Zu dumm, dass die Sache doch noch einen Haken hatte.
Zuerst lief alles reibungslos. Zwei Euro, einer für das Buch und der andere für den Versand. Das sah nach einem Glücksgriff aus, nicht nur des Preises wegen. Auf der Suche nach dem Roman war ich schon lange gewesen, aber bisher erfolglos. Der Buchhandel hatte mich abblitzen lassen: »Nicht mehr lieferbar.« In einem Antiquariat hatte ich auch gefragt. Denen war er noch nicht alt genug. Kein Wunder, dass ich zuschlug, als ich im Internet ein gebrauchtes Exemplar entdeckte. Der Online-Auktionator schwang den Hammer. Eins-zwei-drei war ich dabei.
Fix das Geld überwiesen, und weil auch der Verkäufer zur schnellen Truppe gehörte, steckte der Brief schon nach drei Tagen bei mir im Kasten. Solide verpackt, in einem gefütterten Umschlag. Die Seiten des Buches, das zum Vorschein kam, hatten keine Flecken, keine Eselsohren und keine Einrisse, der Einband sah aus wie frisch aus der Buchbinderei und der Schutzumschlag war makellos. Optisch eine Eins.
Wenn da bloß nicht dieser Haken gewesen wäre.
Das Buch stank erbärmlich. Schon durch die Ritzen des verschlossenen Umschlags drang ein sonderbarer Mief. Nach dem Aufreißen und Auspacken war es nicht mehr auszuhalten. Die Wolke, die sich im Raum verteilte, haute mich aus den Pantoffeln. Der ätzende Dunst, der sich beißend in meine Nasenschleimhäute bohrte, trieb mir die Tränen in die Augen. Wenn im Mittelalter die Pest ihr grausames Unwesen trieb, muss es so gerochen haben. Seit die Seuche ausgerottet ist, dürfte das eigentlich nicht mehr vorkommen. Im Nachhinein frage ich mich, warum ich nicht auf der Stelle die Behörden verständigt und Giftgasalarm ausgelöst habe.
Die Schadstoffattacke schnürte mir den Hals zu. Atemnot stellte sich ein. Als Sofortmaßnahme riss ich alle Fenster auf. Aber draußen war es bitterkalt, und in frischer Luft zu erfrieren war auch nicht verlockender, als im Warmen zu ersticken. Um beidem zu entgehen, war ich drauf und dran, den verseuchten Schmöker geradewegs zum nächsten Recyclinghof zu befördern und im Sondermüll zu entsorgen. Der finanzielle Verlust wäre zu verschmerzen gewesen. Nur wollte ich meine Erwerbung, nach der ich so lange gesucht hatte, nicht kampflos aufgeben. Also nichts überstürzen. Vielleicht gab es eine Lösung. Ob der Kampfmittelräumdienst in solchen Fällen Auskunft erteilt?
Ich rannte in die Küche, riss einen Gefrierbeutel von der Rolle und nahm einen Klemmverschluss aus der Schublade. Mit angehaltenem Atem war ich in wenigen Schritten zurück am Schreibtisch, wo ich schleunigst das Buch eintütete. Schnell noch den Beutel mit der Klammer luftdicht verschlossen, und der Spuk war vorüber, wie bei einem verkorkten Flaschengeist.
Wie kann ein Buch so bestialisch stinken? Kein Raucherhaushalt kann so verqualmt sein. Eine ganze Nacht in der Räucherkammer eines Heringsfischers brächte das nicht zustande. Ein Bauer könnte seine Bibliothek im Kuhstall einrichten, seine Bücher würden besser riechen als das im Plastikbeutel. Und Bücher, die in feuchten Kellern lagern, muffeln im Vergleich dazu angenehm modrig.
Früher holte man sich Haushaltstipps bei der Oma. Die wusste für alles eine Lösung. Die Omas des Computerzeitalters sind Suchmaschinen im Internet. Ich gab »Buch stinkt« ein. Anschließend klickte ich mich durch die Treffer. Das Gelbe vom Ei war, um es vorwegzunehmen, nicht dabei.
Das Buch über Nacht in den Tiefkühler zu legen, war das erste Rezept. Die Stinkbombe zwischen Fischstäbchen, Blattspinat und Lammkoteletts zu deponieren, hätte mir allerdings kulinarische Depressionen bereitet. Besser nicht.
Auf die Idee, das Buch eine halbe Stunde bei 30 Grad im Backofen zu trocknen, habe ich mich auch nicht eingelassen. Schließlich sind doch für fast alle Gerüche Bakterien verantwortlich, und 30 Grad sind in etwa die Temperatur, mit der Laboratorien Bakterienkulturen bebrüten, um sie zu vermehren. Als ob noch nicht genug davon auf dem Buch rumkrabbelten. 100 Grad wäre eine Temperatur, mit der man der stinkenden Bande den Garaus machen könnte. Das ging aber nicht, weil Bücher aus Papier sind. Nach der Methode wird Holzkohle hergestellt. Ich wollte das Buch lesen, und nicht damit grillen.
Den Ratschlag, das Buch mit Parfum zu besprühen, habe ich gleichermaßen in den Wind geschlagen. Klar, dass es gut riecht, wenn ich die Achselnässe der Bakterien mit Deodorant bekämpfe. Aber ich wollte die Biester abmurksen, nicht verwöhnen.
Die am häufigsten empfohlene Methode war zugleich die ungewöhnlichste. Sie basiert auf der Eigenschaft von Katzenstreu, unangenehme Gerüche aufzusaugen. Eine Handvoll, über Nacht zu dem stinkenden Buch in einen Beutel gegeben, soll Wunder wirken. Dagegen sprach nichts, außer dass in meinem katzenlosen Haushalt keine Katzenstreu vorrätig war.
Bald stand ich im Drogeriemarkt in der Abteilung für Katzenzubehör. Katzenstreu wird, was ich vorher nicht wusste, säckeweise verkauft. Für meine Zwecke war das übertrieben. Die Verkäuferin zu bitten, mir eine Portion abzuwiegen, traute ich mich nicht. Ich konnte ihr doch beim besten Willen nicht sagen, dass ich nur für eine Nacht ein Buch im Katzenklo versenken wollte. Mit solchen Äußerungen gerät man leicht in ein schiefes Licht. Ich ging ohne Katzenstreu nach Hause.
Wochenlang lag der Beutel mit dem Buch im Flur. Jeder Besuch machte dazu alberne Bemerkungen. Aber Rat wusste keiner. Bis gestern. Da kam Ina zum Kaffee.
Ina will immer alles ganz genau wissen. Meine Erklärung, was es mit dem Buch auf sich hatte, genügte ihr nicht. Sie roch selbst daran. Sie steckte ihre Nase noch tiefer in den Beutel als für gewöhnlich schon in andere Sachen. Eigenartigerweise fiel Ina nicht um. Sie zuckte nicht einmal, sondern nahm sogar mehrere tiefe Züge. Dann begann sie, verträumt zu lächeln.
Ina sagte kein Wort. Sie war wie weggetreten.
Steckte etwa eine Schnüffeldroge in dem Buch? Hatte der Hund des Nachbarn deshalb neulich vor meiner Tür gebellt? War ich unschuldig in eine Rauschgiftsache geraten?
»Ina, was ist los?«, fragte ich besorgt.
»Eye eye, Sir. Keine Probleme.« Sie salutierte lässig mit zwei Fingern an der Stirn.
»Was ist mit Dir?«, wollte ich wissen.
Ina kicherte albern: »Mittschiffs alles klar.«
Was bedeutete das?
Ina lachte sich schlapp: »Davon fallen die Matrosen aus der Takelage.«
Tatsächlich. Sie war im Rausch und hatte maritime Phantasien. Was für ein Teufelszeug steckte in dem Buch?
Jetzt fing Ina schallend an zu lachen und grölte los: »Käpt'n Schnurr! Eindeutig Käpt'n Schnurr!«
»Ina, bitte reiß Dich zusammen. Wer ist Käpt'n Schnurr?«
»Mein Kater!« Jetzt hatte sie einen Lachkrampf.
»Dein Kater! Riecht der so wie das Buch?«
»Er nicht, aber das, was hinten raus kommt.«
Ich erfuhr, was da so stank.
Ina war sich sicher: »Das Buch lag eindeutig im Katzenklo. Den Geruch kenne ich. Gegen Katzenpisse ist kein Kraut gewachsen. Schmeiß den Schinken über Bord.« Ina blieb bei der Sprache der Seefahrt. Wer einen Kater mit Kapitänspatent hat, kann wohl nicht anders.
Dann beerdigten wir das Buch gemeinsam draußen in der Abfalltonne. Hoffentlich kommt es in der Müllverbrennungsanlage nicht zu Verpuffungen.
»Mach's gut, Ina. Bis zum nächsten Mal. Und schöne Grüße an Käpt'n Schnurr.«