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06.05.03

Tobias Kaufmann

Rülpsen für den Frieden

Logo: Viva-Peace-Zeichen

Quelle: viva.tv/download/peace.pdf

Der Krieg ist aus. Das weiß ich schon deutlich länger als US-Präsident Bush. Das verdanke ich dem Jugend-Musiksender Viva. Pünktlich mit Beginn des Irakkriegs war auf Viva oben rechts im Bild wie von Geisterhand ein Peace-Zeichen erschienen. Es blieb dort auch, als der Widerstand gegen die alliierten Truppen nur noch aus der täglichen Märchenstunde von Iraks Informationsminister und friendly Fire bestand. Wenige Stunden vor dem Fall Bagdads ignorierten die Amerikaner sogar frech die Aufforderung eines PDS-Sonderparteitags, sofort abzuziehen. An diesem Abend dachte ich, Viva sei umgefallen. Kein Peace-Zeichen. Doch Süße korrigierte mich. »Es läuft Werbung. Da blenden sie das Peace-Zeichen nie ein.«

Das fand ich einleuchtend. Während es gilt, CDs, Klamotten und Soft-Drinks an den Teeny zu bringen, hat der Frieden Sendepause. Denn die Aufmerksamkeit der Pisa-Generation hat dann dem »Fanta-Kultgruß« zu gelten: Ein gerülpstes »Helloooo!«, das, auf Satellitenanlagen praktiziert, Außerirdische anlockt und neuerdings per SMS verschickt werden kann. Man kann es gemein finden, dass Werbemanager ihre jungen Kunden für so dämlich halten. Aber sind die nicht selbst daran schuld? Kann man junge Menschen bemitleiden, die sich auf die Frage, warum sie gegen den Krieg seien, freiwillig im Fernsehen mit der Befürchtung zitieren lassen, der Irak könne sich aus Rache mit Israel verbünden und Deutschland angreifen?

Wenige Tage später war das Peace-Zeichen oben rechts genauso plötzlich verschwunden, wie es erschienen war. Der Krieg war aus. Selbst bei Viva konnte ich auf telefonische Nachfrage nicht genau erfahren, wann genau und warum das Zeichen verschwand. »Naja, so irgendwann, nachdem Bagdad dann gefallen war«, sagt eine Sprecherin. In echt war der Krieg zwar noch nicht so richtig vorbei, es starben weiter Menschen, aber Viva hatte offenbar gemeinsam mit dem Publikum beschlossen, dass sich das Friedenszeichen aufgrund der Fakten an der Front erledigt hatte. So rein erlebnismäßig. In dieser Hinsicht hat der vom Taschengeld abhängige Teil unserer Gesellschaft übrigens eine erstaunliche Wesensgleichheit mit unserer Regierung vorzuweisen. Vor dem Schießen waren jene, die dieses Land der Arbeitslosen so vielversprechend voranbringen, gnadenlos gegen den Krieg. Nachdem er doch begonnen hatte, waren sie für ein möglichst schnelles Ende und danach ließen sie es sich nicht nehmen, dem Sieger fröhlich zu gratulieren. Natürlich nicht, ohne ihren Teil vom Wiederaufbaukuchen einzufordern. Das erinnert in seiner Schizophrenie und Dreistigkeit wohltuend an unsere Jugend. Von der Ahnung gepeinigt, dass sie wahrscheinlich selbst mit zwei freiwilligen und einer gesetzlichen Altersvorsorge sowie einem Rentenbeitrag von 64,6 Prozent erst mit 89 das Pensionsalter erreichen dürfte, hatte diese vor wenigen Jahren in einer Allensbach-Umfrage folgendes gefordert: Weniger Staat. Mehr Sozialleistungen. Zu merken, dass das ungefähr so logisch ist, wie Tour de France ohne Doping, kann man nicht verlangen von einer Generation, die Demos, Demokratie, Kirche und Bücher deutlich blöder findet als Kernenergie, Handies und Unternehmer.

Denkt noch irgendwer an dieses Lied von Herbert Grönemeyer? Der sang: Kinder an die Macht! Und denkt inzwischen sicher selbst: Lieber nicht. Die Jugend von heute ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Früher war die Jugend von heute frech, muckte gegen Konventionen auf, hörte laut Musik und trug grauenhafte Klamotten. Heute ist die Jugend von heute brav, muckt nur auf, wenn die Fruchtzwerge alle sind, und falls sie doch massenweise demonstrieren geht, dann wenigstens im Einklang mit der Regierung. Zugegeben: Sie hört noch immer laut Musik und trägt grauenhafte Klamotten. Oder wie soll man Oberteile sonst bezeichnen, die so eng sind, dass man sie nichtmal zur legalen Ruhigstellung von abzuschiebenden Asylbewerbern auf dem Frankfurter Flughafen verwenden dürfte?

Wohin das voreilige Entfernen von Peace-Zeichen bei Viva führen kann, hat der 1. Mai in Berlin gezeigt. Die jungen Leute, die dort abseits der bescheiden besuchten Demos ihre Rucksäcke mit den »No War!«-Aufnähern zum Transport von Pflastersteinen nutzen, hatten viel Spaß dabei, den Alten die Party zu vermiesen. »Ich versteh es nicht«, stammelte die Organisatorin eines friedlichen Kreuzberger Straßenfestes, das am späten Abend doch noch zu einer zünftigen Straßenschlacht führte. »Erst demonstrieren die hier gegen den Krieg und dann brechen sie ihn selbst vom Zaun.« Dabei gibt es da gar nichts zu verstehen. Ein Polizeisprecher hat es mit einem einzigen Begriff auf den Punkt gebracht. Bei den Steineschmeißern des 1. Mai habe es sich nicht um Autonome oder sonstwie politisch motivierte Randalierer gehandelt, sondern zumeist um »erlebnisorientierte Jugendliche«. Deshalb war auch das Geprügel der Polizei im Grunde eine spießige Reaktion. Tipp fürs nächste Jahr: Ein gerülpstes »Helloooo!« aus dem Lautsprecherwagen und Fanta für alle aus dem Wasserwerfer könnte die Situation ganz erlebnisorientiert entschärfen.



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