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01.11.02

Tobias Kaufmann

Herr Kellner, einmal Selbstjustiz!

»Ups. Ich habe das Auto nicht abgeschlossen«, sagt Süße. Ein paar Tropfen Mittelmeer glänzen noch auf ihrer Schulter. »Naja, das Auto ist noch da«, brumme ich und wische mir den Schweiß von der Stirn, den der beschwerliche Aufstieg hinterlassen hat, vom Strand zurück, hierher auf den Parkplatz zu unserem Mietwagen. Ich taste nach meiner Hose. Süße kramt ein wenig schuldbewusst herum. Die Flugtickets sind noch da. Die große Sporttasche auf dem Rücksitz ist nicht durchwühlt. Meine Hose fühlt sich leicht an. Zu leicht. »Mein Portemonnaie ist weg!« War das mein Schrei? Es gibt Situationen, in denen ein Mensch in wenigen Sekunden all das durchsuchen kann, was sein ist. Wenn man in der S-Bahn schlaftrunken vom Kontrolleur überrascht wird, bekommen Mäntel, Hosen und Hemden zusätzliche gefühlte Taschen und man verflucht die verdammte Schusseligkeit, die erbliche. Wenn man dagegen auf einem Parkplatz in Spanien nach einem Portemonnaie sucht, in dem der Personalausweis, die Kreditkarte und der Mitgliedsausweis des 1.FC Köln stecken, sind alle Taschen wie zugenäht und man wünscht sich nichts sehnlicher, als dass auch diesmal die verdammte Schusseligkeit schuld sein möge, die erbliche. Süße schlägt die Autotür zu. Die Tür schließt nicht. Zwischen dem oberen Rand und dem Dach klafft eine deutlich erkennbare Lücke. Mein Portemonnaie ist weg. Definitiv. Und diesmal ist ein verdammter spanischer Autodieb schuld, mit seinem Brecheisen. Gekauft vermutlich, nicht geerbt.

Wenn man sich daran gewöhnt hat, dass die Straßenschilder mit den Entfernungsangaben offensichtlich rein zufällig in der Landschaft verteilt werden, dass die Ladenöffnungszeiten etwa so durchschaubar sind wie das neue Tarifsystem der Deutschen Bahn und dass Kellner vermutlich schon in der Schule lernen pampig zu sein, ist Spanien ein großartiges Land. Der Urlaub hier war verdächtig perfekt. Bis heute, bis auf den letzten Tag. Auf dem Weg zum Flughafen Malaga übe ich ein neues Wort: GottverdammtwarumhabeichdasPartemonnaie-
nichtsowieallesandereauchmitandenStrandgenommen. Ein langes Wort, aber leicht zu merken. Am Flughafen kann ich es bereits durch einige hübsche Vernichtungsphantasien – Spanien betreffend – ergänzen. Süße erledigt derweil die Formalitäten bei Avis. Plötzlich wird Süße bleich. Der sympathische Autovermieter hat soeben 550 Euro Selbstbeteiligung für die Autotür kassiert. Wir hätten doch einen Mercedes mieten sollen, statt des verbiegsamen Opel Corsa, denke ich auf dem Weg zur Polizei. Dort verbringe ich einen schönen Nachmittag. Fünf Beamte mit Schnäuzer (also auch hier!) Schusswaffe und ohne jede Englischkenntnisse langweilen sich um die Wette. Zwei Schotten kauern auf der Wartebank. Sie sehen aus, als säßen sie schon seit der Eroberung Gibraltars durch britische Truppen Ende des 18. Jahrhunderts auf dieser Wartebank. Aus ihrem Ferienhaus wurden Schmuck und Videokamera geklaut. Die Dolmetscherin kommt. Rote Pömps, rotes Röckchen, enges Blüschen. »Wann geht ihr Flug?« fragt sie. »Vor fünfzehn Minuten«, sagt der Schotte. Ich schmökere in der Broschüre des spanischen Innenministeriums. »Spanien hat eine der niedrigsten Kriminalitätsraten in Europa. Das verschafft uns Lebensqualität. Trotzdem sollten sie folgende Hinweise...« Ich darf meine Anzeige erstatten.

König Juan Carlos blickt von seinem Porträt an der Wand in die Ferne. Er sieht traurig aus. Mein Angebot, das verbogene Avis-Auto zu besichtigen, reißt niemanden vom Hocker. »Sowas haben wir schon mal gesehen« übersetzt die Dolmetscherin. Voll böser Ahnung, dass es keine Sonderkommission für mein Portemonnaie geben wird, unterschreibe ich meine Anzeige in fünffacher Ausfertigung. Auf dem Weg zum Gate hänge ich meinen Gedaken nach. Geiseln brauchen oft Jahrzehnte, um die traumatische Erfahrung zu verarbeiten, in der Hand durchgeknallter Moslem-Extremisten zu sein. Ich habe heute zehn Euro Bargeld, meine bürokratische Identität und 550 Euro für eine Autotür verloren, die nicht mir gehört. Ich werde eine Kolumne schreiben müssen, um das zu verarbeiten. Vor dem Flughafen treffen wir Malte. Er ist braungebrannt, trägt Jeans und Sakko und sieben Pilotenkoffer. Zu Malte gehören ein zweiter Mann aus Cloppenburg, Uwe, der gerade zum Parkplatz fahren will, dessen Frau, Maltes Frau und zwei kleine Gören. Das eine verschwindet mit einem roten Köfferchen im Flughafen-Gebäude. »Wo ist Silena?« kreischt die Mutter. Süße und ich schauen uns an. Wir könnten das Kind greifen und Finderlohn kassieren. Für 550 Euro würden wir es rausrücken. Mama fragt:»Vielleicht ist sie mit Uwe zum Parkplatz gefahren?« »Ich ruf ihn an«, sagt Malte und wählt im Handy. »Hast du ein Telefon, Malte?« fragt die Mutter. Eine schöne Situation. Und dann passiert es. Malte stößt an einen der drei Gepäckwagen, auf den die Gruppe ihre Koffer getürmt hat. Mit vernehmlichem Geklirr fällt der Pfand-Euro zu Boden. Süße und ich stehen wie angewurzelt. Wenn sie den Euro nicht gehört haben, könnten wir das Geld an uns bringen und die finanzielle katastrophale Bilanz dieses Urlaubstages wenigstens ein wenig aufbessern. »Bei Uwe ist sie nicht«, sagt Malte. Panik und Hitze lassen die Luft flimmern. Da! Das rote Köfferchen. Silena. Mama. Gott sei Dank. »Nun geht schon rein«, murmele ich: »es sind nur noch zwei Stunden bis zu eurem Flug nach Düsseldorf!« Wir pirschen uns an das Geld heran. Malte fährt vor. Er sieht neureich aus, bei jeder Handbewegung. Hat nicht auch Robin Hood von den Reichen genommen, um den Armen zu geben? Ich bin seit heute arm. Und dann stelle ich den Fuß auf den Euro. »Nur noch 549 Mal und wir haben die Autotür wieder raus«, sagt Süße.



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