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30.09.08

Joachim Hübner

Ferngespräch im ÖPNV

Noch vor wenigen Jahren verzog sich fast jeder in stille Winkel, um zu telefonieren. Der Apparat stand zu Hause, in der Wohnung, wo man sich vor ungebetenen Lauschern sicher fühlte. Oder im Büro, wo die Kollegen schon deswegen nichts mitbekamen, weil sie selbst telefonierten. Wer dringend von unterwegs Kontakt aufnehmen musste, verschwand in einer Telefonzelle. Die war zwar gläsern, aber dafür so schalldicht, dass niemand aus der Schlange der davor Wartenden etwas davon mitbekam, was drinnen gesprochen wurde.

Das hat sich geändert, seit es Mobiltelefone gibt. Zu Hause telefonieren ist langweilig geworden. Telefonzellen sind aus dem Stadtbild verschwunden. Aber so ziemlich jeder, der sich in der Öffentlichkeit bewegt, telefoniert. Manch einer dem Anschein nach sogar ununterbrochen. Und kaum jemand ist noch bestrebt, niemanden mithören zu lassen. Im Gegenteil: Möglichst laut und deutlich wird gesprochen, so als ob die Aufmerksamkeit anderer geradewegs gesucht wird.

Besonders beliebt sind Ferngespräche in öffentlichen Verkehrsmitteln, bevorzugt in der U-Bahn. Gestern musste (nicht konnte oder durfte, sondern musste) ich Ohrenzeuge eines Gesprächs eines ziemlich jungen weiblichen Wesens werden, das, wie sich aus ihren Worten ergab, gerade ihre Schulzeit beendet hatte. Sie saß auf der anderen Seite des Mittelganges, gut einen Meter von mir entfernt, und ging, mit wem auch immer, die Liste aller Mitschüler durch. Tatsächlich nur die männlichen, denn die weiblichen interessierten in den erörterten Zusammenhängen wirklich nicht. Knabe auf Knabe wurde durchgehechelt, wie er denn so sei, und wie er damals ... (was dann meist unverständlich blieb, weil es in kreischendem Lachen unterging). Außerdem informierte meine Mitreisende eingehend über die weitere Lebensplanung der jungen Herren. Von einem wurde der Besatzung des U-Bahn-Waggons mitgeteilt, der gehe nach Spanien, in einen Ferienclub, um da Geld zu verdienen, als Amateur. Recht so, immer schön bescheiden, erst mal klein anfangen, als Amateur. Die Profilaufbahn wird sich später schon noch ergeben. Schließlich wurde klar, dass meine ÖPNV-Mitreisende mit etwas weiblichem sprach. Sie schlug nämlich vor, man könne doch mal wieder zusammen ausgehen, und zwar »ohne Männer und so«. Unter Männern kann ich mir etwas vorstellen, aber was ist »und so«? Ich weiß es nicht. Das ist eines der Rätsel, die nach U-Bahn-Fahrten ungelöst bleiben.

Eigentlich ist es an der Zeit, dass ich bald mal wieder meine Nummer abziehe. Mitten in der vollbesetzten U-Bahn das Handy ans Ohr nehmen, und dann laut rufen: »Ja, könnt Ihr denn nicht einmal etwas ohne mich entscheiden!« Das wirkt immer. Damit kriegt man jeden U-Bahn-Wagen ruhig, mag er auch noch so überfüllt sein. Und dann können die anderen rätseln, was für ein wichtiger Mensch ich sein mag.

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Joachim Hübner kam 1954 in schleswig-holsteinischer Kleinstadtidylle auf die Welt. Kaum hatten seine Eltern ihn in Windeln gewickelt, packten sie Nierentisch, Cocktailsessel und Musiktruhe [..]

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