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05.09.02

Tobias Kaufmann

Danke, Dicker!

Der Dicke ist wieder da. Neulich, in der Flutopfer-Sitzung des Bundestages saß er da und grinste vor sich hin. Er ist noch dicker geworden und er hat jetzt einen schicken grauen Anzug, nicht mehr diese hellblauen, wie früher. Helmut Kohl ist auferstanden! Er, der nach seiner Abwahl selbst bei den respektlosen Medien eine wundersame Verkürzung seines Namens in Dr. Kohl erfahren hatte und nach der CDU-Spendenaffäre mit dem Satz »Ich sag nix« Kursk-ähnlich in die Tiefen des Parlaments gegluckert war – er grinst wieder. Und er beleidigt wie in besten Tagen. Wurde einst Michael Gorbatschow von Kohl mit Goebbels verglichen, so hat sich derselbe Doktor der »Gechichte« nun Bundestagspräsident Thierse für einen ähnlich gelungenen Nazi-Vergleich ausgesucht. Der schlimmste Präsident seit Hermann Goering sei Thierse, soll der Altkanzler bei einem Gespräch in der Reichstags-Kantine formuliert haben. Lässt sich dieser Lapsus vielleicht noch ausbügeln, indem Kohl mit Thierse bei einer guten Strickjacke die deutsche Einheit vollendet – wie damals mit Gorbatschow – so beweisen die Fernsehbilder der letzten Tage endgültig, dass das Zeitalter der politischen Superslomo aus sechs Kameraperspektiven erreicht ist. Kohl beschimpft bei seinen Wahlkampfreden pfeifende Gegner als Arbeitslose und Muttersöhnchen. Es ist wirklich wie früher. Endlich.

Wen in meiner Generation würde es noch wundern, wenn der Mann, der uns durch unsere Jugend regiert hat wie ein Naturgesetz, die Wendung »Bundeskanzler Helmut Kohl« nach der Wahl wieder als jene grammatikalische Notwendigkeit erscheinen ließe, die sie vor der Rechtschreibreform und der Neuen Mitte einmal gewesen war? Wenn er demnächst in der konstituierenden Sitzung des schwarz-gelb dominierten Bundestages den stotternden Bayern vom Pult stoßen würde, mit dem Ausruf: »Geh, Edi, ich bin wieder da. Und ich sag nix!«

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass kein einziger Schuss fallen würde, gegen Helmuts Staatsstreich. Es gibt genügend Leute, denen der Dicke gefehlt hat. Ich denke seit einigen Tagen wieder oft an den 100. Berliner Presseball vor gut drei Jahren. Dort konnte ich die Leute bestaunen, denen Helmut Kohl fehlt. Weil sie nicht wussten, wie man in Smoking und Abendkleid, bei Whiskey, Zigarre und Orchester Widerstand gegen die rot-grünen Machthaber leistet, pfiffen und buhten sie einfach ein bisschen, als der neue Außenminister Joschka Fischer an seinem Tisch Platz nahm. Vielleicht ist sogar eine übergewichtige Dame des Berliner Geldadels Fischer beim Tanz auf den Fuß gestiegen, ohne sich dafür zu entschuldigen. Steter Tropfen höhlt schließlich den Stein. Damals war Mathias Döpfner noch Chefredakteur der Zeitung »Die Welt« und wollte von Berlin aus konsequent die Zeitung der Opposition machen. Hätte er gedurft. Von mir aus sein ganzes Leben lang. Döpfner war Ende Dreißig, hatte also noch Zeit und nutzte sie für einen Kommentar in der festlichen Ballzeitung: »Der hundertste Berliner Presseball, der zehnte europäische Presse- und Funkball, müsste eigentlich Helmut-Kohl-Ball heißen.« Ich habe damals fast geweint vor Rührung. Helmut-Kohl-Ball. Döpfners Begründung: Helmut Kohl sei zu verdanken, dass wir nun eine neue Hauptstadt und eine neue Währung hätten. Und – eine neue Regierung. Das fand man damals witzig.

Hätte ja auch niemand gedacht, dass der nächste Helmut-Kohl-Ball aus Schaumstoff und weltraumgetestetem Lederersatz bestehen könnte, die, zu einer Kugel geformt, 2006 auf dem Anstoßpunkt der neuen Münchner Allianz-Arena liegen werden. Rund, glatt und glänzend liegt er da, der Helmut-Kohl-Ball, bis er endlich vom Namensgeber höchstselbst über den Rasen gekickt wird, auf dass die Spiele beginnen mögen. Franz Beckenbauer wird bescheiden zurückstehen und bestätigen, dass wir die Vergabe der Fußball-WM einzig Helmut Kohl zu verdanken haben. Spätestens in diesem Moment werde ich daran denken, dass ich es sicher auch dem Alt- und Neukanzler zu verdanken habe, dass mir Brigitte Nielsen (sie ist so groß und hat so riesige Brüste, dass ich auf die Empore klettern musste, um ihr Gesicht erkennen zu können) damals bei der millionenschweren Tombola des 100. Berliner Presseballs nichts zugelost hat. Keinen Audi, keine Reise, keinen Diamant-Ring, ja nichtmal eine Packung Gummibärchen. Und dann wird mir hoffentlich noch rechtzeitig einfallen, dass es auch an etwas ganz anderem gelegen haben könnte.

Ich hatte kein Los gekauft.



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