensischen Kunst. Er hechtet durch die Ruhezone des Stadtparks wie ein Brauereipferd über den Springreitparcours.
Die Anweisungen der Großwildbändigerin sind sprunghafter als die Akteure im Flohzirkus. Aber Luigi muckt nicht auf. Er erledigt alles nach Geheiß. Statt als Manegengaul hätte er, seinem Gemüt nach zu urteilen, auch als Fleischerhund beruflich Karriere machen können. Doch er pfeift auf des Metzgers saftige Knochen. Luigi ist eine Rampensau. Er sucht den Applaus der Menschenmenge. Dafür nimmt er die Gängelei durch seine bessere Hälfte in Kauf. Für ihn ist das kein Grund zum Wahnsinnigwerden. Warum sollte er wie sein Namensvetter, hierzulande heißen Luigis Ludwig, verzweifeln und dem Vorbild des Bayernkönigs Ludwig zwo folgend ein nasses Ende im See suchen? Von Luigis tränenfeuchten Hundeaugen lese ich ab, dass er sich in Gedanken mit einer Volksweisheit tröstet: Die Seele einer Frau, der Magen einer Sau, der Inhalt einer Leberworscht, bleiben ewig unerforscht.
Das ist Luigis männliches Weltbild von den Frauen. Natürlich nur aus der Sicht eines Mischlingshundes von der Statur eines Dinosauriers. Zweibeiner, die sich angesprochen fühlen, sollten schleunigst in den Spiegel schauen. Sehen Sie aus wie ein begossener Pudel? Haben Sie einen Dackelblick? Dann vergessen Sie die Frauen. Sie brauchen einen Hund, gutmütig und verspielt, für fröhliche Stunden im Park.